Album-Kritik: Ye und der Karriere-Neustart mit „Bully“

Viel Fan-Service, wenig Substanz: Ye liefert mit „Bully“ sein bisher klinisch reinstes Album – und das ist kein Kompliment.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Möglicherweise wollten wir den alten Kanye gar nicht zurück. „Bully“, das zwölfte Studioalbum von Ye, bürgerlich Kanye West, wirkt stellenweise wie eine Greatest-Hits-Compilation: Soul-Samples, mit jener alchemistischen Finesse geflippt, die Ye zu einem der wichtigsten Architekten der letzten 20 Jahre populärer Musik gemacht hat. Crisp klingende, stadiontaugliche Melodien, polierte – wenn auch bloß solide – Hooks. Und dennoch wirkt das Projekt insgesamt leblos, als käme der Ye, den Fans vielleicht noch kennen, tatsächlich nie zurück – genau wie die Ära, für die er steht.

„Bully“ erscheint im Schatten des viel gescholtenen „Vultures“, das Ye nur mit Mühe auf die Streaming-Plattformen brachte, dabei aber immerhin mit „Carnival“ einen Nummer-eins-Hit landete. Mit „Vultures“ stand Ye vollends in der Defensive – nachdem er mit einer Serie antisemitischer Tiraden und Eskapaden jeden persönlichen wie beruflichen Brückenkopf niedergebrannt hatte, dokumentiert nicht zuletzt in der Doku „In Whose Name?“. Dann folgte ein Song mit dem Hook „Heil Hitler“ (der nebenbei eine Rolle beim viralen Aufstieg des „Looksmaxxing“-Verfechters Clavicular spielte), der Rausschmiss bei Shopify wegen Merchandise mit Hakenkreuzen – und Ye hatte sich damit erfolgreich aus dem Mainstream-Diskurs katapultiert. Er tourte weiterhin international, zu gedämpfter Resonanz, und galt in den USA als eine Art Persona non grata.

Im Laufe der Zeit wurde das kulturelle Klima jedoch genauso toxisch wie Yes ausgefallenste Impulse. So abscheulich seine Ausfälle auch waren – sie fügen sich mittlerweile nahtlos in den alltäglichen Kommentar auf Musks Twitter ein. Und Ye befindet sich auf einer Art Image-Rehabilitationstour. Im Januar beschrieb er in einem Interview mit der „Vanity Fair“ die anhaltenden Folgen des Autounfalls von 2002, der seinen Kiefer bekanntlich verdrahtet zurückließ – der Ausgangspunkt von „Through the Wire“ und, man könnte sagen, von Yes gesamter Karriere. In Kombination mit seinem dokumentierten Kampf gegen eine bipolare Störung reichte das manchen, um Ye zumindest ansatzweise mit anderen Augen zu sehen.

Glanz und Leere

Für die Musik auf „Bully“ ist das Fluch und Segen zugleich – denn das Album klingt zweifellos nach dem Besten, was Kanye seit Jahren produziert hat. Der Opener „King“ ist ein Highlight und klingt ein bisschen wie „Yeezus“ mit geschliffeneren Kanten. Ye rappt fast überzeugend über die Kontroversen der vergangenen Jahre, verfehlt dabei aber knapp jeden echten Treffer. Kurz bevor der Song einen emotionalen Höhepunkt erreichen könnte, werden wir ins blasse „This a Must“ gestoßen, das über einen vergesslichen Trap-Beat mit noch weniger inspirierten Lyrics dahingleitet.

Spotify Ltd. Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Spotify Ltd.
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

„Father“ mit Travis Scott bietet einen weiteren Lichtblick: Die langjährige Chemie der beiden sitzt noch, sie liefern einen punktgenauen Banger im Stil der 2010er, der all jene befriedigt, die sich nach 2016 zurücksehnen. Anderswo, etwa auf „All the Love“, zeigt Ye einige seiner melodisch stärksten Momente seit Langem – irgendwo zwischen der Melancholie seiner „808s“-Ära und der Opulenz von „Life of Pablo“. „Punch Drunk“, „Whatever Works“ und „I Can’t Wait“ setzen konsequent auf das Soul-Sampling-Ethos von Yes frühen Releases, mit anerkennenswertem Ergebnis. Und ein in Hochform agierender Don Toliver tritt auf „Circles“ für einen klar kalkulierten Versuch am Radiohit an, wie er einst Yes Schaffen definierte.

Letztes Jahr wurden Demos von „Bully“ geleakt, darunter „Bully“, „Highs and Lows“ und „Preacher Man“ – die bekannteste Single des Albums. Der Track greift Yes Gespür für das Cineastische auf – man denke an die Videos zu „Runaway“ oder „Bound 2“ – und läuft auf allen Zylindern. So sehr sogar, dass nach den Leaks Gerüchte kursierten, Ye habe das Album mithilfe von KI konstruiert. Die Gerüchte verbreiteten sich so weiträumig, dass Ye beim Release vergangene Woche klarstellen musste, er habe keine KI verwendet.

Menschlich, aber leer

Die Details sind letztlich weniger entscheidend als das Gefühl. Ob Ye nun KI eingesetzt hat oder nicht – „Bully“ wirkt trotzdem wie Jahrzehnte seiner Musik, in ein Computerprogramm eingespeist. Fans hätten diese Songs zwar sicher lieber in den vergangenen fünf Jahren bekommen als das Chaos der Ye-Jahre nach 2020, doch im Herzen von „Bully“ klafft eine Leere. Die Linien sind zu sauber, zu leicht nachverfolgbar – das genaue Gegenteil dessen, was Ye so lange zu einem fesselnden Künstler gemacht hat. In gewisser Weise ist es sein menschlichstes Album bis dato, insofern es beweist: Auch Sterne, die so hell leuchten wie Ye, verlieren mit der Zeit an Strahlkraft.

Jeff Ihaza schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil