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Zola Jesus: Ein Treffen mit der Scream-Queen.


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Zur Einstimmung der neue Clip zum Song „Vessel“:

Und dann war da noch die Geschichte von der christlichen Uni, in der Zola Jesus einmal auftrat. Die Freizeitabteilung, sonst sicher mehr auf Erbauung aus, hatte sie gebucht, warum auch immer. Vielleicht, weil sie Jesus mit Nachnamen heißt. Als sie pünktlich am Messiah College in Grantham, Pennsylvania eintraf, wies man ihr erst mal den Weg in die Cafeteria – das Konzert sollte dort stattfinden. Aber wenn Zola Jesus im Lauf einer Performance zu aufgeregt ist, wenn irgendetwas nicht ganz stimmt oder sie sich spontan vom Blitz getroffen fühlt, reagiert sie auf ganz eigene Weise. Dann tobt sie und schreit ins Mikrofon. Yoko-Ono-haft, ohne Warnung. Schmerzend. Und das tat sie hier. „Die Leute stopften sich schnell noch ihre chicken fingers rein“, erinnert sie sich, „und machten den Abgang, einer nach dem anderen.“ Am Ende hatte Zola Jesus es geschafft, den Speisesaal des Messiah College leerzusingen.

Wann wird das gewesen sein? Solche spektakulären Fehlbuchungen passieren am Karrieranfang, in ihrem Fall also vor zwei, drei Jahren, als sie eben die ersten Platten gemacht hatte. Als ihr gerade der Sprung vom strikt privaten Bettkanten-Homerecording-Zeitvertreib zum öffentlichen Künstlertum gelungen war und sie noch all die Missverständnisse ertragen musste, mit der die Welt einem sehr seltsamen Mädchen wie ihr begegnet. „Nein“, korrigiert Zola Jesus. „Messiah College, das war vor drei Monaten.“ Am 27. April 2011. 16 Tage nach ihrem 22. Geburtstag. In dem Alter ist man es auch nicht gewohnt, dass die Wirrnisse alle schon ausgestanden sind.

Bei der Sängerin Zola Jesus (die in Wirklichkeit  anders heißt, aber dazu später) gilt die Verunsicherung wenigstens beidseitig. Die Künstlerin spürt sie, denn sie ist alles andere als eine Indie-Karrieristin, die fest im richtigen Leben im falschen stünde. Das Publikum spürt sie auch – und das in einer Zeit, in der selbst die berüchtigten YouTube-von-heute-auf-morgen-Stars meistens schon so fix und fertig formatiert aus dem Bett fallen, dass man ihnen kilometerweit ansieht, welche Sachen der Amazon-Algorithmus ihren Fans später mal als Ergänzungskauf empfehlen wird.

Dagegen ist Zola Jesus eine extrem unsichere Affäre. Eine etwas gruselige Person, die ihre Haarfarbe und den Klang ihrer Stimme jederzeit blitzschnell verändern kann. Die plötzlich, wenn man sich im Konzert endlich nach vorn getraut hat, zu brüllen anfängt. Die so ist wie die unberechenbaren Filme von Dario Argento, in denen einem auch beste Dramaturgiekenntnisse nicht verraten, wann die Hexe mit der Spiegelscherbe in der Hand um die Ecke kommt.

Zola Jesus mag Horrorfilme. Der Einfachheit halber nennen viele Kritiker sie ein Gothic-Mädchen, bezeichnen sie als Vertreterin eines Revivals, das man wie fast jedes andere Revival auch schon irgendwie nachweisen kann. In einem Blog-Interview hat sie gesagt, wie sehr sie es hasse, auf den Gothic-Komplex reduziert zu werden. Weil das die Sache ja leider so gut treffen würde.

Die Blogger – männlich, weiß, eh ein bisschen Angst vor Frauen – sind natürlich aus dem Häuschen wegen ihr. Der herbstdunkle und raureifkrus-tige, oft unterholztief soulige, aber nie auch nur andeutungsweise zum Tanzen geeignete Elektro-Pop ihrer zwei Alben und unterschiedlichen EPs wurde gefeiert, bei Pitchfork, Drowned In Sound und Konsorten, mit höchsten Wertungen. So sehr, dass Zola Jesus eben längst auch eine nicht-virtuelle Karriere hat. Gerade ist sie durch die europäischen Sommerfestivals gereist, im Oktober singt sie fast täglich irgendwo in Amerika.

Ihr drittes Album „Conatus“, das Ende September erscheint, wird mit Zittern erwartet. Von immer mehr Leuten, die heilfroh sind, dass es in diesem düsteren Herbst nicht nur die 35. Platte von Björk und das 27. Kate-Bush-Comeback gibt, sondern auch etwas wirklich Aufregendes, Unberechenbares. Vielleicht sogar Beängstigendes.

Wenn man Nika Roza Danilova – so heißt sie wirklich, 22 Jahre, aus Merrill, Wisconsin – dann fragt, ob das denn jemals so vorgesehen gewesen sei mit ihrer Musik, dass diese biestigen, im Privat-idiom gedichteten Avantgarde-Liebeslieder eine so öffentliche Angelegenheit werden würden, mit Interviewreisen, Diplomatie und YouTube-Klickraten, dann antwortet sie: „Ach, ich habe mir immer gedacht: Wenn Leute wie Beyoncé, Lady Gaga oder Madonna das hinbekommen, so hart für ihre Musik zu arbeiten – dann kann ich das auch!“ Ihre Haare sind jetzt wieder blond und lang, sehen noch viel länger aus, weil sie selbst nur knapp einen Meter 50 groß ist. Aber eben nicht Typ Elfe, mehr etwas Trittfesteres. Typ Hobbit zum Beispiel.

Das zivile Erscheinungsbild von Zola Jesus darf man natürlich nie gegen ihre Bühnenperson ausspielen. Die reale Nika kommt mit dünnen Beinchen unter knielangen, wedelnden schwarzen Mantelschößen daher, packt die Multivitamin-Brausetabletten aus der Handtasche, die sie bei Europabesuchen immer hamsterkauft, und macht sich ein zischendes Glas Orange. „Privatsphäre?“, fragt sie zurück. „Die Leute sollen ruhig wissen, dass ich unter Angstzuständen leide. Dann verstehen sie wenigstens, woher meine Musik kommt.“ Sie redet wie ein Collegemädchen, sagt like, awesome und so. „Nervös werde ich nur, wenn Fremde nachschauen, wo meine Eltern wohnen.“

Nika Danilovas Vater war ein russischstämmiger Skatepunk, der Sex Pistols und Dead Kennedys liebte, täglich auf dem Board stand – bis er eines sonderbaren Tages den Naturtick bekam, jeden Morgen die wilde Welt spüren und die Nahrung für sich und seine Lieben selbst erlegen wollte. Und so sollte es sein. Nika wuchs im Wald von Wisconsin auf, in einer Art komfortabler Jagdhütte, ohne Fernsehen und Internet. Der Vater ging regelmäßig mit dem Gewehr los, brachte Hirsche und Fasane fürs Abendessen mit. Die Milch kam von der Kuh des Nachbarn, Hirschköpfe hingen von den Bäumen, die Winter waren kalt. Und die Tochter viel zu klein, um das alles total abgefahren zu finden. Sie entwickelte stattdessen ein schwer erklärbares Interesse für Opernmusik, bettelte bei den Eltern darum, Gesangsstunden bezahlt zu bekommen. Lief oft tief in den dunklen Wald hinein, um üben zu können, ohne dass jemand sie hörte.

„Nichts anderes fühlte sich für mich so befreiend an wie … nicht unbedingt Singen, auch nicht Sprechen, sondern einfach nur Geräuschemachen“, erzählt sie. „Schreien und Brüllen. Die menschliche Stimme ist ja auch ein Warnsignal. Wenn einer angegriffen wird, schreit er. Damit die anderen weglaufen können.“ Als junge Ariensängerin, bei der die Leute durchaus zuhören und nicht davonrennen sollen, kam Nika Danilova jedenfalls nicht weit. Krankhafter Ehrgeiz und ebenso krankhafte Angstsymptome sind bei einer Elfjährigen eine schlechte Kombination: Der Erwartungsdruck, das viele Vorsingen, die eigene übertriebene Selbstkritik führten dazu, dass ihr immer wieder die Stimme versagte. Wovor sie sich dann gleich auch noch fürchten konnte. „Aus der Befreiung wurde Stress.“ Sie musste mit dem Singen aufhören. Nur so konnte am Ende Zola Jesus in die Welt kommen.

Denn obwohl ihr Vater die Skater-Zivilisation hinter sich gelassen hatte – zwischen Hirschkopf und Rehragout lief noch seine Musik. Pistols, Kennedys, Talking Heads, Oingo Boingo. Nika dachte zuerst, das wäre typisches Papa-Zeugs. Aber mit zwölf, tief im Operntraining, war sie Punk-Fan. Dann spielte der Bruder, ein Jahr älter, ihr Stücke der Residents vor, der unnahbaren Abenteuer-Experimentalgruppe aus San Francisco mit den riesigen Augenmasken. Die schon in den 70er-Jahren neben schaurigen Beatles-, Hank-Williams- und James-Brown-Coverversionen verstörende, kunstwillige Konzept-LPs aufnahm, die immer um Popthemen herumscharwenzelten, aber keinerlei schnellen Spaß machten.

„Eskimo“, das Album, auf dem die Residents mit Windheulen und bizarrem Chorgesang angebliche Volksmusik aus der Arktis nachspielen, bekam Nika als Erstes zu hören. „Für eine Zwölfjährige war das harter Stoff“, erinnert sie sich, „aber die Musik bewegte mich zutiefst. Das war der Anfang. Von da an ging ich in diese Richtung.“ Weg vom Wettbewerb der Genialen, hinein ins Zwielichtige und Unklare, in die Musik, die man zwar mit Pitchfork-Rezensionspunkten bewerten kann, die die Standards, an denen sie gemessen werden muss, aber immer selbst produziert. Wie bei Klassikern à la Throbbing Gristle, Diamanda Galás, Lydia Lunch, die im Pop-Sprachgebrauch als Randphänomene bezeichnet werden, die man aber genauso gut als die schmerzende Wahrheit in der Mitte sehen könnte, um die sich die Eskapisten herumdrücken. Wer hat hier mehr Angst – die Künstler oder die Zuhörer?

Zola Jesus veröffentlichte die erste Vinyl-EP  mit eigenen Songs, „Poor Sons“, mit 19 beim obskuren Label Die Stasi. Die Stücke basieren auf einfachen, stolpernden Klavierfiguren, einer übersteuerten Drum-Maschine und anderen Geräuschspielen. Die Aufnahmequalität ist unterer Lo-Fi, die Stimme trotzdem magisch. Als Sängerin kann man Zola Jesus mit niemandem vergleichen – sie erinnert oft an Siouxsie Sioux, an das Vibrierende, Gellende, aber da ist noch eine ungekannte, unheimliche Tiefe, die wohl aus der Oper kommt oder aus dem Blues, den Zola Jesus gar nicht gehört hat. Man kann sich halbwegs vorstellen, wie gut es sich anfühlen muss, wenn einem diese Stimme durch die Gurgel streicht.

Der erste kleine Hit war 2009 „Clay Bodies“ vom ersten Album „The Spoils“, in dessen Video sie in einer Zimmermädchenuniform durch eine Ruine und ein blutrotes Opernhaus läuft. „Stridulum II“ von 2010 klang schon wie eine echte Synthesizer-Symphonie, hier rauschte nur noch der Fernseher, vor den sie sich mitten in der Nacht im Video zum majestätischen „Sea Talk“ („Do you wanna go?/ Do you really know?/ I don’t ever stay awake for you, oh no“) setzt, bevor sie den Bildschirm berührt und der Wind, der durchs Fenster weht, ihre Haare in alle möglichen Formen modelliert.

„Wenn ich als Künstlerin etwas zur Gesellschaft beitragen kann, was ja irgendwie meine Pflicht wäre“, sagt sie überraschend salbungsvoll, „dann ist es die Konfrontation mit der Angst. Mein eigenes Dasein wird maßgeblich von Ängsten bestimmt – aber man kann so nicht leben, als zitterndes Stück Fleisch, das sich zu Hause verkriecht. Man muss der Welt ins Auge sehen. Und die Sicherheit gewinnen, dass man es schaffen wird, in ihr zu überleben.“ Was ist schlimmer für sie – ein Flugzeug oder eine Bühne zu betreten? „Heute das Flugzeug. Wenn ich auf die Bühne gehe, muss ich zwar meine Ängste mit einem Saal voller Leute teilen. Aber ich weiß, dass ich daran nicht sterben kann. Höchstens innerlich.“ Zola Jesus merkt, dass auch gute Gedanken oft blöd klingen, und lacht.

Einmal ist sie trotzdem erschrocken. Da kaufte ein Fan nach der Show eine Platte bei ihr, setzte sich in einiger Entfernung nieder, schmierte mit schamanischem Gehabe Blut aus einer offenen Gesichtswunde auf das Cover und schaute ihr dabei stechend in die Augen. Dass man als extremer Performer extreme Gesten präsentiert bekommt, ist wohl Teil des Ganzen – daran ändern auch die Tatsachen nichts, dass Zola Jesus mittlerweile bürgerlich verheiratet ist, im ungruseligen Los Angeles wohnt. Und dass sie bei der Produktion des neuen Albums „Conatus“ zum ersten Mal nicht das Gefühl hatte, dass diese Musik impulsiv aus ihr herauskam. Sondern dass sie für die Stücke arbeiten musste. „Ich kann das mittlerweile. Ich bin erwachsen genug.“ Es ist eine herrliche, bittere, abenteuerliche, selige Platte geworden, und sie wird von viel mehr Leuten gehört werden als die letzte.

Die Frage, welche Persönlichkeit sie denn gerne mal treffen wolle, ist eigentlich nur Schlussgeplänkel, aber da legt Nika Roza Danilova alias Zola Jesus dann ihr erstaunlichstes Geständnis ab. „Richard Branson!“, sagt sie, mit der Stimme des Fan-Girls. Branson, den Milliardär, den grinsenden Großunternehmer? „Ja! Der Mann ohne Ängste! Er glaubt, er könne alles tun, was er will – das gefällt mir so gut! Und er hat trotzdem Sehnsüchte. Er wollte ins Weltall fliegen. Und er hat’s gemacht.“ Möchte Zola Jesus so sein wie er? „So furchtlos, ja. Ich will in Stadien spielen.“

Dann wird sie schreien müssen. Für die Galerie. Aber wenn sie damit bis zum Einbruch der Dunkelheit wartet, könnte es großartig werden.


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