Zum Tode von Christoph Schlingensief: Videogalerie


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„Damals warst du ein ganz lieber Bub!“, sagt Annemarie Wendl zum schwarz angemalten Schlingensief und meint damit seine Zeit bei der „Lindenstraße“, die von 1986 bis 1987 währte. Dabei windet sie sich in seiner Umarmung, rückt auf dem schmalen Sitz der „U 3000“ hin und her und schlussfolgert: „Und jetzt spinnste vollkommen, weil du so einen Schmarrn machts und so durcheinander bist und jetzt allmählich muss irgendwas deinen Hass bezwingen.“ Nur einer der zahlreichen großen, irren Momente, die seine MTV-Sendung ins Fernsehen brachte. Heute kaum zu glauben, dass man so was mal auf MTV sehen konnte. Ein kurzes Best of:

Schlingensief findet in Harald Schmidt seinen Meister in Sachen TV-Talk. Unvergesslich, wie Schmidt und ein zusehends hektischer werdender Christoph Schlingensief eine kleine Kulturgeschichte des Wichsens auf dem Land geben – und Schmidt klarstellt, dass das Reden über’s Wichsen im Fernsehen heutzutage wirklich nur noch ein müdes Gähnen entlockt. Am Ende ist die Sendung ein Schweigeduell in aufgeheizter Stammtischatmosphäre, die Schlingensief letztlich flüchten lässt: „Da komm ich doch nicht gegen an: Der labert mich doch tot!“

„Wir stürzen den Papst und trinken sein Blut!“ Nur ein Vorhaben, das in Schlingensiefs „United Trash“ lautstark geäußert wird. Unvergesslich: Udo Kier, als schwuler UNO-General.

Ebenso umstritten wie verkultet ist Schlingensiefs satirischer Splatterfilm „Das deutsche Kettensägenmassaker“. Rache ist Blutwurst – die Wiedervereinigung in seinen Augen auch. „Sie kamen als Freunde und wurden zu Wurst“ – so der Claim des Films.

Publikumsbeschimpfung á la Schlingensief: Als Hitlerparodie legt er sich mit der Schweiz an und vergrault große Teile des gesetzten Theaterpublikums, das „ein Stück von Shakespeare sehen will und nicht Ihr Gelabere, Herr Schlingensief!“

Der Ton wird ernster. Todernst. Christoph Schlingensief zerrt seine Angst vor dem Tod, seine Zweifel, seine Krebserkrankung ins Bühnenlicht. „Protokoll einer Selbstbefragung“ so der Untertitel zu „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, das am 21. September 2008 auf der RuhrTriennale uraufgeführt wurde. Die Aufführung steht komplett im Netz, hier der erste Teil:

Vermeintlich topfit auf der Tanzfläche: Schlingensief als Michael Jackson im Juli 2009 im Rahmen der „Mea Culpa“-Oper zu Ehren des verstorbenen Jackson.

Es gab in den letzten Wochen viele Gelegenheiten, Schlingensief in den Medien über seine Krankheit reden zu hören. Gestern auf 3Sat zum Beispiel, in einem Interview mit Katrin Bauerfeind, das zwar aufgrund von Schlingensiefs Monologen sehr sehenswert war, aber dank der fast zu mitleidig säuselnd fragenden Bauerfeind auch ein wenig nervte. Dann lieber Charlotte Roche bei „3 nach 9“, die zwar ihren naiven Tonfall nicht ablegen kann, aber nüchtern und sachlich fragte. Schlingensief gibt zu: „Ich wäre froh, wenn ich die Scheiße nicht an der Backe hätte.“