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30 Jahre „Zurück in die Zukunft“: Komm, wir reisen nach Gestern!

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30 Jahre „Zurück in die Zukunft“: Komm, wir reisen nach Gestern!

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Der Hund, der eigentlich die Zeitreise unternehmen soll, heißt natürlich Einstein – und die Relativitätstheorie ist das Thema von Robert Zemeckis‘ Film, der wahrlich eine fröhliche Wissenschaft für sich ist. Die 30 Jahre, die seit 1985 vergangen sind, entsprechen den 30 Jahren, die damals seit 1955 vergangen waren, was den Blick auf „Zurück in die Zukunft“ umso faszinierender macht. Doc Brown reist am Ende tatsächlich in die Zukunft und bringt eine neue Alarmbotschaft für Marty McFly mit: Er muss abermals als Retter eingreifen.

Im Jahr 1985 funktionierte der Film wie geschmiert, weil er nicht einen Deut Science-Fiction ist, sondern eine High-School-Komödie und eine sentimentale Adoleszenz-Schnurre. Die IDEE ist aber so charmant, dass sie über die holzschnittartige Konstruktion (von Zemeckis und Bob Gale) triumphiert. Die Überwältigungs-Technik besteht aus sehr klobigen Geräten mit sehr großen Knöpfen und Zeigern, die Fernbedienung stammt aus dem Spielzeuggeschäft, und Futurismus bedeutet vor allem Blitz, Rauch und Lärm – die alten Theaterrequisiten also. Christopher Lloyd wurde eine Art Berühmtheit mit seiner Deutung des verrückten Professors Emmett Brown, dessen Frisur dem Haar Einsteins nachempfunden wurde. Michael J. Fox brachte sein Talent ein, auf exemplarische Weise JUNG und HARMLOS auszusehen. Niemand war so 80er-Jahre wie er. Immerzu karriolt er auf dem Skateboard durch die kalifornische Kleinstadt, die 1985 genauso ein Baukastensatz ist wie 1955.

LIBYSCHE Terroristen liefern das Plutonium, das Doc Brown für die Zeitreise braucht, und sie fahren schießend in einem VW-Bus, dem Hippie-Gefährt schlechthin, auf den Dorfplatz. Martys Vater George McFly ist der vertrottelte, biedere Nerd, der von einem Sackgesicht namens Biff herumgeschubst wird, 1985 wie 1955. Martys Mutter Lorraine ist eine wehleidige, zeternde Pomeranze, die sowieso schon in der Vergangenheit lebt. Die delikate Pointe des Films: Sie verliebt sich 1955 in IHREN EIGENEN SOHN und wird von Biff bedrängt. Aber es ist sowieso vollkommen unwahrscheinlich, dass sie den verpeilten Verlierer George auch nur bemerkt, geschweige denn geheiratet hat. Die nervensägende Tochter Linda könnte aus der Mesalliance hervorgegangen sein, nicht aber Marty, der am Esszimmertisch auf die Familie schaut, als wäre er bereits in die Ferne entrückt. Er SEHNT sich danach, nicht mehr da zu sein.

"Zurück in die Zukunft"

Und so sehen wir Zuschauer den Film: als fassungslose Beobachter des Faszinosums, dass 356 Klischees den paradigmatischen Wohlfühl-Film der 80er-Jahre ausmachten. Jeder hat Eltern. Jeder ging zur Schule. Gut, fast jeder. Jeder kannte einen Mr. Strickland, einen belfernden, eifernden Kotzbrocken (wenn auch nur aus dem Kino). Jeder kannte einen Biff (wenn auch nur aus dem Kino). Jeder kannte Liebe. Jeder kannte einen Gitarristen, der sich in der Turnhalle der Schule zum Horst machte. Jeder hatte diese Turnschuhe. Der Film ist selbst die Zeitmaschine, ein „American Graffiti“ aus Zeichen, die wiederum nur aus Filmen stammen: der Tanzwettbewerb, der Diner, die Kirchturmuhr, die Autos, Garagen und Jugendzimmer. Michael J. Fox ist ein so langweiliger Typ, dass sich jeder mit ihm identifizieren konnte, ohne wirklich er sein zu wollen. Wir bewundern Fox nicht, aber wir wünschen ihm alles Gute.

Und dann ist da Huey Lewis, der eine kleine Rolle spielt (natürlich einen Juror beim Band-Wettbewerb) und aus dem Off bei jeder Gelegenheit „The Power Of Love“ bellt, den grässlichsten Song aller Zeiten. „The Power Of Love“ propellerte Lewis zu einer kurzen Karriere als Superstar mit anderen grässlichsten Songs aller Zeiten wie „The Heart Of Rock‘n‘Roll“. Den Gitarristen glaubt man Michael J. Fox zu keinem Zeitpunkt. Die Romanze mit Jennifer Parker ist so abgeschmackt und prüde, dass man hofft, Marty würde in der Vergangenheit doch etwas mit seiner Mutter anfangen. Aber dann würde er ja gar nicht zur Welt kommen.

Und zur Welt kam er sowas von. Viel zu spät, 1989 und 1990, gab es zwei weitere Filme, die „Zurück in die Zukunft“ heißen und den Witz noch einmal und noch einmal erzählen. Michael J. Fox wurde Teen Wolf und Doc Hollywood und dann ein verschlagener Anwalt in „The Good Wife“. Robert Zemeckis erzählte Amerika in „Forrest Gump“ als Schelmenroman und schoss Jodi Foster ins All. Nach Erhebungen von „Time“ empfiehlt sich gerade „Zurück in die Zukunft“ für ein Remake – mit Emma Stone als Marty McFly. Die Vergangenheit wäre dann 1985, und der Witz wäre, dass darin alle „Zurück in die Zukunft“ gucken.

Fotoreport UIP picture alliance / dpa
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