100 Jahre Jack Kerouac: „Er hat das Haus des Rock’n’Roll gebaut.“


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Am 12. März 1922 wurde Jean-Louis Lebris de Kérouac in Lowell/Massachusetts geboren. Wir kennen den Frankokanadier unter seinem amerikanisierten Namen: Jack Kerouac. Sein Roman „On The Road“ von 1957 ist zugleich Gründungsdokument und Landkarte der amerikanischen Gegenkultur und hat das mythisch verklärte Amerika für Generationen zu einem Sehnsuchtsort gemacht. Zu Kerouacs 100. Geburtstag haben wir den australischen Songwriter Robert Forster, der mit seiner Band The Go-Betweens 1986 den Song „The House That Jack Kerouac Built“ veröffentlichte und 1998 die Musik für eine sehr schöne Hörspielfassung von „On The Road“ des Bayrischen Rundfunks schrieb, zur Bedeutung von Kerouac und „On The Road“ befragt.

Bevor ich „On The Road“ als Teenager Mitte der Neunziger gelesen habe, hatte ich bereits von vielen Menschen gehört, die von diesem Buch beeinflusst wurden, wusste auch das ein oder andere über die Beat-Generation und diese ganze Idee, on the road zu sein, mit dem Auto quer durch Amerika zu fahren, schien mir eine mythische Erfahrung zu sein. Ich hatte den Roman also quasi schon verinnerlicht, bevor ich ihn gelesen hatte. Und trotzdem wirkte das Buch auf mich, als wäre es gerade eben für mich geschrieben worden. Wie war das bei dir?

Ich habe „On The Road“ zum ersten Mal Mitte, Ende der 70er-Jahre gelesen. Also in meinen späten Teenagerjahren. Das Buch umgab auch damals bereits ein Mythos. Es war immerhin ein Eckpfeiler der Gegenkultur, also war das Buch präsent, und die Leute um mich herum lasen es. Außerdem war der Roman bereits ein wichtiger Text in der Rock’n‘Roll-Kultur. Soviel ist sicher. Also musste ich mir keine Mühe geben, ihn zu finden oder die Welt und die Ideen kennenzulernen, die das Buch behandelt. Und die Beat Culture, eine besondere Art, das Leben zu leben und zu sehen, war durch andere Schriftsteller – die meisten lebten damals noch – wie Ginsberg, Burroughs, Corso und so weiter nicht nur in der Gegenkultur und Kultur der Rockmusik bekannt, sondern fand auch auf eine zunächst noch sehr vage Art immer mehr Eingang in die Mainstream-Kultur.

Dabei handelt der Roman ja eigentlich von einer Zeit vor Rock’n’Roll.

Stimmt. Der Roman wurde zwar 1957 veröffentlicht. Der größte Teil des Buches wurde aber 1951 geschrieben. Was in dem Text passiert, spielt sich Ende der 40er-Jahre ab. Das ist also ein Roman aus den späten Vierzigern, das kann man schnell übersehen. Deshalb geht es hier um Charlie Parker, nicht um Elvis. Man sagt, die beste Zeit, um in New York gelebt zu haben, war in den Vierzigern – besonders in den späten Vierzigern. Nach dem Krieg, als in der Stadt eine Offenheit und Freiheit herrschte, die sie nie wieder ganz zurückerlangt hat. „On the Road“ beginnt dort genau zu dieser Zeit. Und dieses wilde Underground-Gefühl zieht sich durch das ganze Buch.

Kannst du dich an deinen ersten Leseeindruck erinnern?

Was ich sofort an dem Buch geliebt habe, war, dass „On The Road“ wie Salingers „Catcher In The Rye“ und Fitzgeralds „The Great Gatsby“ so verdammt gut lesbar war. Ich fordere jeden auf, die ersten beiden Seiten zu lesen – sie oder er wird bis zum Ende des Buches nicht aufhören. Was ich auch an dem Buch besonders mag, ist die Lebensfreude. Wie viele Bücher handeln von der Freude am Leben? Kein Mord. Niemand durchlebt eine Midlife-Crisis. Keine fabrizierte Düsternis. Kein endloses Geschwätz über das Familienleben und seine Probleme. Das Buch handelt von Kicks und ist ein Kick für sich.

Welchen Einfluss hatte die Lektüre damals auf dich?

Als ich es, wie so viele Teenager, las, wollte ich mich von meinen Wurzeln lösen und um der Reise willen reisen. Ich konnte nicht, weil ich an der Universität war und Songs schrieb und es zu dieser Zeit nicht das Richtige war, auf ein verrücktes Abenteuer auf der Straße zu gehen. Aber ich wusste, dass der Moment kommen würde und dass Kerouac ein Reiseführer war. Nicht zu dem, was ich auf der Straße finden würde – seine Welt waren die USA Ende der 40er-Jahre –, sondern zum offenherzigen Geist, mit dem ich dieses Abenteuer angehen würde.

Ich kenne unglaublich viele Menschen, die „On The Road“ gelesen haben und sagen, das Buch habe einen großen Eindruck auf sie gemacht. Aber ich kenne nicht so viele, die danach noch einen weiteren Kerouac-Roman gelesen haben.

Du hast Recht, viele Leute haben nur „On The Road“ gelesen. Und in gewisser Weise decken Kerouacs Bücher EINES ab – er steht im Mittelpunkt der Geschichte, wobei sich Zeit und Ort ändern, aber im Grunde erzählt er, was sich direkt vor ihm befindet. Das verleiht seinen Büchern Kraft und Schönheit. „On The Road“ ist sein bestes Buch, und vielleicht muss man nicht mehr lesen, um dieses EINE DING zu bekommen. Ich habe „Dharma Bums“ zweimal gelesen und mag es sehr. Es spielt hauptsächlich in San Francisco – einer Stadt, die ich mag, und es handelt von Buddhismus und einer spirituellen Suche, die entfacht wurde, als Kerouac den jungen Dichter Gary Snyder traf (der immer noch lebt und eine faszinierende Figur ist und ein wirklich guter Natur- und Elogen-Dichter). Dies ist ein wunderschönes Buch – eine schöne kleine Melodie zum großen „One The Road“-Song.

Ungefähr zu der Zeit hast du „On The Road“ gelesen hast, hast du auch begonnen, Songs zu schreiben. Gibt es da eine Verbindung zwischen Kerouac und deinen Liedern?

Kerouac hat meine Texte nicht wirklich beeinflusst. Wenn es etwas gibt, das er mir gegeben oder das ich von ihm übernommen habe, dann war es, unterhaltsam zu sein und die einfachen Dinge um einen herum zu bestaunen. Also… vielleicht gab es einen gewissen Einfluss, da ich diesen Faden immer noch in meinen Songs verfolge.

Und du hast natürlich den Song „The House That Jack Kerouac Built“ geschrieben. Was für ein Haus ist denn das?

„The House That Jack Kerouac Built“ ist zweierlei. Ein Spiel mit der populären Wendung „The House That Jack Built“ – und ich weiß nicht, woher diese Wendung kommt. Und die zweite Sache, für deren Erklärung ich mindestens 1.000 Wörter brauchen würde: Der Song wurde in einer Zeit meines Lebens geschrieben, 1986, als ich in London einen wilden Rock-Lebensstil lebte, den ich gleichzeitig liebte und fürchtete, und irgendwie in meiner durchgeknallten Denkweise könnte man das ganze Ethos von „Live Wild and Die Young“ wie folgt zusammenfassen: „The House Jack Kerouac Built“. Nicht, dass Kerouac das gewollt hätte, aber sein berühmtes Buch war Teil der Rock-Mythologie des schnellen und gefährlichen Lebens, des Flirtens mit dem Tod, das ich damals irgendwie lebte. Ergibt das irgendeinen Sinn? Es war, als wäre Rock’n‘Roll buchstäblich das Haus, das Jack Kerouac gebaut hat. Und ich liebte und fürchtete es.