Satanisten, Teletubbies, Zombies: „28 Years Later: The Bone Temple“
Nia DaCosta inszeniert absurde Glaubensperformances in „28 Years Later: The Bone Temple". Ralph Fiennes tanzt zu Iron Maiden. Jetzt lesen.
Wenn die einzigen prägenden Kindheitserinnerungen ein fanatischer Priestervater und eine permanente Beschallung durch die Teletubbies sind – und später auch noch Zombies ins Elternhaus eindringen –, kann man es kaum jemandem verdenken, im Angesicht der Apokalypse den Verstand zu verlieren. In einer beiläufigen, gerade deshalb umso schockierenderen Rede erzählt Jimmy Crystal (Jack O’Connell) von Fragmenten seiner Kindheit. Vom Anblick jener Teletubbies, die sich über ihre in den Bauch implantierten TV-Geräte selbst betrachten können – ad infinitum. Erinnerung und Fantasie vermengen sich, werden zu einer neuen Realität. Als groteske Konsequenz marschiert man schließlich in Asi-Trainingsanzügen und dem Look eines Jimmy Savile (das echte Monster!), vollführt pervertierte, teletubbyhafte Huldigungen, mordet sich durchs Land und bekennt sich offen zu Satan.
Eine neue Art des Glaubens, in der die Rage-Mutanten, nun „Dämonen“ genannt, keine Rolle mehr spielen.
Das mag zunächst weit hergeholt wirken. Doch Nia DaCosta, die Regisseurin von „28 Years Later: The Bone Temple“, und ihr Autor Alex Garland liefern genau darin eine bemerkenswert präzise Dekonstruktion dessen, was unser Glaubenssystem im 21. Jahrhundert formt: Medien und Kirche. Es ist alles nur Show. Bling-Bling, auf das nur jemand hereinfällt, dem Bildung fehlt. Im auf Mittelalterniveau abgesunkenen Großbritannien der „28“-Erzählung ist das eine Grundvoraussetzung.
Medien und Glauben als Performance
Selbst Dr. Ian Kelson, in der Colonel-Kurtz-aber-in-gutmütig-Darstellung Ralph Fiennes‘ nun endgültig im Kanon der großen Zombiefilm-Protagonisten angekommen (in seiner Nähe kann man sich so sicher fühlen wie sonst nur neben Peter in „Dawn of the Dead“), setzt auf Theater. Er inszeniert eine Performance, um sein Gegenüber zu verwirren. Ein Tanztheater zu Ehren von Iron Maiden und ihrem Hit „The Number of the Beast“. Er blickt in die offenen Münder junger Menschen, die zu wenig Erziehung genossen haben, um zu lernen, dass Gewalt immer schlecht ist, und skandiert „666!“. Klares „Meme-Material“, wird auch Zeit, dass Ralph Finnes mal viral geht. Die Getreuen der Jimmy-Sekte beten ihn an, sind die neuen Lost Boys.
Satanist Jimmy trifft also auf den Atheisten Dr. Kelson, der die „Dämonen“, die Zombies, heilen will. Seine Diagnose lautet: Psychose. Er ist die NHS. Seinen Mutanten Samson macht er drogenabhängig, um zu ihnen vordringen zu können. „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“ – ein Zitat aus dem Talmud, das auch Kelsons Motto zu sein scheint. Die Mutanten haben noch immer Seele und Verstand, anders als Jamie (Aaron Taylor-Johnson) einst urteilte.
Nia DaCostas Mittelfilm der Trilogie
Regisseurin DaCosta macht keinen Rian Johnson, folgt in ihrem Mittelfilm der geplanten „28“-Trilogie also den etablierten Gesetzen – statt sich Quatsch auszudenken, was manche dann wohlwollend als „die Erwartungen unterlaufen“ bezeichnet hätten.
Nur ausgerechnet mit Spike (Alfie Williams), der Verbindungsfigur von „28 Years Later“ zu ihrem Film, weiß sie recht wenig anzufangen. Der Junge leidet sich mit nach unten gezogenen Mundwinkeln durch den 107-minütigen Film. Kein Wort verliert Spike über seinen Vater (Aaron Taylor-Johnson), kein Wort über seine Mutter (Jodie Comer). Dabei ist sein Entschluss zu einer Coming-of-Age-Reise, sein Walkabout, der Anfangspunkt von „Bone Temple“.
Anders als Jimmy wuchs Spike zumindest nicht mit einem Priester der Verdammnis auf, und auch nicht mit einem Kinderprogramm voller posthumaner, mit Antennen bestückter Kinderkörper, einem Fernsehprogramm, das jeden LSD-User schlagartig ausnüchtern würde. Nia DaCostas alleiniges Interesse gilt Dr. Kelson, Jimmy und nicht zuletzt Mutant Samson (Chi Lewis-Perry).
DaCosta fehlt ein wenig von Danny Boyles Pop-Magie. Boyle wird bald 70 Jahre alt, kann aber noch immer Filme drehen, die frischer aussehen als die vieler Epigonen. So viele traumhafte Szenen. Ein Zombie, der zu Wagnerklängen im Mondschein rennt, Renton, der zur romantischen Musik Brian Enos aus einer Toilettenschüssel auftaucht – Sie kennen all diese Momente.
Musikwahl und Stilfragen
DaCostas Needle Drop von Radiohead wirkt nun etwas gezwungen, anders die Musikbiografie Dr. Kelsons, der mit einer Best-of-Auswahl von Duran Duran – „Girls on Film“ (John Taylors Bass wummert wohl nie besser als in Kelsons Kellerversteck), „Rio“, „Ordinary World“ (zum Glück kein „Hungry like the Wolf“) – die Schlüsselszenen seines postapokalyptischen Lebens illustriert.
Die Saga hat einen weiten Weg zurückgelegt. Vom Postboten Jim, der in „28 Days Later“ in einem Londoner Krankenhaus aufwacht und nicht begreift, wer diese Menschen sind, die schreiend und beißend durch die Straßen rennen, bis zu „28 Years Later: Bone Temple“, das einen Dr. Kelson zeigt, der an einem Fluss auf einer Wiese sitzt, neben ihm ein betäubter Rage-Zombie Samson. Beide genießen das Sommerwetter.
Ideologie und Zusammenleben
Für Dr. Kelson ist ein Zusammenleben mit den Zombies möglich, nachdem sie umprogrammiert wurden. Er vertritt die Ideologie der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, denen es nicht darum ging, die Wirtschaft der besiegten Länder zu zerstören, sondern deren Ideologie.
Um diese Analogie, um Gedanken Churchills, geht es auch in den letzten Minuten von „Bone Temple“. Hoffentlich gibt es einen dritten Film.