Wie kommen die Menschen hinter den Kulissen der Live-Branche durch die Krise? „Autokino-Konzerte will ich nicht noch mal erleben“

Er war mit Deichkind, Rammstein und Casper auf Tour – hier erzählt der Set-Carpenter und Stage-Manager Mitch Reichel von seiner Odyssee durch die diversen Coronahilfsangebote, bürokratische Hürden, seiner Angst vor einer Generation Corona und über die schütteren Perspektiven auf das Konzertgeschehen der näheren Zukunft.

Mitch, du arbeitest als Set-Carpenter und Stage-Manager auf großen Tourneen. Wie muss man sich diese Berufe als Laie vorstellen?
Als Set-Carpenter kümmere mich um aufwendige Spezial-Bühnenaufbauten, im Grunde alles, was nicht Licht, Ton oder Video ist. Als Stage-Manager wiederum koordiniere ich die Logistik des Auf- und Abbaus bei Konzerten sowie die Koordination zwischen örtlichem und überregionalem Personal. In der einen oder anderen Funktion war ich in den vergangenen 25 Jahren quasi durchgehend mit Acts wie Rammstein, Sido, Kraftklub, Casper und Deichkind auf Tour. Ich arbeite also überwiegend auf ganz großen Produktionen und bin im Allgemeinen mindestens 300 Tage im Jahr beschäftigt.

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Ziemlich genau heute vor einem Jahr bist du durch die Verordnungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie von einem auf den anderen Tag arbeitslos geworden. Wie hast du das erlebt?
Das Jahr ging mit der letzten Deichkind-Tour gut los, davor waren noch vier Wochen Vorbereitungszeit. Dadurch war ich von Anfang Januar bis März durchgehend beschäftigt. Während der Tour wurden die Anzeichen der Pandemie immer deutlicher. Am Tag nach dem Zürich-Konzert sind unsere Freunde von AnnenMayKantereit schon gar nicht mehr über die Schweizer Grenze gekommen. Wir haben die Tour aber noch abschließen können. Danach sollte es eigentlich direkt weitergehen, mit Proben für eine andere Tour, aber dazu ist es nicht mehr gekommen.

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Weißt du noch, was du damals gedacht hast?
Es hat sich komisch angefühlt. Eine kurze Zeit fand ich es auch mal ganz angenehm, nicht so viel zu arbeiten. Es wurde dann aber ja relativ schnell klar, dass es sich hier um eine mehrjährige Geschichte handeln könnte und da kommt einem als Selbstständiger schnell die Frage, wie man dann noch Geld verdienen soll.

„Ein Selbstständiger, der nach einer Woche bereits Hilfe vom Staat braucht, hat grundsätzlich etwas falsch gemacht“

Du bist einer dieser sogenannten Soloselbstständigen, die seit Monaten durch die Debatte geistern. Externe Dienstleister wie du sind in der Veranstaltungsbranche am schwersten von der Krise betroffen. Wie bist du wirtschaftlich durch das letzte Jahr gekommen?
Ich bin der klassische Soloselbstständige. Immerhin hatte ich das Glück, schon mal zwei Monate am Stück gearbeitet zu haben. Einen kleinen Puffer gab es also. Ein Selbstständiger, der nach einer Woche bereits Hilfe vom Staat braucht, hat grundsätzlich etwas falsch gemacht. Trotzdem: Ich arbeite in einer durch die Pandemie besonders schwer betroffene Branche. Es klingt immer ein bisschen blöd, wenn man das so sagt, ich will hier keine Branchen gegeneinander ausspielen.

Aber?
Das Gefühl, von der Politik vergessen zu werden, war schon da, nicht nur bei mir. Die Veranstaltungsbranche ist ein mächtiger Wirtschaftszweig, hat aber keine vergleichbare Lobby wie Automobilindustrie oder Gastronomie, die beinahe ebenso hart betroffen ist. Hotellerie und Gastronomie hatten zwischendurch aber immerhin Perspektiven.

Hast du staatliche Unterstützung beantragt und wenn ja, welche Erfahrungen hast du gemacht?
Gleich am Anfang habe ich die Corona-Soforthilfe in Höhe von 9000 Euro beantragt und auch schnell bekommen. Als später klar wurde, dass das Geld nur für Betriebsausgaben gedacht war, hatte ich ein schlechtes Gewissen und habe den größten Teil zurückgezahlt. Ich habe nämlich praktisch keine Betriebsausgaben. Also blieb zunächst nur Hartz IV. Ich wohne mit der Mutter meiner Kinder zusammen, wir bilden also eine Bedarfsgemeinschaft.

Es wurde ja immer wieder auf den deutlich vereinfachten Zugang zum Arbeitslosengeld II verwiesen, wie hast du das erlebt?
Besonders einfach fand ich das nicht. Immerhin wurde mir dann aber eine Hilfe in Höhe von 312 Euro pro Monat gewährt, die allerdings nicht über mein Konto ging, sondern direkt als Unterstützung für den Krankenkassenbeitrag an die Kasse. Außerdem gab es 75 Euro für die Kinder für das neue Schuljahr.

Davon kann man nicht leben …
Zwischendurch hatte ich das Glück, auf ein paar Autokinokonzerten arbeiten zu können. Außerdem war ich mit Sido in der Berliner Waldbühne und in Dresden. Die Waldbühne mit 4800 Leuten war schon ein trauriger Anblick, aber in Dresden sah es im Publikum fast so aus wie immer, das hat kurz meinen Optimismus genährt. Später wurde den Entscheidungsträgern klar, dass die Soforthilfe ein bisschen an unserer Realität vorbei war und es gab die diversen Überbrückungshilfen, die man über den Steuerberater beantragen konnte. Das hat bei mir auch geklappt und dafür konnte ich mir dann auch mal ein Paar Socken oder ein Brötchen kaufen. Ich bin psychisch ein relativ stabiler Mensch, aber irgendwann geht einem das Wort Existenzangst durchaus durch den Kopf.

„In einem anderen Job würde ich geregelte acht Stunden am Tag arbeiten und wäre jeden Abend zu Hause, warum sollte ich also wieder auf Tour gehen? Weil es mein Leben ist“

Hast du dich nach beruflichen Alternativen umgesehen?
Ich habe tatsächlich zwischendurch drei Monate mit einer befreundeten Tischlerei ein Krankenhaus ausgebaut. Die Branche dauerhaft zu wechseln kann ich mir aber nicht vorstellen. Es wird ohnehin interessant sein, zu sehen, wer alles noch da ist, wenn es irgendwann wieder losgeht. Natürlich gibt es auch bei mir solche Gedanken: In einem anderen Job würde ich geregelte acht Stunden am Tag arbeiten und wäre jeden Abend zu Hause, warum sollte ich also wieder auf Tour gehen? Weil es mein Leben ist.

Welche Hoffnungen hast du noch für das Konzertjahr 2021?
Es wird vermutlich wieder coronakonforme Varianten in Schlossinnenhöfen und Stadtparks geben. Wo sonst 5000 Leute hindürfen, sind dann vielleicht 500 mit Abstand erlaubt. Das sind aber keine Konzepte, mit denen irgendjemand Geld verdienen kann. Da geht’s um Zweckoptimismus und darum zu zeigen, dass wir überhaupt noch da sind. Autokino-Konzerte will ich nicht noch mal erleben. Das ist nicht wirtschaftlich und hat mit einem klassischen Konzerterlebnis nicht viel zu tun. Meinen Optimismus habe ich aus irgendeinem Grund aber trotzdem nicht verloren. Aber weißt du, was meine Befürchtung ist?

Wir sind gespannt …
Dass durch die lange Zeit ohne normales Live-Geschehen eine Generation heranwächst, die ihre ersten Konzerte im Stream erlebt und für die das dann irgendwann normal wird. Bevor das passiert, muss es unbedingt wieder losgehen!

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