Ist Anthony Kiedis schwerhörig?
Produzent Michael Beinhorn erklärt, warum Anthony Kiedis als Sänger anders hört – und weshalb Emotion wichtiger ist als Technik
Spätestens seit ihrer Aufnahme in die Rock & Roll Hall of Fame gehören die Red Hot Chili Peppers zu den kanonisierten Größen der Rock-Historie. Bis heute spielen sie ausverkaufte Stadiontourneen. Umso bemerkenswerter ist eine Aussage ihres früheren Produzenten Michael Beinhorn: Frontmann Anthony Kiedis sei schwerhörig und meist unfähig, Tonhöhen wahrzunehmen.
Eine überraschende Einschätzung
Beinhorn, der die Traditionsalben The Uplift Mofo Party Plan (1987) und Mother’s Milk (1989) produzierte, äußerte sich dazu kürzlich in einer „Ask Me Anything“-Session auf der Plauderplattform Reddit.
Anlass war die Frage eines Fans, warum Gitarrist John Frusciante auf dem Song „Knock Me Down“ den Leadgesang mit Kiedis teilt.
Das Stück gilt als Hommage an den verstorbenen Gitarristen Hillel Slovak, einen engen Freund von Kiedis und Frusciantes Vorgänger in der Band.
Die Geschichte hinter dem Song
Beinhorn versuchte zu erklären: „Ich freue mich, dass du ‚Knock Me Down‘ so sehr schätzt. Es war damals ein Bruch mit dem bisherigen Sound der Peppers. John sang den Song – oder besser gesagt: Seine Stimme ist im Mix lauter –, weil das Stück melodisch ist und Anthony damals wie heute tontaub war. Das bedeutet, er ist unfähig, korrekt Tonhöhen wahrzunehmen. Außerdem hat John den Song mehr oder weniger selbst geschrieben, inklusive der Melodie, weshalb es nicht unpassend war, dass er ihn auch sang – zumal er Hillel sehr verehrte.“
Auch über die Reaktion der Band auf das fertige Album äußerte sich der Produzent zurückhaltend, aber deutlich: „Was das Endergebnis betrifft – ich habe nie wirklich erfahren, wie sie den finalen Mix fanden. Als ich Anthony jedoch zum ersten Mal die Songs mit den fertig aufgenommenen Gitarren vorspielte (er war bis dahin bei keiner Session dabei gewesen), rastete er aus – allerdings nicht im positiven Sinne. Ich glaube, die Band hat sich von der Platte ein Stück weit distanziert.“
Frusciantes Perspektive
Dass Kiedis kein klassisch geschulter Musiker ist, wurde auch von John Frusciante selbst bereits früher thematisiert. In einem Interview aus dem Jahr 2003 sagte der Gitarrist über seinen Bandkollegen: „Er weiß nichts über Musik, über Noten oder irgendetwas in dieser Richtung.“
Diese Aussage war jedoch ausdrücklich nicht abwertend gemeint. Frusciante betonte vielmehr die Stärken dieser unkonventionellen Herangehensweise und hob Kiedis’ „emotionalen Zugang zur Musik“ hervor. Er beschrieb ihn als jemanden, der Sounds aus einer sehr unmittelbaren Gefühlsperspektive erlebe und „eine große Fähigkeit habe, Musik zu fühlen“.
Die Aussagen zeichnen auch ein Abbild der kreativen Dynamik der „Californication“-Band.
Wir halten inne und lernen daraus: Musikalischer Ausdruck und kommerzieller Erfolg im Pop müssen nicht zwingend an klassische musikalische Fähigkeiten gebunden sein.