Die Regierung

„Immer unbekannt“

Staatsakt (VÖ: 20.2.)

Tilman Rossmy ringt weiter mit dem Mysterium Liebe.

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In elf Liedern sechsmal „ich“ im Titel zu bringen könnte egozentrisch wirken. Doch ist nicht das Gegenteil der Fall? Wo viele nur noch sich selbst bequem zu Markte tragen, um das dann „authentisch“ zu nennen, kann Tilman Rossmy immer noch nicht anders, als auch mal neben sich zu stehen. „Ist dieser Schmerz jemand anderes als ich?“, philosophiert er gleich zum Auftakt dieses schon fünften Albums seit dem Regierungs-Comeback 2017 in stoischer Versuchung. Der Sänger sucht Distanz, nicht Pathos. Was auch den überschaubaren Appeal für ein größeres Publikum erklären dürfte, mit dem die Band im Albumtitel schon auch kokettiert.

Fassungslos vorm Glück, zwischen Wohnzimmer und Küche, Leere und Erkenntnis

Aber eigentlich ringt Rossmy, einer der begabtesten Nöl/Nicht-Sänger dieses Landes, mit dem großen Mysterium Liebe jenseits bloß romantischer Konnotationen. Dabei kommuniziert er gern mit einer lyrischen Unbekannten. „Sie sagt“ dann etwa, er falle „immer tiefer ins Ich“. Später kann „sie nicht aufhören zu lachen“, weil sie „die Liebe nicht zu fassen kriegt“, während der Protagonist fassungslos vorm Glück steht, zwischen Wohnzimmer und Küche, Leere und Erkenntnis.

Nach prototypischem „Indie-Pop“ und Groove-Intermezzi ist die Musik da bereits ein wenig in sich zusammengefallen wie das berühmte Soufé. Passt schon. Bis Rossmy im Schneckentempo auch noch das Mysterium des Liederschreibens abfeiert. „Wo kommt die nächste Zeile her, und was macht den Unterschied?“, will er wissen. Eine Sentenz wie „Du sagst, du kannst mir gar nichts geben, und das ist mir nur recht, denn ich will gar nichts kriegen“ geht fast – pünktlich zum 650. Todestag – als Hommage auf Boccaccio durch, der schon damals verstanden hatte, dass Liebesobjekte nicht unbedingt auf die Liebe gewartet haben. Die große Unbekannte: immer noch.

Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 3/2026.