Lexi Jones: Als David Bowie starb, war sie eingesperrt

David Bowies Tochter Lexi Jones spricht erstmals öffentlich über Wilderness-Programme, Isolation und den Schmerz, Bowies Tod nicht begleitet zu haben.

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Zum zehnten Todestag von David Bowie, der am 10. Januar 2016 mit 69 Jahren verstarb, gab es weltweit allerlei Huldigungen an den Visionär und Großkünstler, „der immer wieder kreativ mit Konventionen brach, mit Gender-Fluidität spielte und sein Publikum mit Kunstfiguren wie Ziggy Stardust oder Aladdin Sane begeisterte“, wie das ZDF ihren Bowie-Dokfilm einleitete.

Weniger im Rampenlicht stand bislang sein Verhältnis zu den beiden Kindern: Duncan Jones (geb. 1971 als „Zowie Bowie“) verdingt sich seit Jahren im internationalen Sci-Fi-Filmgeschäft.

Die 2000 geborene Alexandria „Lexi“ Zahra Jones, Tochter aus seiner Ehe mit Iman, war bislang nicht als schillerndes „Nepo Baby“ im Showbiz aufgefallen.

Ein Leben in therapeutischen Einrichtungen

Wie verschiedene US-Medien berichten, spricht Lexy in einem länglichen Instagram-Video über ihre Jugend und ihre Zeit in mehreren therapeutischen Einrichtungen. Die heute 25-Jährige schildert darin „entmenschlichende“ Erfahrungen – in einer schweren Phase, in der ihr Vater bereits schwer an Krebs erkrankt war. Mutter Iman wird dabei weitgehend ausgeblendet.

Jones berichtet, sie habe bereits vor ihrem zehnten Lebensjahr eine Therapie begonnen, nachdem ihre Eltern und Lehrer „Veränderungen“ bei ihr bemerkt hätten. Es gab erste Angstattacken; dazu kamen Depressionen und abstürzende Schulleistungen. Mit zwölf Jahren folgte eine Bulimie – bereits mit elf Jahren habe sie begonnen, sich selbst zu ritzen. Aus Wut, Angst und Überforderung durch die Erkrankung des Vaters griff sie zudem zu Alkohol und Drogen.

Das „Wilderness“-Programm

Schließlich sei sie eines Morgens von zwei Männern aus dem Elternhaus abgeholt worden. Vater David hatte ihr zuvor eine Botschaft vorgelesen, die mit den Worten endete, es tue ihm leid, „dass wir das tun müssen“. Gegen ihren Willen wurde sie in ein sogenanntes „Wilderness“-Programm verfrachtet.

Dort habe der Alltag aus einfachen Unterkünften, Kochen über offenem Feuer und strengen Regeln bestanden. Neue Teilnehmerinnen hätten zunächst nicht sprechen dürfen, Kontakt zur Außenwelt sei nur über genehmigte Briefe möglich gewesen. Geduscht habe man einmal pro Woche; Spiegel oder Uhren gab es nicht. Teile der Therapie seien hilfreich gewesen, anderes habe sie als emotional überfordernd erlebt. Einen gewissen Halt gab ihr vor allem die Solidarität unter den Mädchen. Körperliche Gewalt habe sie nicht erfahren – anders als viele andere.

Utah: Isolation und eine neue Freundschaft

Nach drei Monaten wurde Lexy in eine stationäre Einrichtung in Utah verlegt, wo sie über ein Jahr blieb. Auch dort gab es strenge Kontrollen und teils wochenlange Sprechverbote, die sie als Isolationshaft empfand. Zugleich schloss sie dort eine enge Freundschaft und vertiefte durch eine Lehrerin ihre Leidenschaft für Kunst.

Bowies Tod – und sie war nicht dabei

Der Gesundheitszustand ihres Vaters verschlechterte sich unterdessen zunehmend. Jones berichtet, sie habe kurz vor seinem Tod noch mit ihm telefoniert und ihm ihre Liebe ausgesprochen. Als Bowie im Januar 2016 starb, befand sie sich noch immer in dem Programm und war nicht bei ihrer Familie. Besonders getroffen habe sie die Pressemitteilung, er sei im Kreis seiner gesamten Familie gestorben.

Rückkehr und Rückfälle

Nach ihrer Rückkehr nach Hause habe sie die neu gewonnene Freiheit zunächst überfordert. Es kam zu Rückfällen, und sie wurde erneut in eine Einrichtung geschickt. Der wiederholte Wechsel habe in ihr das Gefühl erzeugt, „ein Problem zu sein, das weitergereicht wird“.
Mit ihrem Video will sie zeigen, welche Auswirkungen solche Programme auf junge Menschen haben können – und welche Teile der Persönlichkeit im Prozess des „Repariertwerdens“ verloren gehen. Zugleich betont sie, dass die Erfahrungen sie geprägt hätten. Sie habe früh lernen müssen, sich mit Heilung auseinanderzusetzen, und definiere diesen Prozess heute für sich selbst neu.

Schlaglicht auf die „Troubled Teen Industry“

Lexys Videobotschaft wirft zugleich ein Schlaglicht auf die „Troubled Teen Industry“ in den USA, über die sich überforderte und zumeist sehr gut betuchte Eltern ihrer verunglückten Kinder entledigen. Offenbar ist hier die Karriere weit wichtiger als die so gerne beschworenen Familienwerte.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.