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David Bowie Young Americans


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Es ist nur ein kleiner Notizzettel, aber aus ihm sprachen Bände: „Somebody lied, I say it’s HIP To Be ALIVE“. Beide Worte, „hip“ und „alive“, waren mit Handschrift in Versalien geschrieben. Und dieser auf einem DIN-A 5 Blatt verfasste, mit allerhand Schnörkeln verzierte Text, war hinter einem Glaskasten versteckt – und das vielleicht aussagekräftigste Exponat, das es in der Wanderausstellung „David Bowie“ zu sehen gab.

Nosferatu im Smoking

„I Say It’s HIP To Be ALIVE“: Als Bowie diese Zeilen 1975 für seinen Song „Win“ schrieb, litt er unter immer stärker werdender Kokainsucht. Der 27-Jährige fand, dass sein Überleben ein Statement für die Popkultur sei – ein pervertierte Form vom „Leben für die Kunst“. Bowie hörte auf zu essen und nahm umso mehr Drogen in der Hoffnung, eine neue Richtung für seine Musik zu entdecken. Als er am 1. März 1975 bei den „Grammys“ auftrat, sah er jedenfalls aus wie eine Leiche. Yoko Ono, die mit ihm auf  der Bühne stand, wollte gar nicht glauben, dass es sich bei dem ausgemergelten Nosferatu im Smoking um Bowie handelte.

Mit „Young Americans“ gelang ihm nun einer jener Image-Wandel, die bei so vielen Künstlern nicht funktionieren würden. Er stellt alles auf null, und dann: ein neuer Musikstil, ein neues Outfit, eine neue Haltung.  Alles glaubhaft. Ziggy Stardust hatte er 1973 schon zu Grabe getragen. „Rebel Rebel“ von 1974 war noch Glam. Vielleicht kündigte der Disco-Sound von Stücken wie „1984“ aus dem „Diamond Dogs“-Album noch am ehesten an, was Bowie plante. Er hatte ja seine Philly-Platten gehört. Für die Aufnahmen ging es nach New York und Philadelphia.

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Bowie nannte seine neuen Klänge abwertend bis amüsiert „Plastic Soul“, vielleicht, weil er sich nicht zutrauen wollte, als weißer Brite Soul zu komponieren. Später kokettierte er mit noch härteren Worten: „Das Überbleibsel ethnischer Musik überlebt hier im Zeitalter des Muzak-Rock, geschrieben und gesungen von einem weißen Typen.“

Acht Songs für die Ewigkeit

Entstanden ist eines seiner bis heute stimmigsten Werke, und das mit nur sieben Eigenkompositionen und einem Cover. Nie hat Bowie besser gesungen als zu jener Zeit von „Young Americans“ und dem ein Jahr später veröffentlichten Album „Station To Station“, als er sich mit 28 Jahren endgültig auf dem Boden befand. Hier jauchzt und flüstert er wie nie zuvor, und auch wie danach nie mehr wieder. Nicht nur im traurigen Losertum von „Win“ (einem seiner großen Stücke, nie mehr live gespielt, dafür von Beck 2001 großartig gecovert). „Fascination“, co-komponiert vom damals noch unbekannten Luther Vandross, zeigt Bowie auf der Höhe seiner Gesangskunst. Der assoziativ intonierte Text „can a heart-beat /live in a fever? / raging inside of me?“ ist Ausdruck einer Überwältigung, wie nur Musik sie in einem auslösen kann. Mit den Backgroundsängerinnen Ava Cherry und Robin Clark erarbeitete Bowie sich eine Einheit, die er mit begleitenden Vokalisten danach nie wieder zulassen sollte, sie reichte in Stücken wie „Can You Hear Me“ hin zu einer gleichberechtigten Stimmverteilung.

Im Gesamtwerk des Musikers nimmt „Young Americans“ eine ruhende Position ein. Die meisten Fans reagieren heute auf das Werk mit freundlichem Schulterzucken, obwohl es neben dem durch TV-Auftritte beworbenen Titelstück auch Bowies erste Nummer-eins-Single in den USA enthielt, das mit John Lennon geschriebene „Fame“. In den Siebzigern waren seine anderen Platten lauter: Der New Age von „Hunky Dory“, Ziggy natürlich oder die Berlin-Trilogie.

Auch live war das Album wenig willkommen, bis zum Ende von Bowies Bühnen-Karriere 2004 ließen sich die Bläser-Stücke schwer in die Setlisten integrieren. Eine Tour gab es zu „Young Americans“ nicht, die „Isolar I“-Gigs zu „Station To Station“ berücksichtigten lediglich „Fame“. Auf YouTube-gibt es einige Raritäten aus dem Album, „Win“ zum Beispiel in einer Version der Soul Tour von 1974.

Der Mann bei Soul Train

Die Marketingmaschine lief dennoch gut an, Bowie wurde zu „Soul Train“ eingeladen und sah wieder aus wie „Interview mit einem Vampir“. Er brach eine Lanze für „Street Life“ und „Afro Sheilas“. Einer seiner populärsten Songzeilen bis heute ist immer noch „Do you remember, your President Nixon? /Do you remember, the bills you have to pay/ For even yesterday?“, und dass sie von einem Briten statt eines US-Patrioten stammte, beeindruckte die Hörer sogar noch mehr. Dazu noch der Zynismus von „Fame“, in dem Bowie sich wieder einmal über seine Stellung Gedanken machte: „Fame / What’s your name?“. Bowie nahm seinen Ruhm in Amerika damit vorweg.

Die Tracklist der Platte dagegen war eine heikle Angelegenheit. Begeistert von seiner erstmaligen Zusammenarbeit mit Lennon – das Gitarrenriff stammte jedoch von Carlos Alomar – nahm Bowie „Fame“ noch mit auf „Young Americans“ dazu, außerdem eine lächerlich-patzige Coverversion des Beatles-Stücks „Across The Universe“. Dafür flogen das gute „Who Can I Be Now“ sowie das passable „It’s Gonna Be Me“, vielleicht sein bislang schwierigstes, weil langsamstes Lied, runter. Das Album-Foto zeigt den Musiker als Zigarette rauchenden Crooner, sein gewelltes Haar golden angeleuchtet, so wie auch sein reflektierendes Armband. Eigentlich sah er auf dem Bild recht gesund aus.

Nur elf Monate nach „Young Americans“ kam das in Los Angeles eingespielte „Station To Station“.  Rock, Funk, Metropolis: Allein der über zehnminütige Titelsong drohte das gesamte „Young Americans“-Album zu überrollen. Dazu hatte David Bowie sich eine neue Kunstfigur überlegt, den Thin White Duke. Er beschrieb ihn als Barden, der über Romanzen sang, aber dabei nichts fühlte. Die Idee zu diesem Charakter, sagte er, sei ihm schon seit einem Jahr im Kopf herumgeschwirrt. Auf  „Young Americans“ war von diesem Fake noch nichts zu spüren, überzeugend war er in beiden Rollen.


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