Noah Wyle über „The Pitt“, die Relevanz von Serien und Bruce Springsteen
"The Pitt" ist die beste Krankenhausserie seit "ER". Hauptdarsteller Noah Wyle im RS-Interview.
Vor Kurzem war Noah Wyle bei „Jimmy Kimmel Live!“ und verriet das Geheimnis seines Erfolgs: Er habe ein vertrauenswürdiges Gesicht und könne komplizierte medizinische Fachbegriffe überzeugend vermitteln. Das stimmt. Von 1994 bis 2009, 254 Episoden lang, spielte er bei „Emergency Room“ Dr. John Carter. Er war 23, als „ER“ anlief, heute ist er 54. Und nachdem er zwischendurch in etlichen auch nicht schlechten Serien wie „The Librarians“ oder „Leverage 2.0“ dabei war, ist er jetzt wieder in den weißen Kittel geschlüpft (metaphorisch – tatsächlich trägt er in „The Pitt“ meistens einen Kapuzenpulli).
Mit dem Deutschlandstart des Streamingsenders HBO Max ist nun „The Pitt“ endlich auch hierzulande zu sehen, die zweite Staffel geht gerade zu Ende. Bingewatching kann man allerdings eher nicht empfehlen, dafür sind die je 15 Folgen pro Staffel zu harte Kost. Sie erzählen jeweils in Echtzeit eine Schicht in der Notaufnahme des fiktiven Pittsburgh Trauma Medical Center. Im Zentrum steht Wyle als Dr. Michael „Robby“ Robinavitch, ein fähiger Notfallmediziner, der allerdings noch an den Traumata leidet, die ihm die Pandemie eingebracht hat.
Noah Wyle wirkt so freundlich wie seine Figuren
Im Berliner Hotel Ritz Carlton trägt Wyle natürlich kein Stethoskop, aber das berühmte Lächeln. Er wirkt genauso freundlich wie seine Figuren – und ähnlich verzweifelt angesichts der Realität, die jede Serie übertrifft.
Ein Auszug aus dem Interview, das in der März-Ausgabe des ROLLING STONE komplett zu lesen ist:
Was macht Krankenhausserien so besonders, warum sind sie so erfolgreich?
Krankenhausserien beschäftigen sich eben mit den großen Themen – dem Drama von Leben und Tod, Krankheit, Geburt und Sterben. Wir alle haben wohl eine eingebaute Neugier – wir wollen wissen, was in Krankenhäusern passiert: Wie würde ich dort behandelt werden, was würde ich empfinden, was sieht und hört man da? Vielleicht ist es ein bisschen Konfrontationstherapie. Es ist ein Bereich, mit dem fast alle etwas anfangen können, weil sie früher oder später Berührungspunkte haben. In eine Polizeistation muss man vielleicht niemals im Leben, ins Weiße Haus auch nicht. Aber um Krankenhäuser kommt fast niemand herum, und vieles dort ist wie an anderen Arbeitsstätten auch, daher der hohe Identifikationsfaktor. Der Druck, die Politik, solche Sachen.
Die Serie ist hyperrealistisch, verzichtet auf Hintergrundmusik und andere Ablenkungen. Wieso?
In einem so überfüllten Spielfeld versucht man natürlich etwas Besonderes zu machen. Durch die Echtzeit und durch das Entfernen all der manipulativen Tricks spricht die Serie das Publikum ganz anders an. Wir geben den Leuten nicht vor, wie sie sich fühlen, wie sie reagieren sollen. Sie können sich innerhalb des vorgegebenen Rahmens umgucken und über den Inhalt ihre eigenen Werturteile treffen. Es ist kein passives Schauen, sondern ein aktives – das finde ich fast revolutionär. Das Publikum nimmt teil.
Natürlich geht es um Unterhaltung, aber „The Pitt“ sensibilisiert ja auch sehr für die brutalen Umstände, unter denen das Klinikpersonal leidet. Ist dir das ebenso wichtig?
Für mich ist das sogar noch wichtiger als die Unterhaltung. Der Grund, warum ich bei „The Pitt“ dabei bin, ist, dass ich Aufmerksamkeit auf diese Bevölkerungsgruppe lenken möchte. Ich möchte ein Bewusstsein für das schaffen, was sie durchmachen und leisten.
„Notärzte haben nicht den Luxus, eine moralische Debatte anzufangen“
In der Serie geht es ständig um Leben und Tod, aber auch um Themen wie Amokläufe oder Trans-Rechte. Habt ihr überhaupt Zeit, darüber genauer nachzudenken?
Im Writing Room reden wir natürlich ausführlich über die Themen, aus jedem Blickwinkel – und darüber, wie man aus einer Statistik oder einer Schlagzeile eine gute Geschichte macht, aus Fleisch und Blut, die dann die Menschen beschäftigt. Während ich spiele, denke ich nicht darüber nach. Die echten Notärzte haben ja auch nicht den Luxus, eine moralische Debatte über Waffenkontrolle anzufangen, während sie das Opfer einer Schießerei behandeln. Sie behandeln einfach, und nach der Schicht denken sie vielleicht darüber nach.
Wie viel kann ein Unterhaltungsprodukt oder ein Kunstwerk, in diesem Fall eine Serie, an den realen Umständen ändern?
Weil ich ein Romantiker bin und ein bisschen wahnhaft, glaube ich immer noch: ziemlich viel. Ich glaube, der soziale Wandel wurde mehr von den Künsten als von jedem anderen Gebiet vorangetrieben. Vielleicht wirkt es naiv, daran zu glauben, dass ein Mann mit einer Gitarre etwas Entscheidendes verändern kann – aber manchmal kann ein Song Berge bewegen. Schau dir doch Woody Guthrie an, schau dir Bruce Springsteen an. Er leistet gerade Großes, er hält einen Leuchtturm in Betrieb für viele Menschen, die entsetzt sind über das, was gerade in Amerika passiert. Er kann es auf die richtige Weise ansprechen.
Wenn diese Serie die Ängste der Menschen lindert oder ihnen ein Gefühl der Geborgenheit gibt, dann wiegt das die Erschöpfung, die sich manchmal einstellt, mehr als auf. Wenn ich einen kleinen Teil zu einer Besserung beitragen kann, tue ich das gern.
„,ER‘ war das wahrscheinlich das Wichtigste, was ich je gemacht habe“
Deine Rollen, Dr. Carter und Dr. Robby, scheinen inzwischen berühmter zu sein als du selbst. Wie kommst du damit klar?
In der „New York Times“ stand mal ein Artikel darüber, dass Bela Lugosi immer ein Vampir bleiben wird und James Gandolfini immer ein Mobster und Noah Wyle immer ein Arzt. (Lacht) Ich habe während der Pandemie viel Post bekommen von Ersthelfern, Pflegekräften und Ärzten, die mir erzählt haben, dass ihr Interesse an Medizin durch „ER“ geweckt wurde – und jetzt machen sie diese schwere Arbeit, jetzt retten sie Leben. Für mich bedeutet das, dass – von meinen Kindern abgesehen –„ER“ wahrscheinlich das Wichtigste war, was ich in meinem Leben je gemacht habe. So kam die Idee zu „The Pitt“ überhaupt erst zustande. Meine Karriere mit etwas abzuschließen, das gesellschaftliche Relevanz hat und mich kreativ erfüllt, finde ich völlig in Ordnung.
Was wird in der dritten Staffel passieren?
In Staffel 1 ging es letztendlich ja um den Arzt als Patienten, in Staffel 2 darum, dass Ärzte keine guten Patienten sind – und in Staffel 3 wird es darum gehen, dass Ärzte davon profitieren würden, Patienten zu sein. Mein Ziel ist es, dass Robby erkennt, dass er Hilfe braucht und bekommt, und dass er nun in der Lage ist, die Vorteile dieser Hilfe zu artikulieren. Und dass er den Weg nach vorne beschreitet – nicht nur für sich selbst, sondern für alle anderen, die sich mit seiner psychischen Gesundheit identifizieren können … Ich hoffe, ich kann es genauso gut schreiben, wie ich es gerade gesagt habe!