„The Pitt“ geliebt? Dann unbedingt „Late Shift“ ansehen
Der Schweizer Oscars-Beitrag folgt einer überlasteten Krankenschwester im Nachtdienst – ein europäisches Arthouse-Pendant zu „The Pitt“.
Die meisten von uns schaudert beim bloßen Gedanken an das marode Labyrinth des amerikanischen Gesundheitssystems – und trotzdem schauen wir stundenlang zu, wie hyperkompetente Krankenhausmitarbeiter Fachjargon bellen und um Menschenleben kämpfen. Medizindramen, die das „U“ in Urgenz buchstäblich ausleben, werden mit Trophäen, Einschaltquoten und endlosen Staffelverlängerungen belohnt. Wer die Welt von Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe betritt, fühlt sich sofort heimisch. Der Schauplatz: ein Schweizer Krankenhaus. Die Heldin – Heldin ist tatsächlich der Originaltitel des Films – ist eine Krankenschwester am Rande des Nervenzusammenbruchs während einer Nachtschicht. Das Genre: jener verlässliche Publikumsmagnet, der algorithmusabhängige Streamingdienste in helle Aufregung versetzt. „The Pitt“ geliebt? Dann ist dieses europäische Arthouse-Äquivalent genau das Richtige.
Ein direkter Eins-zu-eins-Vergleich zwischen der erfolgreichen HBO-Max-Serie und dem Schweizer Beitrag, der für die diesjährigen Oscars nominiert wurde, wäre allerdings etwas zu vereinfachend. Der Film läuft ab diesem Wochenende in ausgewählten Kinos in New York und Los Angeles und kommt am 27. März in den breiten Verleih. „The Pitt“ ist ein Ensembeldrama – verankert zwar durch Noah Wyles unwiderstehliche Dr.-Zaddy-Energie –, das Triumphe und Tragödien auf eine große Besetzung und viele nahezu in Echtzeit gespielte Episoden in einer Notaufnahme in Pittsburgh verteilt. „Late Shift“ hingegen begleitet eine einzige Mitarbeiterin einer Krebsstation namens Floria, gespielt von der außergewöhnlichen deutschen Schauspielerin Leonie Benesch, über straff erzählte 90 Minuten.
Dennoch ist leicht nachvollziehbar, warum die Vergleiche nach der Premiere des Films auf der Berlinale 2025 – rund einen Monat nach dem US-Debüt der Serie – sofort die Runde machten. Beide Werke richten den Blick nicht nur auf Menschen, die sich für die Kranken abrackern (auch wenn diese Ärzte sich selbst nicht heilen können), sondern auch auf die Institutionen, die dabei an ihre Grenzen getrieben werden. Die Gesundheitskrise ist kein rein amerikanisches Problem. Sie ist eine globale.
Floria am Limit
Floria hat kaum ihren Kittel angezogen und die Schicht begonnen, als sie erfährt, dass das Krankenhaus heute massiv unterbesetzt ist. Von da an geht es schnell bergab. Sie muss gleichzeitig Infusionen legen und Anrufe wegen verlegter Brillen entgegennehmen. Die Patientinnen und Patienten auf der Station reichen von verängstigt bis arrogant; einige behandeln Floria wie ihre persönliche Assistentin. Angehörige wollen Antworten. Patienten werden ungeduldig. Der Mist trifft früh und oft den Ventilator – oder im Fall eines inkontinenten älteren Herrn den Fußboden.
Gelegentlich fallen kleine Hinweise auf Florias Leben außerhalb der Arbeit – ein beiläufiger Austausch mit einem türkischen Chemo-Patienten enthüllt, dass sie geschieden ist und ein Kind hat –, doch im Wesentlichen sind wir Seite an Seite mit ihr, während sie versucht, die Fassung zu bewahren. Das reicht, um ein Bild dieser Frau zu zeichnen und zu zeigen, dass sie für diesen Beruf gemacht ist. Handlung ist Charakter, und das hier ist ein Charakterporträt, das irgendwo zwischen aufmerksamer Beobachtung und einem Panikattacken-Tempo à la Safdie angesiedelt ist. Floria ist in ständiger Bewegung, huscht von einer Demütigung zur nächsten Wundversorgung – doch der Film gönnt ihr immer wieder kurze Pausen, etwa wenn sie einer gebrechlichen Frau ein Schlaflied singt.
Diese Geste der Zärtlichkeit sagt alles. Dass ihre Aufmerksamkeit gleichzeitig auf Dutzende lebensbedrohliche Aufgaben aufgeteilt ist, die alle sofort erledigt werden müssen, hinterlässt Spuren. Floria ist nur ein Mensch, und sie hat eine Schmerzgrenze. Erstens: keinen Schaden anrichten. Zweitens: versuchen, die teure Uhr eines reichen Patienten nicht aus dem Fenster zu werfen – vor allem wenn sie so viel kostet wie das eigene Jahresgehalt.
Hauch von Stabilität
Als ein Zwischenfall mit der Schmerzmitteldosierung beinahe zur Katastrophe führt, wird deutlich, wie chronisch unterbesetzte Krankenhäuser und ihre übermüdeten Mitarbeiter ständig am Rand des totalen Zusammenbruchs balancieren. Wer Benesch vor allem aus dem deutschen Historienformat „Babylon Berlin“ kennt, weiß bereits, was sie schauspielerisch draufhat. Wer das Glück hatte, sie in „Das Lehrerzimmer“ (2023) zu sehen – einem nervenaufreibenden Film über eine Lehrerin in einem aufgeheizten Umfeld –, kann außerdem bezeugen, dass sie eine Meisterin darin ist, den genauen Moment zu treffen, in dem die Contenance unter Druck zerbricht.
Stück für Stück zeigt Benesch die seelische Erschöpfung von jemandem, der Hoffnung angesichts des Todes am Leben erhalten muss, der Kranken und Sterbenden in ihrer schwersten Stunde beisteht und versucht, in einem Chaos aus verschwundenen Patienten, vertauschten Medikamenten und der ewigen Verwüstung, die mit den Worten „Es tut mir leid, wir haben alles getan, was wir konnten …“ einhergeht, einen Hauch von Stabilität zu bewahren.
Burnout als eigentlicher Feind
Es ist ein intimes Bild vom Zerreißen der Nerven, das entsteht, wenn man täglich mit der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers konfrontiert wird – ein Portrait der Pflegenden als Soldatin im Schützengraben. Der eigentliche Antagonist von „Late Shift“ ist nicht der Tod, sondern der Burnout – noch eine Gemeinsamkeit mit „The Pitt“, dessen noch laufende zweite Staffel das Thema Erschöpfung von Systemrelevanten vom Subtext zum Hauptthema erhoben hat. Der Film endet mit dem Hinweis, dass 36 Prozent der Pflegefachpersonen in der Schweiz den Beruf nach vier Jahren aufgeben und die Weltgesundheitsorganisation bis 2030 einen weltweiten Mangel von 13 Millionen Gesundheitsfachkräften prognostiziert.
Diese Zahlen geben tatsächlich zu denken. Doch der Film verlässt uns auch mit einem Moment von außerordentlicher Schönheit: Ein letztes Bild, das wie ein Echo aus dem Früheren zurückhallt, durchbricht den Realismus, der „Late Shift“ bis dahin geprägt hat. Floria wurde durch die Hölle geschickt. Ein kurzer Blick erinnert sie daran, warum sie es tut – und warum wir mehr Menschen wie sie brauchen, jetzt mehr denn je.