Plottwists gefällig? Dann ist „Over Your Dead Body“ genau das Richtige

Jason Segel und Samara Weaving als unglückliches Ehepaar mit Mordplänen – ein blutiger Thriller-Horror-Romanzen-Mix. „The Gore of the Roses“ lässt grüßen.

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Ihr kennt bestimmt dieses eine Pärchen, das immer nur einen unterschwelligen Streit davon entfernt ist, ein Restaurant in einen Tatort zu verwandeln – einen passiv-aggressiven Seitenhieb davon, eine Dinnerparty zu ruinieren, einen halb gefüllten Weinkelch davon, in einen kompletten Tobsuchtsanfall zu kippen. Das sind Dan und Lisa. Er (Jason Segel) war einmal ein vielversprechender Filmemacher, dessen Debütfilm auf dem Festivalparkett für Aufsehen sorgte. Heute dreht dieser frustrierte Auteur die Pop-up-Werbung, die einem ständig aufs Handy springt. Sie (Samara Weaving) ist Schauspielerin und träumte davon, die nächste Blanchett oder Streep zu werden. Jetzt kämpft sie darum, Rollen in Off-Off-Broadway-Kellertheaterproduktionen zu ergattern. Weder privat noch beruflich noch ehelich sind die beiden auch nur ansatzweise zufrieden. Elend soll bekanntlich Gesellschaft lieben – aber diese zwei? Sie hassen sich abgrundtief, von ganzem Herzen, mit jeder Faser.

Umso verdächtiger ist es, dass Dan gegenüber allen – von seinen Kollegen bis zu seinem pensionierten Vater (Paul Guilfoyle aus „The Good Fight“) – wie beiläufig, aber beharrlich erwähnt, dass sie dieses Wochenende aufs Land fahren. Immer wieder kommt er auf Lisas geplante Wanderung in einem der gefährlicheren Gebiete in der Nähe ihrer Hütte zu sprechen, auf das schlechte Wetter, das erwartet wird, und darauf, dass er sie doch gewarnt habe, vorsichtig zu sein. Fast als würde er sich ein Alibi zurechtlegen, falls seiner „Angebeteten“ irgendetwas Schlimmes zustoßen sollte. Die Tasche mit Seil, Klebeband und Säge in seinem Kofferraum deutet jedenfalls auf eine Agenda hin, die über schnöde Erholung weit hinausgeht.

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Dan und Lisa streiten auf der Fahrt dorthin. Sie streiten, als sie an der hübschen Waldhütte am See ankommen. Sie streiten darüber, wie Dan die Steaks zubereitet – angeblich „ihr Lieblingsessen“ – für ein Abendessen, das sich auf unheimliche Weise nach einem letzten Mahl anfühlt. Ihr Lieblingsessen ist das übrigens nicht – das ist eine ganz eigene Geschichte, die man besser ruhen lässt –, aber der Punkt ist: Sie streiten. Und streiten. Und streiten und streiten und streiten. Streit, Streit, Streit, Streit, Streit! Man ist so damit beschäftigt, den beiden beim gegenseitigen Zerfleischen zuzusehen, dass man einen früheren TV-Nachrichtenbeitrag über flüchtige Strafgefangene fast übersehen hätte. Oder dass man nicht bemerkt hat, dass im hölzernen Messerblock in der Küche ein Messer fehlt.

Hitchcock trifft Nora Ephron

„Over Your Dead Body“ bereitet einen auf etwas vor, das irgendwo zwischen Romantic Comedy und schwarzer Komödie angesiedelt ist – die Geschichte einer verschwundenen Ehefrau und eines „trauernden“ Gatten, zu gleichen Teilen Hitchcock, Nora Ephron und ein Sonderbericht im „Today Show“-Format. Auf dem Weg zu Dans Scheidung-per-Mord-Plan warten allerdings einige Wendungen – und ein gutes Dutzend Plot-Twists und wilde Tonwechsel, die mit 200 Sachen auf einen zurasen. Vielleicht ist Lisa gar nicht so hilflos oder ahnungslos, wie wir dachten. Möglicherweise ist Dans Kumpel Henry (Jake Curran) beim Thema Beihilfe zum Mord noch inkompetenter als bisher angedeutet. Eventuell werden ungebetene Gäste – nämlich die flüchtigen Kriminellen Pete (Timothy Olyphant) und Todd (Keith Jardine) sowie die verliebte Gefängnisaufseherin Allegra (Juliette Lewis) – ordentlich Sand ins Getriebe streuen. Und vielleicht können Rasenmäher, Poolbillard-Kugeln, scharfkantige Pokale und anderes scheinbar harmloses Haushaltsgerät im Bedarfsfall erheblichen Körperschaden anrichten.

Man würde dieses amerikanische Remake des norwegischen Films „The Trip“ von 2021 nicht unbedingt als Horrorfilm bezeichnen, aber angesichts der Menge Filmblut, die in der zweiten Hälfte vergossen wird, ist er definitiv genrebenachbart. „The Gore of the Roses“ lässt grüßen. Wer auch immer Jorma Taccone als Regisseur verpflichtet hat, verdient eine Gehaltserhöhung – denn das Gründungsmitglied der Lonely Island versteht es meisterhaft, die Eskalationsspirale konsequent in Richtung totaler Absurdität zu drehen. Wer „Popstar“ oder die berühmt-bescheuerten „SNL Digital Shorts“ des Trios kennt, weiß, dass Taccone einen ausgeprägten Sinn für visuellen Witz besitzt – Timing ist das A und O der Komödie; Bildausschnitt und Bewegung sind es beim Filmkomik ebenso –, was ungemein nützlich ist, wenn man LOLs und OMGs gleichzeitig choreografieren will. Es gibt ein Wort für diese Art des Geschichtenerzählens, und Taccone gebührt Anerkennung dafür, eine überzeugende Version davon abzuliefern, ohne den berühmtesten Vertreter des Genres einfach nachzuäffen.

Taumel-Modus

Der Film überdreht dennoch gelegentlich, vor allem wenn der dritte Akt vollends in den Taumel-Modus kippt – aber es fällt schwer, einen Film nicht zu mögen, der Segel und Weaving – zuletzt in dem ähnlich bösartigen, herrlich überdrehten „Ready or Not 2“ zu sehen – die Freiheit lässt, so gleichermaßen unsympathisch zu sein. Dasselbe gilt für das Trio Olyphant-Jardine-Lewis, das innerhalb dieser schwarzen Komödie über eine Ehe, die auf vorsätzlichen Tod-bis-uns-scheide ausgerichtet ist, eine Art eigene Amateurtheaterversion von „Escape at Dannemora“ aufführt. „Over Your Dead Body“ weiß: Eine harmonische Beziehung trotz kleinlicher Eifersucht, Paranoia und persönlicher Macken aufrechtzuerhalten ist schwer; eine Geiselnahme mit verzweifelten Irren und Soziopathen zu überstehen ist noch schwerer; und die Balance zwischen Lachern und Würgereiz zu halten ist das Schwerste von allem. Am besten mit jemandem anschauen, den man nicht ausstehen kann.

David Fear schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil