Warum vertrauen so viele Musik-Giganten auf Produzent Andrew Watt?

Der „Rock-Flüsterer“ hat schon Alben von Ozzy Osbourne, Iggy Pop und Pearl Jam veredelt. Nun schenken ihm zum zweiten Mal die Rolling Stones ihr Vertrauen.

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Andrew Watt ist der Mann, dem die Altstars vertrauen. Derzeit führt kaum ein Weg vorbei an dem 1990 unter dem Namen Wotman in New York geborenen Produzenten. Die Sessions mit ihm waren für die Rolling Stones so ergiebig, dass mit dem kommenden „Foreign Tongues“ daraus nun schon das zweite Album entstanden ist.

Blickt man dem agilen Amerikaner ins Rockstar-Antlitz, dann vermutet man allerdings eher andere Klienten. Recht eigentlich erarbeitete sich Watt seinen Erfolg auch eher mit der jungen Garde. Seine Kunden ab 2013 waren: Cody Simpson, Justin Bieber, DJ Snake, Post Malone, Rita Ora, Avicii, Cardi B und Lana Del Rey. Natürlich auch Miley Cyrus, die Watt mit „Plastic Heart“ zur Rock-Röhre umstilisierte.

Doch dann kam Ozzy Obsourne und die Arbeit an „Ordinary Man“ (2020) – und spätestens von dem Zeitpunkt an sprach sich herum, dass Watt einen frischen, gefälligen Sound für all jene herausschälen kann, die sich eigentlich nicht mehr groß verändern und doch so jung wie möglich klingen wollen.

Eine Frage der richtigen Energie

Wenn man Keith Richards vertraut, dann gelingt es Andrew Watt vor allem, nicht nur an den Reglern richtig zu schalten, sondern vor allem bei den Musikern die richtigen Künstler-Knöpfe zu drücken. Zu den gelungenen Aufnahmen von „Hackney Diamonds“ sagte er dem ROLLING STONE: „Andrew hatte einfach die richtige Menge an Energie und das richtige Know-how, um es durchzuziehen.“

Genau das sahen Elton John (der nach den Aufnahmen mit Ozzy ebenfalls direkt auf Watt zurückgriff) und Iggy Pop („Every Loser“) genauso. Nachdem Eddie Vedder seine dritte Solo-LP „Earthling“ in die Hände des Produzenten gelegt hatte, überredete er auch seine Kollegen von Pearl Jam, bei „Dark Matter“ auf ihn zu setzen. Damit Pearl Jam eben Pearl Jam blieben und doch wie eine Band aus den 2020ern klingen konnten.

Man kann nun streiten, ob sein eigentliches Meisterstück nicht doch ist, Lady Gaga mit „Mayhem“ zurück ins Rampenlicht gerückt zu haben und mit minimalsten Veränderungen an ihrem bekannten Pop-Beats exakt das musikalische Bild zu bestätigen, das sich die Menschen über die Jahre von der Sängerin gemacht zu haben. Oder die Produktion von „The Metallica Blacklist“, das die Metal-Veteranen einer neuen Generation näherbrachten. Aber es bleibt trotzdem eher der Eindruck, dass Watt einer der wenigen Produzenten ist, dem der Brückenschlag zwischen den Generationen gelingt.

Weil er auf Schnelligkeit und Raw Energy setzt? Watt ist bekannt für seinen First-Take-Fetischismus. Bloß nicht ewig proben und den Song im Studio zurechtzimmern. Was zuerst im Kasten ist, setzt meistens etwas Magisches frei. Dazu kommt absolute Effizienz. Bei Ozzy Osbournes Album „Ordinary Man“ schrieb und nahm er den Großteil der Songs in nur wenigen Tagen auf. Wohl auch weil der Musiker kaum noch fit genug war, sich ewig Gedanken um Kleinigkeiten zu machen, holte er den Produzenten für das folgende „Patient Number 9“ wieder an Bord.

Andrew Watt ist ein Super-Fan

Es ist nicht klar, ob es Pearl Jam oder den Rolling Stones wirklich im Sinn haben, wieder wie eine Garagenband in ihren Zwanzigern zu klingen, aber Andrew Watt gelingt es, diese Frische zu konservieren. Wie so manche Musiker in Interviews festhalten, die mit ihm gearbeitet haben, liegt das wohl auch daran, dass sich der Produzent ihnen als eine Art Super-Fan nähert. Er kennt jede B-Seite und jedes Gitarrensolo seiner Klienten auswendig. Er bewahrt, statt zu verändern. Mick Jagger bestätigte, dass die Band sofort gesagt bekam, wenn auch nur irgendetwas bei den Proben nicht nach der DNA der Stones klang. Der klassische Sound soll bewahrt werden, ohne dass er altbacken wirkt.

Watt setzt bei der Abmischung der Stücke und bei der Zusammenstellung der Tracks auf den Alben ganz bewusst auf einen Mix, der gleichsam als Vinyl-Platte funktioniert und mit einzelnen Teilen gut in Playlists und in den biederen Rotations im Radio bestehen kann. Der Klang darf eine gewisse Rotzigkeit haben, doch es ist ein cleaner Schmutz, der schnell trocken wird und dann fein zerbröselt.

Dafür legt Watt auch gerne selbst Hand an. Watt sitzt nicht nur hinter dem Mischpult, sondern greift sich stets die Bass oder Gitarre, um zu unterstützen. In den besten Fällen – wie etwa bei „Sweet Sounds of Heaven“ mit Lady Gaga und Stevie Wonder, fängt der Produzent das Free-Flow-Gefühl eines guten Jams ein. Was Rick Rubin – der andere große Legendenversteher – laut Paul McCartney auf trockene, fast etwas zu analytische Art macht, gelingt bei Watt physischer und unmittelbarer.

Schnell auf den Punkt kommen

Die typischen Ingredienzien eines von Andrew Watt produzierten Songs sind: direkter Einstieg, fette Rhythmusgruppen, wenig sonischer Ballast, Vocals ganz weit weit vorne und ein spürbarer Live-Impuls. Nicht zu vergessen: In der Kürze liegt die Würze. Watt verlangt von seinen Musikern, dass sie schnell auf den Punkt kommen und es nur in Ausnahmefällen übertreiben.

Da die meisten Produzenten ihr Geld mit Pop, HipHop oder elektronischer Musik verdienen und nur für seltene Ausflüge ins Rock-Genre hinüberkommen, hat sich Andrew Watt inzwischen mit seinem druckvollen, vitalen Gitarrenstil ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet. Die vermeintlich alte Garde steht weiter bei ihm Schlange.

Marc Vetter schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.