Diese Musik gräbt sich tief ins Hirn eines Teens mit Herzschmerz-Wut
Auf ihrem zweiten, mächtigen Album zitiert die belgische Band The Haunted Youth lässig The Cure und begegnet männlicher Aggression mit Verletzlichkeit.
Die Problematisierung männlichen Verhaltens in emotionalen Ausnahmesituationen ist längst zu einem eigenen Topos in der öffentlichen Debatte geworden. Vielfach ist begrifflich unscharf von toxischer Männlichkeit die Rede. Musiker:innen haben das Thema schon aufgegriffen, mal mit Zorn im Bauch, öfter aber auch mit einiger Ironie. Neu ist das alles gewiss nicht. Man denke nur an „Jeremy“ von Pearl Jam – die Musik gewordene emotionale Vernachlässigung eines Jungen, die in einer Tragödie endet.
The Haunted Youth aus Belgien, erst ein Soloprojekt ihres Sängers Joachim Liebens, inzwischen aber ein vor allem auf der Bühne mit viel Schubenergie auftretendes Quintett, wählen für ihr zweites Album eine Bedroom-Noiserock-Erkundungstour durch die Hirnwindungen eines Jungen, dem das Herz gebrochen wurde. Der Titel, „Boys Cry Too“, öffnet sorgsam das Koordinatensystem Richtung The Cure. Die Teenage Angst begleiten aber auch Selbstverletzungen, Rache- und Todeswünsche sowie ein ganzes Füllhorn an Gefühlen, die in ihrer Widersprüchlichkeit kaum gefasst werden können, aber nicht zwangsläufig zu einer Katastrophe führen.
Schon die Eröffnung mit „In My Head“ ist ein zweischneidiges Schwert. Das Stück beginnt mit traurig tapsenden elektronischen Fußspuren wie aus dem Soundtrack zum großartigen Horrorfilm „It Follows“. Sie gehen vorsichtig über in jenen Dreampop-Verschnitt, der das Debütalbum der Band („Dawn Of The Freak“, 2022) ausmachte und der jetzt offenkundig passé ist. „I don’t need/For you to be this way/Love me/Just like you always say“, heißt es, bevor die eigentliche (verzweifelte) Botschaft an die verlorene Geliebte aufscheint: „Don’t leave/I’ll do anything…“ Nach etwas mehr als sieben Minuten schreit Liebens wie ein vor Seelenqualen gepeinigter Hund, der etwas aus den Gedanken herausbrennen will.
Keine Melodie, die nicht vor dem Zerbrechen steht, dazu verträumte Synthie-Sounds zu harten Gitarren und noch härteren Emotionen. Ihr Sänger nennt das brodelnde Gemisch einen „80er-Jahre-Coming-of-Age-Punkrockfilm“. My Bloody Valentine sind zu hören (vor allem in „Castlevania“, dessen Titel an eine Vampir-Videospielreihe der ausgehenden Achtziger erinnert), Goth-Grunge-Verschnitte, sogar etwas New Order („I Hear Voices“). Nach vier Songs ist man mit den Nerven bereits völlig fertig, wohl ähnlich wie der Protagonist, dem die Songs gewidmet sind.
Diese Platte packt einem beim Kragen
Höhepunkt des nihilistischen Rauschs ist aber der „Emo Song“. Vielleicht ein Genrebekenntnis, oder auch eine größtmögliche Öffnung zur emotionale Aufreibung ohne Sinn. Aber: Wie sich The Haunted Youth hier selbst in einen Gitarrensog hineintreiben, hat man so lange nicht mehr gehört. Auch hier winkt die Selbstverzerrung: „I guess I’m just older now/I guess I got tired somehow/Guess I’m over everything/And everyone by now.“ Liebens arbeitet in seinen kargen Texten mit drastischen, simpel erfassten emotionalen Zuständen. Vielleicht muss gar nicht extra erwähnt werden, dass ein früherer Song den würgenden Titel „I Feel Like Shit And I Wanna Die“ hat. Als Thirty-, Forty- Whatever-Something mag man über solche Dinge müde lächeln, für einen Jugendlichen sind sie unbezwingbare Realität.
Was The Haunted Youth über den Verlauf von elf kraftvollen wie kraftraubenden Songs gelingt, ist das Aufwachen nach einem Liebeszusammenbruch als düsteres Punk-Pop-Musical zu inszenieren. Die nackte Not des mit sich ringenden Teenagers ist dabei bewusst als männliche Perspektive angelegt. Liebens: „Die erste Hälfte des Albums zeigt im Grunde, wie jeder einen Jungen sieht, wenn er Liebeskummer hat: Er baut Mauern auf, ist paranoid, wütend und aggressiv. Aber dann ist die zweite Hälfte eine ganz andere Geschichte – sie ist verletzlich.“
In diesem Ansatz gehen die Musiker über all jene hinaus, die in männlicher Aggression und gewaltbereiter Verzweiflung grundsätzlich ein gesellschaftliches Problem erkennen. Wenn es in Erzählungen, ob nun literarischer, filmischer oder musikalischer Art, oft um den stillen Brüter geht, der zum Gewalttäter wird, versucht diese Musik den rohen, kreischenden Lebensflüchtling durch die Konfrontation mit der eigenen Verletzlichkeit zurück ins Bett zu holen. Für den heilsamen Zusammenbruch braucht es in dem als Instrumental-Epos angelegten „Falling To Pieces“ dann gar keine Worte mehr (bis auf diese: „Don’t kill yourself I love you“). Zwischen brechend lauten Gitarrenwänden findet sich auch kurz, als wäre es das Auge eines Orkans, ein Klavier ein. Das ist, ja, ganz schön Emo.
„Boys Cry Too“ fühlt sich schlussendlich wie die versöhnende Umarmung nach einer sinnlosen Schlägerei an – oder wie das trotzige Verbrennen eines Fotos jenes Wesens, das einem für einen Augenblick das Herz öffnete, um es so dann herauszureißen. Fortsetzung folgt, ganz bestimmt.