Ticketzweitmarkt-Regulierung: Bands fordern Gesetz gegen Wucherpreise

Die Ärzte, Kraftklub und viele mehr verlangen Preisobergrenzen, ein Ticket-Bot-Verbot und Transparenzpflichten. Warum Deutschland dringend handeln muss.

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Ein breites Bündnis aus Musikern, Veranstaltern und Branchenverbänden fordert die deutsche Bundesregierung zum Handeln auf: Mit einem offenen Brief drängt der Verband auf eine gesetzliche Regulierung des Ticketzweitmarkts.

Diese richtet sich insbesondere gegen überteuerte Weiterverkäufe, Bots und ein System, das gefälschte Tickets in Umlauf bringt. Initiiert wird der Vorstoß vom Verband „Pro Musik“, unterstützt vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV).

Eine lange Liste an Bands und Künstlern trägt diesen Vorstoß mit: darunter Die Ärzte, Die Toten Hosen, Kraftklub, Nina Chuba, AnnenMayKantereit, Johannes Oerding, Thees Uhlmann, Element of Crime, Kraftklub, Annett Louisan und viele mehr. Auch der Deutsche Musikrat sowie der Veranstalter-Verbund LiveKomm und weitere Musikverbände unterstützen die Forderungen.

Ein ungeregelter Parallelmarkt

Im Zentrum der Kritik steht ein Zweitmarkt, der sich laut den Unterzeichnenden zunehmend zu einem „unregulierten Parallelmarkt“ entwickelt habe. Tickets würden mithilfe automatisierter Software massenhaft aufgekauft und anschließend zu extremen Preisen weiterverkauft. Auf einschlägigen Plattformen seien Angebote von mehreren tausend Euro mittlerweile keine Seltenheit mehr.

Christopher Annen, Vorsitzender von „Pro Musik“ und Gitarrist von AnnenMayKantereit, findet dafür klare Worte: „Dass Einzelne sich auf Kosten der Fans bereichern, indem sie Tickets zu Wucherpreisen weiterverkaufen, wollen wir nicht mehr hinnehmen. Die Politik muss die Plattformen in die Pflicht nehmen, diese Praktiken zu unterbinden.“

Der offene Brief beschreibt nicht nur drastische Preisaufschläge von teils mehr als 250 Prozent, sondern auch sogenannte Leerverkäufe: Tickets würden bereits vor dem offiziellen Vorverkaufsstart angeboten, obwohl sie zum Zeitpunkt des Verkaufs noch gar nicht existierten. Hinzu komme der Handel mit gefälschten Eintrittskarten, durch den Fans regelmäßig mit wertlosen Tickets vor verschlossenen Hallen- oder Festival-Eingängen stünden.

Europa reguliert – Deutschland nicht

Die Unterzeichnenden verweisen auf andere europäische Länder, in denen der Ticketzweitmarkt bereits deutlich stärker reguliert wird. In Frankreich ist der kommerzielle Weiterverkauf seit Jahren eingeschränkt, in Großbritannien gelten Transparenzpflichten für Verkäufer. Auch in den USA existiert mit dem sogenannten „BOTS Act“ ein Gesetz gegen automatisierte Ticketkäufe.

Deutschland dagegen sei bislang ein „nahezu regulierungsfreier Raum für Ticketspekulanten“. Dabei habe die Bundesregierung sogar im Koalitionsvertrag angekündigt, den Zweitmarkt stärker kontrollieren zu wollen. Daran erinnert der Verband nun und formuliert konkrete Forderungen: eine Preisobergrenze von maximal 25 Prozent über dem Originalpreis, ein Verbot von Ticket-Bots und Leerverkäufen sowie strengere Transparenzpflichten und ein verpflichtendes Meldesystem für Plattformen.

Rückendeckung von Sport und Verbraucherschutz

Unterstützung erhält die Kampagne auch aus anderen Bereichen: Bereits zuvor hatten sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB), die Deutsche Fußball Liga (DFL), der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sowie Verbraucherzentralen für strengere Regeln ausgesprochen. Nach Angaben des Verbands hat Bundesjustizministerin Stefanie Hubig mittlerweile erste „Aktivitäten“ ihres Hauses angekündigt.

In einem Interview mit dem Fachblatt „Musikwoche“ nennt die Konzertagentur MCT am konkreten Beispiel Ross und Reiter: „Im Vorfeld der Konzerte von Florence & The Machine haben wir die Weiterverkaufs-Aktivitäten auf fünf der größten nicht autorisierten Weiterverkaufs-Plattformen – Viagogo, Ticombo, SeatsNet, Ticketbande und Gigsberg – untersucht. Wir fanden 819 verfügbare Tickets für Florence in Köln, 1125 Tickets für München und 893 für Berlin, insgesamt also 2.837 Tickets auf den fünf Websites. Das ist schockierend! Wir wissen jedoch, dass manche Wiederverkäufer dasselbe Ticket auf mehreren Websites anbieten, sodass die Gesamtzahl etwas niedriger sein könnte. Fast jedes Ticket war um ein Vielfaches teurer als der ursprüngliche Preis.“

Zweitticket-„Marktführer“ Viagogo und die Internetsuchmaschine Google, die Zweitanbieter bei Ticketanfragen stets ganz oben platziert, halten mögliche gesetzliche Regelungen ihrerseits für „unnötig“.

Parliament of Pop: Politik und Konzertbranche im Dialog

Unabhängig vom offenen Brief des Verbands„Pro Musik“ soll das Thema rund um den Bundestag intensiver diskutiert werden. Am 20. Mai 2026 findet im Berliner Paul-Löbe-Haus eine Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Parliament of Pop“ statt, die bereits auch bei der EU in Brüssel stattfand – mit Vertretern aus Politik und Konzertwirtschaft.

Diskutiert werden Aspekte wie „True Crime Ticketing“ und „Faszination Sozialticket“. Die Pop-und-Politik-Runde geht damit einige Schritte weiter und beleuchtet verschiedene Perspektiven auf dem milliardenschweren Konzertmarkt: von Ticketbetrug und Wucherpreisen bis hin zu Fragen kultureller Teilhabe.

Klare Worte aus dem Bundestag

Johannes Fechner (SPD), Mitglied des Bundestagsausschusses für Recht und Verbraucherschutz, fordert ein deutlich härteres Vorgehen gegen spekulativen Weiterverkauf: „Die Abzocke von Sport- und Musikfans muss beendet werden. Es geht nicht an, dass Tickets für Konzerte oder Fußballspiele auf dem Zweitmarkt zu Wucherpreisen weiterverkauft werden. Wir brauchen endlich klare und wirksame Regeln für den Ticketzweitmarkt, die Verbraucher und Veranstalter konsequent schützen und faire Preise sichern. Kultur und Sport darf kein Geschäftsmodell für Abzocke sein.“

Auch Kollege Martin Rabanus, Obmann im Ausschuss für Kultur und Medien, betont die gesellschaftliche Dimension des Problems: „Popkultur ist Demokratie. Konzerte sind gelebte Teilhabe – und müssen für alle erreichbar bleiben.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.