Die Empörung über Olivia Rodrigos Kleider riecht nach Bot-Verhalten

Das Internet empört sich über Olivia Rodrigos Babydoll-Kleider – und der Aufschrei wirkt erschreckend konstruiert.

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Olivia Rodrigo hatte nicht Unrecht – es ist tatsächlich ganz schön brutal da draußen, vor allem wenn „da draußen“ dieser verwahrloste Ort namens Internet gemeint ist, der sich gerade über die Vorliebe eines Popstars für Babydoll-Kleider in Rage redet. Das Netz ist diese Woche kollektiv ausgerastet, weil Rodrigo es gewagt hat, einen eigenen Modestil zu haben. (Ehrlich gesagt taugt dieser Ort wirklich nur noch dazu, Schwärme zu stalken.)

Während Rodrigo sich auf die Veröffentlichung ihres dritten Albums „You Seem Pretty Sad for a Girl So In Love“ vorbereitet, dreht sie sich in der lockeren, flatternden Silhouette, einem Markenzeichen ihres Stils irgendwo zwischen Preppy und Edgy. Für das Albumcover trug sie ein bonbonrosa Kleid mit Blumenkragen; im Musikvideo zu „Drop Dead“ ein blaues mit Rüschen; und zuletzt rockte sie Barcelonas Teatro Greco beim Spotify Billions Club Live in einem geblümten Babydoll-Kleid mit passenden Bloomer-Shorts darunter.

Das war offenbar zu viel für User auf X und Instagram, die seither kollektiv den Verstand verlieren und behaupten, die verspielte Silhouette infantilisiere und sexualisiere den 23-jährigen Star gleichzeitig. „Sie trägt rosa Kleider, die denen von Kleinkindern ähneln, mit gerüschter Unterwäsche darunter“, schrieb ein X-Nutzer mit Bezug auf Rodrigos Barcelona-Outfit. „Das sieht aus wie Kinderklamotten, und mit all den sexy Moves, die sie versucht, wirkt das irgendwie komisch“, schrieb ein anderer. Ein Post zum selben Outfit erreichte 21 Millionen Aufrufe und lautet schlicht: „Vielleicht bin ich zu woke.“

Kein neuer Stil

Für die Sängerin ist das alles nichts Neues – sie kombiniert feminine Kleider seit dem Start ihrer Musikkarriere 2021 mit Combat Boots. Rodrigos Style war schon immer referenziell; das ist ein Markenzeichen, das ihr Fans generationenübergreifend eingebracht hat. 2023 erzählte sie ROLLING STONE, ihre Mutter habe sie morgens mit Babes in Toylands „Fontanelle“ geweckt. „Rock auf diese feminine Art – das ist für mich einfach das Coolste der Welt“, sagte sie damals.

Kein Wunder also, dass die Sängerin sich auch modisch an Babes-Frontsängerin Kat Bjelland orientiert. Bjelland war eine der Ikonen der Riot-Grrrl-Szene der Neunziger und trug – ebenso wie Courtney Love und Bratmobiles Allison Wolfe – bekanntermaßen hyperfeminine, verspielt-mädchenhafte Kleider. Dieser harmlose, puppenhafte Look stand in bewusstem Kontrast zur Wut in ihren Punk-Diskografien und ihren ungezügelten Auftritten – ein gezielter Angriff auf das Bild der Frau als fügsames Objekt im Patriarchat.

Dass viele Rodrigos offensichtliche Referenzen nicht erkennen, ist nicht weiter überraschend. Was hingegen verblüfft, ist das Beharren darauf, sie müsse mit diesem Look irgendetwas Anrüchiges bezwecken. Das alles wirkt konstruiert – und erinnert verdächtig an die fabrizierte Empörung, die Online-Bots so meisterhaft inszenieren. Eine koordinierte Bot-Attacke? Möglich.

Bot-Kampagnen im Visier

Im vergangenen Jahr hat GUDEA, ein auf Verhaltensanalyse spezialisiertes Startup, das viral verbreitete, rufschädigende Behauptungen im Netz verfolgt, zwei separate Bot-Schmutzkampagnen gegen Taylor Swift und Chappell Roan identifiziert. Bei solchen Angriffen schaffen Fake-Profile durch ständiges Posten zu einem Thema eine künstliche Echokammer – und erwecken so den Eindruck, es gebe unter Internetnutzern einen viralen Konsens. Bislang wurde kein bestätigter Bot-Angriff als Erklärung für die Rodrigo-Empörung gefunden. Doch je absurder der Aufschrei, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er völlig haltlos ist.

Vielleicht ist es am Ende so simpel wie guter alter Frauenhass – etwas, das Rodrigo nur zu gut kennt. „Musik zu veröffentlichen im Zeitalter der sozialen Medien kann wirklich einschüchternd sein“, sagte Rodrigo 2021 zu Alanis Morissette für ROLLING STONEs Musicians on Musicians. „Ich glaube, dass junge Frauen an unglaublich unrealistische Maßstäbe gehalten werden.“

Maya Georgi schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil