Joan Baez an Popstars: „Macht einfach diesen kleinen Schritt“
Die Folk-Legende war zu Gast im Podcast von Julia Louis-Dreyfus und sprach über ihre Karriere und ihr ungebrochenes politisches Engagement.
Joan Baez wünscht sich, dass Popmusiker von heute ihre Reichweite nutzen, um zu politischen und gesellschaftlichen Themen Stellung zu beziehen.
Im Podcast „Wiser Than Me With Julia Louis-Dreyfus“ fragte Moderatorin Julia Louis-Dreyfus Baez nach ihrer Haltung gegenüber jüngeren Künstlern, die sich bislang nicht zu den Übergriffen der Trump-Administration geäußert haben. „Es gibt eine ganze Generation wirklich talentierter Künstler, die angesichts des aktuellen Angriffs auf die Demokratie ziemlich still sind“, sagte Louis-Dreyfus. „Finden Sie das unglaublich frustrierend, oder haben Sie vielleicht Verständnis dafür, wo diese Künstler herkommen?“
„Ich glaube, ich verstehe, wo sie herkommen“, antwortete Baez. „Es ist bezeichnend, dass der eine Song, der bei all diesen Demonstrationen gespielt wird, ‚The Times They Are a-Changin“ ist. An das Niveau dieser Texte von damals ist niemand herangekommen. Niemand. Das kann man nicht einfach so heraufbeschwören, glaube ich.“
Lob für Carlile und Rogers
Sie fügte hinzu: „Die jungen Leute gerade schreiben zum Teil erstaunliche Sachen. Ein paar sind bereit, den Mund aufzumachen. Brandi Carlile zum Beispiel. Und Maggie Rogers, meine Freundin, hat es bei einer Kundgebung gegen ICE direkt in den Vordergrund gestellt. Ich schüttle ein bisschen den Kopf, wenn ich an diese Stadien voller brillanter junger Songwriterinnen denke – warum können sie nicht einfach diesen kleinen Schritt machen? Die meisten von ihnen sind doch schon reicher als Gott. Also, dieser kleine Schritt.“
Louis-Dreyfus fragte Baez anschließend, was sie sich gewünscht hätte, in jungen Jahren über Aktivismus zu wissen. „Was mir in den Sinn kommt, hat gar nichts mit Aktivismus zu tun, sondern mit dem Singen“, sagte Baez. Sie erzählte von einem Auftritt für die Shriners während ihrer Schulzeit. „Ich weiß nicht mehr, was ich gesungen habe, aber ich habe irgendetwas für die Shriners gesungen, und die wurden still und haben wirklich zugehört“, erinnerte sie sich. „Danach kam ein alter Mann zu mir und sagte: ‚Weißt du, Mädchen, sing nicht billig. Du bist gut, du wirst deinen Weg machen.’“
Anfang dieses Jahres trat Baez, die im Laufe ihrer Karriere als Aktivistin bekannt wurde, gemeinsam mit Rogers und Tom Morello bei der No-Kings-Kundgebung am Minnesota State Capitol auf. Die beiden spielten Bob Dylans „The Times They Are A-Changin’“. Baez und Rogers beteiligten sich außerdem im März an der Veranstaltung Artists United for Our Freedoms – als Protest gegen Trumps Umgestaltung des Kennedy Center.
Der Ruf nach einer Hymne
Im vergangenen Jahr sprach Baez mit ROLLING STONE über das Fehlen eines zeitgemäßen Protestsongs. „Was wir brauchen, ist eine Hymne, aber eine Hymne lässt sich nicht einfach schreiben“, sagte sie. „‚One in a Million‘ kommt dem am nächsten, aber so etwas entsteht nicht aus dem Nichts. Es muss aus einer anderen Quelle kommen. ‚Imagine‘ ist immer noch so wunderschön. Die Dylan-Sachen sind nach wie vor international bekannt, aber sie haben für mich nicht dasselbe wie ‚We Shall Overcome‘. Damals hatte ich den Verstand zu wissen, dass wir nicht alles überwinden und Weltfrieden erreichen würden. Heute gilt das noch viel mehr.“