ROLLING STONE Beach: Zwei sensationelle Abende mit den Wallflowers

Jakob Dylan & Co. spielen „Bringing Down The Horse“ komplett – und noch ein Roots-Rock-Meisterwerk

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„Ich war hungrig, ich wollte mehr.“ So hat Jakob Dylan einmal beschrieben, wie er sich 1996 fühlte. Es waren fast vier Jahre vergangen, seit The Wallflowers ihr Debüt veröffentlicht hatten. Ein großer Erfolg wurde es nicht. Virgin Records ließ die Band fallen, 1994 unterschrieben sie bei Interscope und gingen in Los Angeles ins Studio. Die Aufnahmen zogen sich hin, dann war das Nachfolgealbum, „Bringing Down The Horse“, endlich fertig. Jakob Dylan war klar: Diese zweite Chance könnte vielleicht schon die letzte sein. Zwei Grammys und über eine Million verkaufte Einheiten später wissen wir, dass er sie genutzt hat. Das Album kam bis auf Platz 4 in den US-Charts. Im November nun werden die Wallflowers ihr Meisterwerk in voller Länge beim ROLLING STONE Beach aufführen – das zeigt schon, wie wichtig das Album noch heute ist.

Damals, im Mai 1996, war Dylan erst 26. Das Album beginnt mit diesen Worten: „So long ago, I don’t remember when/ That’s when they say I lost my only friend.“ Sie ist an einem gebrochenen Herzen gestorben, erzählt er weiter – aber ganz mag er die Hoffnung nicht aufgeben: „Me and Cinderella/ We’ll put it all together/ We can drive it home/ With one headlight.“ So fasst „One Headlight“ eigentlich schon alles zusammen, was den Reiz der Wallflowers ausmacht: Dylans melancholische Stimme unterstreicht die Geschichten von Vergänglichkeit und Isolation, ständig brechen Herzen und werden behelfsmäßig zusammengeflickt. Die Musik, die seine Band dazu spielte, war genau das richtige Verbindungsglied zwischen dem Roots-Rock, den Produzent T Bone Burnett wahrscheinlich im Sinn hatte, und dem College-Rock, der gerade die US-Charts beherrschte.

Ein paar Jahre nachdem R.E.M. mit ihren Hit-Alben „Out Of Time“ und „Automatic For The People“ die Radio-Türen für den Alternative-Rock geöffnet hatten, waren die vier aus Athens/Georgia zwar schon wieder woanders, doch ihre (oft etwas gefälligeren) Nachfolger beherrschten das Geschäft: Hootie & The Blowfish und Semisonic, auf der noch mainstreamigeren Seite Matchbox Twenty, Fastball und die Dave Matthews Band. Nur zwei Bands schafften zwei ähnlich gute erste Alben wie die Wallflowers: Counting Crows und Better Than Ezra.

Jakob Dylans Songs atmen Rockgeschichte

Es gibt in „One Headlight“ eine Anspielung auf den Springsteen-Song „Independence Day“ – und die Zeile „Man, I ain’t changed, but I know I ain’t the same“ hätte von Bruce selbst stammen können. All die Songs auf „Bringing Down The Horse“ atmen Rockgeschichte und stehen doch für sich, ob „Three Marlenas“, „Josephine“ (Frauennamen als Songtitel, natürlich!) oder „God Don’t Make Lonely Girls“. Das Album endet so traurig, wie es beginnt – mit der Erkenntnis, dass Nichts-Fühlen manchmal angenehmer wäre als zu viel: „But I hear voices/ And I see colors/ But I wish I felt nothing/ Then it might be easy for me/ Like it is for you.“ Fröhlich war das alles nicht. Genau deshalb berührte es so viele Menschen, Orientierungslosigkeit und Einsamkeit sind immer gute ­Anknüpfungspunkte.

Später hat Dylan das Erfolgsrezept mal so beschrieben: „Es war eine Mischung aus gutem Timing, viel Unterstützung von der Plattenfirma und qualitativ hochwertigen Songs.“ Es hätte jede andere Band treffen können, fügte er bescheiden hinzu, der Moment war einfach perfekt. Dem ROLLING STONE erzählte er zum 20-jährigen Jubiläum des Albums: „Es war eine gute Zeit, um Alben zu machen. Der Fokus war anders. Man hatte keine zeitlichen Einschränkungen, man hat einfach so lange an etwas gearbeitet, bis es fertig war.“

Die Wallflowers wollten eine moderne, zeitgemäße Rock-Platte

Dem Fakt, dass T Bone Burnett produziert hat, will Dylan nicht zu viel Bedeutung beimessen: „Es war keine typische T-Bone-Burnett-Platte. Es war eine Rock-Platte. Er macht ja eher Americana, Softeres. Wir hatten zwar die traditionelle Instrumentierung, aber es sollte schon wie eine moderne, zeitgemäße Rock-Platte klingen.“ Trotz Pedal-Steel, Banjo und Dobro. Vielleicht war es Jakob Dylan auch wichtig, dass nicht noch mehr Verbindungen zu seinem Vater gezogen werden – Burnett war ja schon bei der „Rolling Thunder Revue“ dabei gewesen. Denn einmal muss es wohl gesagt werden, da wir hier jetzt schon so weit sind: Jakob Dylan ist der Sohn von Bob. Der berühmte Nachname ist möglicherweise ein Grund, warum das Aushilfspersonal auf „Bringing Down The Horse“ so prominent ist: Tom-Petty-­Gitarrist Mike Campbell ist ebenso zu hören wie Counting-Crows-Sänger Adam Duritz, Gary Louris (The Jayhawks), Michael Penn und Sam Phillips singen mit.

Doch trotz seiner Verbindungen war und ist Jakobs Karriere kein Selbstläufer. Es hätte auch schiefgehen können, denn ausgerechnet der Hit „6th Avenue Heartache“ drohte damals in der Versenkung zu verschwinden. Der Song lag schon eine Weile herum. Fürs Debüt hatten sie ihn nicht richtig fertig bekommen, jetzt hatte Burnett wenig Interesse daran. Dylan bestand darauf – und gleich der erste Take saß. Der Singer-Songwriter wunderte sich ein wenig, dass niemand mehr auf das Stück achtete, und lustigerweise war es bei „One Headlight“ ähnlich. „Ich weiß auch nicht, worauf sich das Label konzentrierte, aber diese beiden Songs waren auf jeden Fall nicht auf ihrem Radar, als wir das Album aufgenommen haben.“

Dylan erfand die Wallflowers, um eine Band für sich zu haben

Dylan selbst war sich zwischendurch auch nicht sicher, was im Radio gut laufen könnte und was nicht. Er wollte einfach nur ein gutes Album machen – und möglichst wenig auf seinen Vater angesprochen werden. Natürlich, gab Jakob Dylan später gegenüber dem ROLLING STONE zu, war der ein wesentlicher Grund, warum es die Wallflowers überhaupt gab. „Aus offensichtlichen und instinktiven Gründen wollte ich in einer Band sein. Aber es war von Anfang an meine Vision. Ich wollte das nicht unter meinem eigenen Namen verkaufen, also habe ich sozusagen die Wallflowers erfunden, um eine Band für mich zu haben – vielleicht so, wie Chrissie Hynde das mit den Pretenders gemacht hat oder Robert Smith mit The Cure. Ich wollte mich nicht verstecken, aber ich wollte eine Struktur und eine Chance, mich nicht als Individuum ins Rampenlicht stellen zu müssen.“

Die Ideen kamen von ihm, doch mit der Band im Rücken fiel es ihm leichter, die Aufmerksamkeit auszuhalten. Für seine Musik hatte er sie sich ja gewünscht. Später hat Jakob Dylan auch Soloalben gemacht („Seeing Things“ 2008 und „Women + Country“ 2010) – wenn er das Gefühl hatte, die Lieder brauchen nicht unbedingt eine Band. Oder als er 2019 für den Soundtrack zur Laurel-Canyon-Dokumentation „Echo In The Canyon“ Leute wie Fiona Apple und Beck, Norah Jones und Josh Homme zusammentrommelte. (Damals freundete er sich auch mit Tom Petty an. Das Interview für die Doku war das letzte, das Petty vor seinem Tod gab.) Aber er kam immer wieder auf die Wallflowers zurück. Ihr jüngstes, siebtes Studioalbum, „Exit Wounds“, erschien 2021.

Ein Underdog zu sein macht stark

Als ich Jakob anlässlich von „Red Letter Days“, dem vierten Wallflowers-Album von 2002, fragte, ob ihm der Erfolg von „Bringing Down The Horse“ im Nacken sitzt, stritt er das vehement ab: „Ich schaue immer nach vorne, nicht auf Verkaufszahlen, die mal waren. Bei der ersten Platte waren wir 21, wir hatten schon eine Menge Selbstbewusstsein und Arroganz, und so muss es sein. So sollte es wieder sein.“ Die tiefblauen Augen von Jakob Dylan wirken meistens ein bisschen verschlafen, doch das täuscht: Der Mann ist sehr zielstrebig, und er ist stets auf der Hut – wahrscheinlich weil er lernen musste, hinterlistige Fragen schnell zu erkennen.

Er denkt und spricht schnell und viel. Und entweder wegen oder trotz seiner privilegierten Situation hat er ein großes Selbstbewusstsein entwickelt, das sich nicht erschüttern lässt: „Ich habe nie auf die Erlaubnis von irgendwem gewartet. Dies ist mein Leben. Ich brauche keine Massen, die mich mögen. Ein Underdog zu sein ist toll. Es macht stark. Man kann aus dem Hinterhalt kommen und alle überraschen.“

Er werde immer Musik machen, auf die eine oder andere Weise, schob er noch hinterher. „Aber das Leben ist lang, und ich möchte nicht in einer Tretmühle landen und weiter und weiter auftreten, ohne da­rü­ber nachzudenken, ob ich das überhaupt noch will.“ Eine „never ending tour“ kam für ihn also nie infrage.

Dylans Liebe zu Tom Petty wird sich am „Long After Dark“-Abend zeigen

Damit es nicht langweilig wird, hat er sich zum 30-jährigen Jubiläum von „Bringing Down The Horse“ etwas ganz Besonderes überlegt: Die Wallflowers werden nicht nur ihr eigenes Album in voller Länge aufführen, sondern zusätzlich noch „Long After Dark“ von Tom Petty And The Heartbreakers. Eine überraschende Wahl, das Album von 1982 ist ja nicht Pettys berühmtestes. Aber es ist Dylans liebstes, und auch hier zeigt sich: Er macht, was er will. Der Auftritt beim ROLLING STONE Beach wird der einzige in Deutschland sein. Wer das Zwei-Alben-an-einem-Abend-Konzert also nicht verpassen will, sollte sich Tickets sichern. Wird sicher spektakulär, Jakob Dylan dann unter anderem diese Zeilen singen zu hören: „Good love is hard to find/ You got lucky, babe/ When I found you! “

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KOMMT MIT AN DIE OSTSEE!

Am 13. und 14. November ist es so weit: Zum 17. Mal findet am Weissenhäuser Strand der ROLLING STONE Beach statt. Es ist längst mehr als ein gewöhnliches Festival. Und das liegt nicht nur daran, dass man zwischen den Konzerten eben mal schnell an die Ostsee gehen kann und zu verschiedenen Lesungen oder dem beliebten Pop-Quiz. Der ROLLING STONE Beach hat eine ganz besondere Atmosphäre, weil die üblichen Festival-Strapazen wegfallen – kein Zeltaufbau nötig, kein Anstehen an Dixi-Klos –, sodass man sich ganz aufs Feiern der Musik konzentrieren kann.

Das Schönste sind immer all die Begegnungen. Das RS-Beach-Publikum ist eine wunderbare Gemeinschaft, es wird an allen Ecken leidenschaftlich über Musik diskutiert– und natürlich jedes Jahr darüber, wen man sich anschaut und wen man vielleicht verpassen muss. Die Qual der Wahl wird auch 2026 schlimm!

Das Line-up ist noch längst nicht komplett. Aber so viel sei verraten: Neben THE WALLFLOWERS sind ASH am Start. Die Nordiren um Tim Wheeler haben mit ihrem Album „Ad Astra“ erst kürzlich bewiesen, dass sie weiterhin eine Bank in Sachen Power-Pop sind. Außerdem wird MONEYBROTHER da sein. Wenn schon Bruce Springsteen nicht kommt, dann ist der Schwede Anders Wendin der bestmögliche Ersatz! Wobei der Vergleich zwar ein Kompliment ist, doch zu kurz greift: Die mitreißenden, wilden Rocksongs von Moneybrother stehen für sich, sie bedienen sich lässig bei Soul und Folk, und dass er sein jüngstes Werk „Classic Vintage“ genannt hat, ist natürlich augenzwinkernd gemeint: Money­brother steht in einer schönen Traditionslinie, blickt aber stets nach vorn.

Die erste Band-Welle verspricht eine richtig gute Zeit

Spannend wird auch sein, wie sich die britische Indie-Rock-Band RAZORLIGHT live präsentiert – sie treten jetzt wieder mit dem Line-up auf, mit dem sie Anfang des Jahrtausends berühmt wurden. Und welchen Sog werden die legendären TORTOISE entwickeln? Die Post-Rock-Pioniere aus Chicago fordern auf jeden Fall volle Aufmerksamkeit.

Nicht so weit wird die Anreise für zwei andere tolle Bands: INTERNATIONAL MUSIC haben uns mit „Endless Rüttenscheid“ überzeugt, und nachdem wir zuletzt Stella Sommer und ihre Band DIE HEITERKEIT gar nicht genug preisen konnten, ist es nur logisch, dass sie uns beim diesjährigen RS Beach mit „Schwarze Magie“ verzaubern werden.

Außerdem dabei: Herrenmagazin, Oh My God! It’s The Church, Personal Trainer, The Haunted Youth, Marathon und Really Good Time. Letzteres ist garantiert! Infos/Tickets unter www.rollingstone-beach.de

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