Grayson Repp im Interview: Vom Schwimmbecken zum Weltmeisterschafts-DJ

Grayson Repp spielte beim WM-Finale 2022 vor 1,5 Milliarden Menschen Musik ab. Im Interview spricht der FIFA-DJ über seinen Weg vom Schwimmbecken in die Stadien.

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Die Fußball-Weltmeisterschaft ist das größte Sportereignis der Welt. 2022 verfolgten knapp 1,5 Milliarden Menschen das Finale in Katar. Beim Stand von 3:3 folgte das Elfmeterschießen – mehr Druck geht nicht. Und wer spielte in diesem Moment totaler Spannung die Musik ab? Grayson Repp. Einen größeren Moment gibt es aus sportlicher Sicht kaum. Während die meisten schon damit überfordert sind, auf einer Kellerparty das Aux-Kabel vom besten Freund zu übernehmen, musste Grayson in seiner Karriere ganz andere musikalische Entscheidungen treffen. Wir haben Grayson Repp zum Interview getroffen und mit ihm über seinen skurrilen Weg zum FIFA-Musik-Kurator und seinen offiziellen WM-Song für Vancouver gesprochen – und darüber, wie er mit den politischen Debatten umgeht und zu welchem Song die Deutschen so richtig abgehen.

Wie der Wind so weht

Wie schafft man es, seinen Weg im Leben zu finden? Eine universelle Antwort gibt es darauf wohl nicht – doch Graysons Geschichte bietet einen interessanten Ansatz:

Wer glaubt, für das Auflegen im WM-Finale oder dafür, Snoop Dogg bei den Olympischen Spielen zum Tanzen zu bringen, brauche man eine musikalische Frühausbildung mit Klavierunterricht ab dem fünften Lebensjahr, der irrt. Für Grayson begann der Weg zu einem der größten Sport-Event-DJs der Welt im Schwimmbecken. Groß und schlaksig – perfekte Voraussetzungen für eine professionelle Schwimmkarriere in Kanada. Dass dieser Weg einmal in die Musik führen würde, deutete sich allenfalls in der Umkleidekabine an, wo er bereits als DJ aktiv war.

„Ich habe immer die Mixtapes für alle Sportumkleideräume gemacht. Schon mit acht Jahren hab ich Mixtapes zusammengestellt – Blink 182, Sum 41, ACDC – einfach Zeug, das die Jungs in der Kabine aufhyped.“

Seine Schwimmkarriere brachte ihn durch ein Stipendium an die Arizona State University in die USA. Dort waren einige seiner Teamkollegen aus Skandinavien – und was war damals in Skandinavien ganz groß? Die Geburtsstunde der elektronischen Musik.

„„Das waren die frühen Tage von Avicii, Swedish House Mafia, Eric Prydz – Musik, die in Nordamerika noch gar nicht angekommen war. Ich hab mich sofort verliebt. Ich hab mir die Swedish House Mafia-Doku angeschaut und gedacht: Genau das will ich machen. Ein paar Monate später hab ich die Uni geschmissen, den Rest meines Studienkredits in DJ-Equipment gesteckt und im Keller meiner Eltern rauf und runter gemixt.“

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Von der Umkleidekabine zum WM-Finale

Wie Grayson von der Schwimmkarriere zur Musik fand, ist damit geklärt. Doch wie verschlägt es einen von Kanada nach Katar? Der Sprung vom Keller der Eltern zu den größten Sportstadien der Welt verlief weniger durch akribische Karriereplanung als durch die richtige Nachricht zur richtigen Zeit. 2021 landete ein Screenshot bei einem guten Freund von Grayson.

„Es war ein Screenshot von seinem Vater – der arbeitet in der Sports Presentation. Er schrieb: Hey, wir suchen Leute als Floor Manager beim FIFA Arab Cup 2021. Das war das Testevent für die WM 2022. Ich war gerade erst nach Deutschland gezogen. Ich hatte kein Geld. Ich war so pleite. Frisch verheiratet, kein Deutsch, mitten im Winter, keine Ahnung, was um mich herum passiert. Und das mitten am Ende von Corona – eine wirklich harte Zeit für alle. Ich hab kurz mit dem Vater meines Freundes gesprochen und gesagt: Ich bin dabei. Egal welcher Job. Ich mach das. Turns out, in dem Jahr wollten sie zum ersten Mal DJs ins Stadionprogramm integrieren. Ich fliege nach Katar, die drücken mir eine Festplatte in die Hand – vollgepackt mit Musik, die von YouTube runtergeladen wurde.““

So einfach kann es gehen: Zack ist man Head DJ und Musikdirektor bei einer Weltmeisterschaft. Die eigentliche Frage aber bleibt: Wie stellt man ein ganzes Stadion mit den unterschiedlichsten Musikgeschmäckern zufrieden, wenn die meisten nicht einmal eine Hausparty hinbekommen? Grayson sagt dazu:

„„Mein Ziel ist es immer, so viele Menschen wie möglich glücklich zu machen – aber realistisch betrachtet kann man 80.000 Leute nicht alle glücklich machen. Musik ist sehr subjektiv. Also behandle ich es wie eine objektive Aufgabe.“

Dabei verrät er noch ein interessantes Detail über unsere Nationalmannschaft. Wer sich gefragt hat, was er auf der Grillparty zur WM auflegen soll, findet hier vielleicht eine Antwort:

„Es gibt eine Affinität für universell geliebte Musik – die Mitsing-Momente. Sweet Caroline funktioniert in fast jedem Stadion, vielleicht nicht bei zwei spanischsprachigen Teams, das kommt auf den Ort an. Aber was die deutsche Nationalmannschaft absolut liebt, ist Can’t Hold Us von Macklemore – die haben mir den Song 2022 selbst geschickt. Die Teamdelegierten sagten: Ja, das ist einer unserer großen Tracks. Ich war komplett überrascht. Ich komme aus dem Großraum Vancouver, Macklemore ist aus Seattle – eine Stunde entfernt. Ich hab diesen Song an der Uni gehört, als er gerade groß war. Zehn Jahre später bin ich in Deutschland, und er ist genauso populär wie damals auf seinem Höhepunkt.““

Wie klingt Vancouver?

Macklemore ist also der Song der Deutschen. Doch Grayson Repp ist nicht nur als DJ ganz oben dabei, sondern produziert auch eigene Musik. Unter Anderem veröffentlichte er den offiziellen Remix für Vancouver. Wer während der WM ein Spiel aus Vancouver sieht und einen Ausschnitt des offiziellen Vancouver Sonic-ID-Songs hört, weiß jetzt, wem er dafür danken kann. Die Sonic IDs sind ein neues Konzept der FIFA: Für jede der sechzehn Austragungsstädte produziert ein lokaler Künstler einen Remix des offiziellen WM-Songs – einen Klang, der die jeweilige Stadt repräsentieren soll. Für Grayson stand von Anfang an fest: Ohne die First Nations geht das nicht.

„Wenn wir diesen Song nicht mit den indigenen Gruppen machen, dann wäre das einfach nicht richtig.“

Also flog er nach Vancouver, arbeitete in Bryan Adams‘ Studio und nahm den Song auf.

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Auf die Frage, wer die WM gewinnen wird, antwortet er:

„Ich bin seit meinem zehnten Lebensjahr ein großer Deutschland-Fan. Lukas Podolski, Miroslav Klose, Michael Ballack – das war meine Ära, als ich wirklich anfing, Fußball zu schauen. Und ich hab immer für sie gefeuert, aus welchem Grund auch immer. Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich weiß, dass ich einige Wurzeln im Schwarzwald habe. Und ich hatte immer dieses seltsame Gefühl, irgendwie nach Deutschland zu gehören. Sehr merkwürdig. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich am Ende eine Berlinerin geheiratet habe. Jedenfalls fiebere ich schon lange für Deutschland mit. Ich hoffe, dass sie weit kommen. Und ich hoffe, dass Kanada die Gruppenphase übersteht.“

Dann wollen wir mal hoffen, dass Grayson recht behält. Der Kanadier lebt mittlerweile in Berlin mit seiner Frau Sophia Repp. Wer also darauf hofft, ihn in Deutschland live zu erleben, kann das vermutlich nach der Weltmeisterschaft öfter tun. Wer sehen möchte, warum die mexikanischen Fans für ihn die besten sind und was er zu den Boykottaufrufen in Deutschland sagt, findet das ab sofort auf unserem YouTube-Kanal.

Warum denkt Campino, dass es manchmal gut ist, einfach mal den Mund zu halten? Antwort liefert er in unserer Titelgeschichte zum großen Abschied der Toten Hosen. Dem Heft liegt weltexklusiv die 7-Inch-Single „Immer nur geliebt“ bei. Die ROLLING-STONE-Ausgabe gibt es hier bequem zum Bestellen.