Trumps einsames erstes Jahr im Amt: „They All Leave Me“
In „Regime Change“ lüften Maggie Haberman und Jonathan Swan den Vorhang vor Trumps historisch destruktiver zweiter Amtszeit.
Es gibt eine aufschlussreiche Szene in „Regime Change“, der vernichtenden neuen Chronik der New York Times-Reporter Maggie Haberman und Jonathan Swan über das erste Jahr der zweiten Trump-Regierung. Elon Musk, einstiger DOGE-Chef, hatte sich gerade öffentlich mit dem Präsidenten überworfen – er wetterte in den sozialen Medien, das Herzstück der Gesetzgebung, der sogenannte Big Beautiful Bill, sei eine „Abomination“. Swan und Haberman schildern Trumps Reaktion, als er den Post sieht: Er starrte eine Weile darauf, sein Gesicht nahm einen beinahe nachdenklichen Ausdruck an. „They always leave me“, sagte er schließlich. „They always do this. This is why I can’t have friends.“
Präsident Trump, der mächtigste Mann der Welt – vielleicht der mächtigste der Geschichte –, wirkt auf diesen Seiten wie einer der unglücklichsten Menschen überhaupt: umgeben von Speichelleckern und Jasagern, residierend in einem vergoldeten Palast, erfüllt von Wut und Galle. Es ist ein unangenehmes, chaotisches Porträt, das beinahe satirisch wirken könnte – wäre da nicht die Tatsache, dass seine Kriege, seine Polizeistaat-Methoden und seine kleinlichsten Rachezüge unser aller Leben verändert haben.
In vier Teile gegliedert – „Whirlwind“, „Retribution“, „The Enemy Within“ und „Plunder“ – deckt jeder Abschnitt genau das ab, was sein Titel verspricht. „Regime Change“ beginnt im Oval Office, als Trump von einem benommenen und höflichen Joe Biden die Macht übernimmt, und endet mit dem Beginn des Irankriegs. In dieser kurzen Zeitspanne ist so viel passiert, dass ein wesentlicher Wert des Buches schon darin liegt, daran zu erinnern, was wir 2025 gemeinsam durchlebt haben. Da ist die Erpressung von Anwaltskanzleien wie Paul Weiss; die endlosen Klagen gegen Medien; die Rachefeldzüge gegen den früheren FBI-Direktor James Comey und New Yorks Generalstaatsanwältin Tish James. Bei Trump folgt eine Katastrophe auf die nächste. Musks DOGE-Zerstörung des Bundesapparats fühlt sich bereits wie eine andere Epoche an – dabei ist das kaum ein Jahr her.
Trumps radikale Ambitionen
Von dem Mann, der 2016 antrat, sind wir Lichtjahre entfernt. Zu viel ist in diesen zehn Jahren geschehen. Swan und Haberman zeigen, warum Trump und sein stellvertretender Stabschef Stephen Miller mit Rachgedanken im Gepäck und einem skrupellosen Machtinstinkt nach Washington zurückgekehrt sind. Schon in den ersten Monaten seiner zweiten Amtszeit reichten Trumps Ambitionen weiter als je zuvor in seiner ersten: „We’ll just own Gaza“, sagte er. „It could be better than Monaco“ – eine Idee, die ein im Buch zitierter Mitarbeiter als „legitimately nutso. But very on brand“ beschreibt. In Trump 2.0 ist sofort klar: Alle Sicherheitsmechanismen, die in Trump 1.0 noch existierten, sind längst verschwunden. Es stellt sich heraus, dass das Präsidentschaftskabinett wirklich eine Rolle spielt – und wenn es mit den Pete Hegseths und Kristi Noems dieser Welt besetzt ist, kommt dabei nichts Gutes heraus.
Während das erste Jahr immer weiter voranrast, dokumentieren Swan und Haberman die Verwerfungen. MAGA-Getreue wie Marjorie Taylor Greene, Thomas Massie und Tucker Carlson wenden sich wegen des Umgangs mit den Epstein-Akten und des Irankriegs von Trump ab. Die Trennungen sind hässlich und persönlich. Alte GOP-Granden wie Mitch McConnell sind nirgends zu sehen. Frühere Verbündete – Mike Pompeo, Bill Barr, Mike Pence – stehen dem Weißen Haus heute feindlich gegenüber, und John Bolton ist zum Ziel von Trumps Rache geworden. Misstrauen und Fehden durchziehen MAGA, eine Koalition, die nur durch den Willen des Präsidenten und die Angst vor seinem Zorn zusammengehalten wird.
Insider-Berichte verleiten den Leser naturgemäß dazu, darüber zu spekulieren, wer den Reportern was gesteckt hat. Haberman und Swan verfügen über ein tiefes Quellennetz und versetzen uns direkt in den Kabinettssaal, mitten unter die Hauptakteure in den entscheidenden Momenten. Das macht keine leichte Lektüre. Kein Präsident, vielleicht kein Mensch des öffentlichen Lebens, hat die sieben Todsünden je so vollständig verkörpert wie Trump. Man sieht sie alle in ihm, auch mit 79 Jahren, auf jeder dieser Seiten: Wollust, Gier, Hochmut, Zorn, Neid, Völlerei und Trägheit. (Der Mann lässt sich nicht mit langweiligen Details auf und steigt nicht in die Tiefen komplizierter Probleme hinab, deren Lösung mehr verlangt als einen noch größeren Hammer.) Was immer an Weisheit das Alter bringt – an ihm ist es spurlos vorbeigegangen. Sein animalischer Instinkt ist noch da, doch seine schlimmsten Züge scheinen mit dieser Rückkehr an die Macht nur noch ausgeprägter geworden zu sein.
Drei Schlüsselfiguren im Machtgefüge
Während Swan und Haberman die extremistische Agenda von Trump 2.0 schärfer in den Blick nehmen, treten drei Figuren hervor. Eine taktisch versierte Susie Wiles hat das größte politische Comeback in der amerikanischen Geschichte mitgeführt. Als Stabschefin im Weißen Haus hat sie es irgendwie geschafft, das Schlangennest, das Trump um sich versammelt hat, daran zu hindern, sich gegenseitig aufzufressen. Trump-Loyalist Stephen Miller steht im Zentrum nahezu jeder umstrittenen Maßnahme der Regierung – von brutalen ICE-Razzien und der Tötung mutmaßlicher Drogenhändler auf offener See in der Karibik über den Einsatz von Nationalgardisten in Stadtstraßen bis hin zur Deportation von Migranten in Gulags in El Salvador, um nur einiges zu nennen. Und Vizepräsident J.D. Vance bringt den Tucker-Carlson-Flügel der neuen GOP – hochgradig online, nativistisch, stets den nächsten Zug berechnend – ins Oval Office, vor allem wenn es darum geht, seinem Rivalen, Außenminister Marco Rubio, die Stirn zu bieten.
Das sind erfahrene und gerissene Kämpfer im Inneren des Apparats – und im Zentrum, mal manipulierend, immer beobachtend, steht Trump. Was auch immer man an den Ergebnissen kritisieren mag: Diese Leute sind mit radikalen Ambitionen angetreten. „This time is about legacy“, soll Trump laut Buch einem Vertrauten in den frühen Tagen gesagt haben. „We’re going to do big things. Even the people who don’t like me will like it.“
Doch anderthalb Jahre in Trumps zweiter Amtszeit stürzen seine Umfragewerte in den Dreißigerbereich. Möglicherweise ist ihm das egal. Immerhin hat seine Familie enorm von dem profitiert, was man nur als schamloseste Korruption bezeichnen kann, die je ein Weißes Haus hervorgebracht hat. Hunderte Millionen Dollar eingestrichen auf Wegen, die selbst Warren G. Harding erröten lassen würden. Doch der Irankrieg ist ein Desaster und zutiefst unbeliebt, Amerikas Ansehen in der Welt liegt in Trümmern, Inflation und Benzinpreise belasten alle im Inland. Der Präsident ist so offensichtlich schuldig an Hybris und historischer Selbstüberschätzung, dass selbst seine treuesten Verteidiger kaum noch Ausreden finden.
Pflichtlektüre für das Trump-Zeitalter
„Regime Change“ ist Pflichtlektüre, um zu verstehen, wie Trumps Präsidentschaft in nur 18 Monaten an diesen düsteren Abgrund gelangt ist – und warum am Ende alle ihn verlassen.