Mike Love und Al Jardine spielen „Pet Sounds“-Deep-Cuts auf ihren getrennten Touren
Nicht mal das 60. Jubiläum ihres Meisterwerks bringt die beiden Ex-Bandkollegen gemeinsam auf die Bühne – doch sie ehren „Pet Sounds“ auf ihre je eigene Art.
In diesem Jahr jährt sich „Pet Sounds“ zum 60. Mal – doch von einer gemeinsamen Jubiläumstour der verbliebenen Beach Boys Mike Love und Al Jardine war nie die Rede. Dafür steckt zwischen beiden zu viel schlechtes Blut. Das Einzige, worauf sie sich einigen konnten, war ein gemeinsamer Promotionauftritt im Capitol-Records-Gebäude im Mai, ungefähr zum genauen Jahrestag der Veröffentlichung.
Dieser Auftritt fiel in eine kurze Pause, in der beide Tournee-Bands gerade nicht auf der Straße waren. Ansonsten war es ein äußerst aktives Jahr – sowohl für Mike Loves offiziell lizenzierte Version der Beach Boys als auch für Al Jardine and the Pet Sounds Band. Und beide haben sich entschieden, tiefer in „Pet Sounds“ einzutauchen, nachdem sie zu Jahresbeginn zunächst nur die großen Hits gespielt hatten.
Den Anfang machte im März Chris Cron, ein außergewöhnlich begabter Sänger, der sich auf Instagram einen Namen damit gemacht hatte, vintage Beach-Boys-Harmonien nachzubilden. Love holte ihn als Ersatz für Bruce Johnston, der nach sechs Jahrzehnten aus der Band ausgeschieden war. Crons Tributeband Pet Sounds Live spielt bei ihren Shows das gesamte „Pet Sounds“-Album notengetreu nach – was es ihm leicht machte, „I’m Waiting for the Day“ in die echte Beach-Boys-Live-Show einzubringen.
Das neue Beach-Boys-Lineup
Christian Love, Mike Loves Sohn und seit Langem Sänger und Gitarrist in der Tournee-Band, übernimmt „God Only Knows“. Brian Eichenberger, ehemaliges Mitglied sowohl der Four Freshmen als auch von Brian Wilsons Tournee-Band, führt „Wouldn’t It Be Nice“ an. Bei „Sloop John B“ fügen Cron und Eichenberger ihre Stimmen auf bemerkenswerte Weise zusammen. Mike Love kämpft im Laufe des Jahres mit stimmlichen Problemen, hat sich aber ein starkes Team zusammengestellt.
Und seltsamerweise spielten sie damit über weite Strecken des Jahres mehr Songs aus „Pet Sounds“ als Al Jardine and the Pet Sounds Band. (Die Pet Sounds Band ist übrigens nicht mit Pet Sounds Live zu verwechseln: Erstere ist ein Kollektiv erfahrener Musiker aus Brian Wilsons Begleitband, Letztere eine unabhängige Tributeband, die mittlerweile ein tatsächliches Mitglied der Beach-Boys-Tournee-Band in ihren Reihen hat.) Der Grund: Jardine und die Pet Sounds Band widmeten die Hälfte ihres Sets dem schrägen 1977er-Album „The Beach Boys Love You“ – und ließen damit nur noch Platz für „Sloop John B.“ mit Al Jardine am Mikrofon sowie „Wouldn’t It Be Nice“ und „God Only Knows“ mit seinem Sohn Matt Jardine als Leadsänger. Ähnlich wie Chris Cron kann Matt die Falsettoparts, die einst Brian und Carl Wilson kreiert haben, brillant nachbilden.
Als Jardine und die Pet Sounds Band Anfang Juni – kurz nach dem „Pet Sounds“-Jubiläum – wieder auf Tour gingen, erweiterten sie ihr Programm um eine ganze Reihe weiterer Albumsongs: „I’m Waiting for the Day“, „I Know There’s an Answer“, „Here Today“, „Pet Sounds“ und „Caroline, No“ kamen hinzu, dazu die gesetzten Stücke „God Only Knows“, „Wouldn’t It Be Nice“ und „Sloop John B.“ Damit stehen neun der 13 Albumtracks auf dem Programm – nur „That’s Not Me“, „Don’t Talk (Put Your Head on My Shoulder)“, „Let’s Go Away for Awhile“ und „I Just Wasn’t Made for These Times“ fehlen noch.
Jardine contra Love: das stille Duell
Wenige Tage später, beim Beach-Boys-Konzert in Edinburgh, konterte Love mit der Aufnahme von „Caroline, No“ (mit Cron als Leadsänger) und „You Still Believe in Me“ (mit Eichenberger) ins Set – womit sie nun sechs „Pet Sounds“-Songs spielten, gegenüber Jardines neun. (Und Jardine spielte weiterhin den Großteil von „Love You“, während Love seit 1979 keinen einzigen dieser Songs mehr auf der Bühne gespielt hat.)
Um Love nicht das letzte Wort zu lassen, begann Jardine während seiner Australientournee in jenem Monat, einen Teil des „Pet Sounds“-Outtakes „Hang On to Your Ego“ einzuflechten. Kenner wissen: Dieser Song ist im Grunde „I Know There’s an Answer“ mit anderen Texten. Mike Love hatte 1966 auf die Änderung bestanden, weil ihm das Konzept des Ego-Verlusts zu eng mit Drogenkonsum verknüpft schien.
„Moment mal“, sagte Jardine in Sydney, nachdem er eine Strophe von „Hang On to Your Ego“ gesungen hatte. „Das sind nicht die richtigen Lyrics. Irgendwie hab ich mich verwirrt. Manchmal geht man ans Mikrofon, mag die Texte nicht und wechselt einfach zu einem anderen. Außerdem kriegt man dann ein paar Extra-Tantiemen raus.“ (Wer aufgepasst hat, erkennt darin einen klaren Seitenhieb gegen Mike.)
John Stamos mischt mit
Im Moment spielt Jardine noch immer neun „Pet Sounds“-Songs pro Abend, während Love wieder auf „God Only Knows“, „I’m Waiting for the Day“, „Sloop John B“ und „Wouldn’t It Be Nice“ zurückgefahren ist. „Caroline, No“ und „You Still Believe in Me“ wurden vorerst gestrichen, um John Stamos Platz zu machen, der auf Tour eingestiegen ist und „Forever“ singt – genau wie Onkel Jesse in „Full House“, als er Tante Becky heiratete. Was passiert, wenn Stamos mal nicht dabei sein kann, bleibt abzuwarten. Vielleicht kehrt dann der eine oder andere Song zurück.
Die Feierlichkeiten zum 60. Jubiläum von „Pet Sounds“ laufen noch bis Jahresende. Jardine hätte also noch Zeit, die fehlenden vier Songs hinzuzunehmen und das Album am Stück durchzuspielen. Dass Love das volle „Pet Sounds“ spielen wird – oder auch nur annähernd –, ist kaum vorstellbar. Aber dass er „I’m Waiting for the Day“ zulassen würde, hätte vorher auch niemand erwartet.
Was sich mit Sicherheit sagen lässt: Love und Jardine werden diese Songs niemals gemeinsam auf einer Bühne spielen. Eher tritt Love „15 Big Ones“ und Dennis Wilsons „Pacific Ocean Blue“ am Stück auf und streicht „Kokomo“, „Be True to Your School“, „409“ und „Shut Down“ aus dem Programm. Mit anderen Worten: Das wird nie passieren.