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10 Gründe, warum „Pet Sounds“ als das beste Album aller Zeiten gilt

Auch über ein halbes Jahrhundert nach seinem erscheinen gilt „Pet Sounds“ vielen Kritiker*innen als das beste Album aller Zeiten. Woran liegt das eigentlich?

Von Maik Brüggemeyer 20. Juni 2022

„Pet Sounds“ erschien im Goldenen Zeitalter des Albums

Mitte der 60er-Jahre trat die Popmusik ihre Weltherrschaft an. Teenager waren mit so viel Kaufkraft ausgestattet wie nie zuvor in der Geschichte und konnten sich nicht nur preiswerte Singles, sondern auch die teuren LPs leisten. Die ersten Künstler begannen ihre Schaffenskraft nicht länger nur auf einzelne Songs auszudehnen, sondern auf die Konzeption ganzer Alben, spielten mit den narrativen und musikalischen Möglichkeiten des neuen Formats und definierten es somit erst. So erzogen sie ihr Publikum, das sich bald nach mehr sehnte als der schnellen Singles-Nummer, nämlich nach (scheinbar) profunderen Sinnangeboten auf LP-Länge. Bis heute prägen diese ersten Entwürfe unsere Vorstellungen davon, was ein Album ausmacht. Daher findet man in den einschlägigen Bestenlisten auf den vorderen Plätzen noch immer viele Alben aus den Pioniertagen: Bob Dylans „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ oder „Blonde On Blonde“, die Beatles-Alben „Rubber Soul“, „Revolver“ oder „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, „Electric Ladyland“ von Jimi Hendrix und natürlich – was zu beweisen war – „Pet Sounds“ von den Beach Boys.

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„Pet Sounds“ ist das ultimative Autorenalbum

Auch wenn auf den ersten Beach-Boys-Alben mit dem Phil-Spector-Gehilfen Nick Venet noch ein nomineller Produzent geführt wurde, hatte Brian Wilson von Beginn an die volle Kontrolle über den Schaffensprozess, war Songwriter, Arrangeur und Aufnahmeleiter zugleich. Nach einer Panikattacke auf einem Flug von Los Angeles nach Houston beschloss er Ende 1964, seinen Bandkollegen das Konzertgeschäft zu überlassen und sich ganz der Arbeit im Studio zu widmen. Auf den beiden folgenden Alben, „Today!“ und „Summer Days (And Summer Nights!!)“, kann man die ersten Ergebnisse der Studiozauberei hören, die sich auf barocken Meisterstücken wie „In The Back Of My Mind“, „When I Grow Up (To Be A Man)“ und „Let Him Run Wild“ nicht nur in komplexeren Arrangements zeigten, sondern auch in einer Abkehr von Spaß und Strand Richtung Melancholie und Innenwelt. Doch während diese Alben durch Hits wie „Do You Wanna Dance?“, „Help Me, Ronda“ und „California Girls“ sowie das alte Image bedienende Texte von Mike Love noch klar als Beach-Boys-Werke erkennbar waren, führen die Bandmitglieder auf „Pet Sounds“ in erster Linie nur noch die Anweisungen von Brian Wilson aus, der sich in ihrer Abwesenheit zum Orson Welles des Pop aufgeschwungen hatte. So autonom war zu jener Zeit kein anderer Musiker in diesem Teeniegenre. „Pet Sounds“ ist die Wiedergeburt des Popstars als Künstler.

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„Pet Sounds“ ist das definitive Studioalbum

Während die anderen Bands jener Zeit sich noch Sorgen um die Reproduzierbarkeit ihrer Musik auf der Bühne machten und die Popmusik somit noch immer vor allem als performing art praktizierten, schuf Brian Wilson mithilfe der neuesten Studiotechnik – er nutzte ein 8-Spur-Gerät, während die Beatles sich noch mit vier Spuren begnügen mussten – wahrhaftige recording art, also einen Liederzyklus, der seine Klasse tatsächlich ausschließlich auf dem Plattenteller offenbaren konnte. Natürlich nur echt in Wilsons originalem, perfekt ausbalanciertem Monomix. „Pet Sounds“ entstand in vier verschiedenen Studios mit insgesamt 67 Musikern und kostete für damalige Verhältnisse unglaubliche 70.000 Dollar, was heute etwa 520.000 Dollar entspräche.

Auf „Pet Sounds“ spielen die besten Musiker

Während die Beach Boys auf Tour waren, nahm Brian Wilson seine neuen Kompositionen mit den Sessionmusikern auf, die auch auf den Produktionen seines Vorbilds Phil Spector zu hören sind und später als The Wrecking Crew legendär wurden. Wilson castete für jedes Instrument die Idealbesetzung: Hal Blaine am Schlagzeug, Larry Knechtel an der Orgel, Carol Kaye am Bass, Billy Strange, Al Casey und Barney Kessel an den Gitarren usw. „Die ganze Band war fantastisch“, erklärte Toningenieur Chuck Britz später, der in den United Western Recorders Studios an Hollywoods Sunset Boulevard den Großteil der Sessions aufnahm. „In der ganzen Stadt gab es keinen Typen, der irgendwen aus diesen Sessions hätte ausspielen können.“ Und obwohl die Musiker in der Regel die Anweisungen von Brian Wilson ausführten, gab es in den oft viele Stunden währenden Sessions Platz für Improvisationen. Über seinen Texter Tony Asher hatte Wilson Duke Ellington entdeckt und war fasziniert von dessen Talent, die spontanen Einfälle seiner Band in seine Kompositionen zu integrieren. Auch die Überblendungen von Pop, Exotica, Klassik und Avantgarde, die Wilson in diesen Sessions praktizierte, finden sich schon im Werk des großen Bandleaders. „Pet Sounds“ ist eigentlich ein (barockes) Jazzalbum.

Auf „Pet Sounds“ singen die schönsten Stimmen

Seit Brian Wilson 1958 in einem Plattenladen in Hawthorne/Kalifornien zum ersten Mal die Jazz-Vokalgruppe The Four Freshmen gehört hatte, galt seine uneingeschränkte Liebe der menschlichen Stimme. Er hatte Doo-Wop-inspirierte Bands wie die Coasters, die Harmonien der Everly Brothers und von Phil Spector produzierte Girlgroups wie die Ronettes und die Crystals im Kopf, wenn er mit seinen Brüdern und Freunden stundenlang Gesangsparts übte. Bei den Sessions zu „Pet Sounds“ war er regelrecht besessen vom perfekten Take. „Eine Passage von ,Wouldn’t It Be Nice‘ haben wir an die 30-mal gesungen“, erklärte Mike Love später. „Und einige dieser Takes waren annähernd perfekt. Aber Brian suchte nach mehr als den eigentlichen Noten oder danach, wie unsere Stimmen harmonierten: Er suchte nach etwas Mystischem, das jenseits unseres Hörvermögens lag.“ Er scheint es am Ende gefunden zu haben. Auf der zum 30. Geburtstag des Albums erschienenen Box „The Pet Sounds Sessions“ kann man alle Songs ohne instrumentales Beiwerk, allein aus den Hälsen von Mike Love, Bruce Johnston, Al Jardine sowie Brian, Carl und Dennis Wilson hören – einfach göttlich!

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„Pet Sounds“ ist der Sieg der Kunst über den Kommerz

Als die Beach Boys Ende Januar 1966 von ihrer Japan-Tour zurückkehrten und von ihrem Bandleader mit den ersten instrumentalen Tracks des nächsten Albums konfrontiert wurden, hielt sich die Begeisterung zunächst in Grenzen: „Don’t fuck with the formula!“, schimpfte Mike Love, der – nicht ganz zu Unrecht, wie sich im Nachhinein herausstellte – Angst hatte, die alte Formel der sommerfrischen Pophits gegen eine Kunstmusik einzutauschen könne dem Erfolg der Beach Boys auf Dauer schaden. Doch Wilson setzte sich durch, stellte die künstlerische Vision über das kommerzielle Potenzial und scheiterte schließlich kommerziell: Schlecht für die Stimmung, gut für den Mythos. Vielleicht sind wir ja alle hoffnungslose Romantiker, weil wir glauben, ein Pop-Album könne mehr sein als bloß ein kulturindustrielles Produkt, das die Interessen des Kapitals in unsere Ohren kräht (oder, in diesem Fall, betörend harmonisch in unsere Ohren säuselt), aber die Geschichte und die kompositionelle Klasse von „Pet Sounds“ bieten immerhin ein paar gute Argumente dafür, dass wir nicht ganz falsch liegen.

„Pet Sounds“ hat ein bestechend simples Konzept

Das Idealbild eines Albums aus einem Guss war für Brian Wilson „Rubber Soul“ von den Beatles – allerdings bezog er sich auf die von Capitol Records kompilierte US- Version, die mit „I’ve Just Seen A Face“ beginnt und sich tatsächlich wie die Geschichte einer Beziehung vom ersten Sehnen über die ersten Krisen bis zur männlichen Eifersucht hören lässt. „Pet Sounds“ sollte dieses Werk in Sachen narrativer und musikalischer Kohärenz noch übertreffen. Die Texte, die im Wesentlichen der Werbemann Tony Asher in stetigem Austausch mit Wilson schrieb, erzählen aus der Sicht eines Jungen eine unschuldige Teenieliebe, von der ersten Euphorie („Wouldn’t It Be Nice“) bis zur herben Enttäuschung („Caroline, No“). Nur die von der Plattenfirma erzwungene Inklusion der Hitversion des karibischen Folksongs „Sloop John B“ will auch nach vielen hermeneutischen Klimmzügen nicht in diese Erzählung passen. Verglichen mit den ambitionierten, aber oft auch ungemein angestrengten Konzeptionen, die das sogenannte Konzeptalbum irgendwann in Verruf brachten, folgt „Pet Sounds“ also einer bestechend simplen Liebesgeschichte. Doch Wilson und Asher geben dem klassischen Thema des Pop – Junge trifft Mädchen – mit Worten, vor allem aber mit Kompositionen und Arrangements eine neue Dimension.

„Pet Sounds“ hat „God Only Knows“

Der Höhepunkt des, wenn wir der hier geführten Argumentation folgen wollen, größten Albums aller Zeiten ist der mit Sicherheit schönste Song aller Zeiten: „God Only Knows“. Das sieht nicht nur Paul McCartney so. Ein Lied über die Zweifel an der Liebe im Angesicht der Ewigkeit, komponiert mit harmonischer Raffinesse und dem extensiven Gebrauch von Komplementärintervallen. Gesungen von der prächtigsten aller Beach-Boys-Stimmen. Sie gehört Carl Wilson.

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„Pet Sounds“ ist das Werk eines Genies

Bei Erscheinen im Mai 1966 verpasste „Pet Sounds“ die Top 10 der US-Charts. Die klassischen (weißen) Albumkäufer, die den serious stuff von Bob Dylan, den Beatles oder den Byrds hörten, sahen in den Beach Boys noch immer die lustige Surfkapelle (die sie nie waren), und ihre Teeniefans sehnten sich nach unbeschwerten Hits und kauften lieber die „Best Of The Beach Boys“-Kompilation, die Capitol wenige Wochen nach „Pet Sounds“ in vorauseilendem Gehorsam veröffentlichte. In ihrer Heimat hatten die Beach Boys eindeutig ein Imageproblem. In England hingegen waren sie hip. Paul McCartney und John Lennon kamen zur Listening-Party im Londoner Waldorf Astoria und trugen die frohe Botschaft ins Land hinaus. Nur das Stones-Album „Aftermath“ konnte „Pet Sounds“ davon abhalten, die Spitze der UK-Charts zu erklimmen. Der ehemalige Beatles-Publizist Derek Taylor, der mittlerweile eine PR-Agentur in Los Angeles betrieb, hatte erheblichen Anteil an diesem Erfolg und wurde daher von Wilson engagiert, sein Album auch in den USA zu vermarkten. Im Juli schrieb er, wohl inspiriert von Wilsons Song „I Just Wasn’t Made For These Times“, im US-Magazin „Go!“ als „60er-Hollywood-Reporter Jerry Fineman“: „Dies ist Brian Wilson. Er ist ein Beach Boy. Einige sagen, er sei mehr. Einige sagen, er sei ein Beach Boy und ein Genie.“ Er schloss seine Lobpreisung mit den Worten: „Er wurde schon oft ein Genie genannt, und es ist ihm eine Last.“ Besser kann man eine selffulfilling prophecy nicht lancieren. Denn bis dahin war das Attribut „Genie“ für Popstars nicht vorgesehen, sondern einzig der hohen Kunst vorbehalten. Doch mithilfe von Taylors Kampagne wurde Wilson zum Sinnbild des einsamen romantischen Genies in der Popmusik – das sich schließlich durch seinen Nervenzusammenbruch während der Arbeiten an „Smile“ noch um die Dimension Wahnsinn erweitern ließ. Bis heute ist Brian Wilson das ultimative (unverstandene) Genie des Pop. „Pet Sounds“ ist sein Vermächtnis und kann daher nur das größte Album aller Zeiten sein.

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„Pet Sounds“ ist einzigartig

Man kann darüber streiten, ob „Blonde On Blonde“, „Blood On The Tracks“ oder gar „Time Out Of Mind“ Bob Dylans Meisterwerk ist, ob die Beatles mit „A Hard Day’s Night“, „Revolver“, „Sgt. Pepper“ oder „Abbey Road“ ihren Zenit erreichten, ob die tollsten Riffs der Stones auf „Beggars Banquet“, „Let It Bleed“ oder „Sticky Fingers“ zu finden sind und Joni Mitchell in ihrer blauen Stunde oder zwischen zischelnden Sommerwiesen am besten war. Bei den Beach Boys kann es eine solche Diskussion nicht geben. Trotz der vielen auf den Vorgängeralben verstreuten tollen Songs und den teilweise beachtlichen Anstrengungen mit und ohne den maladen Wilson in den Folgejahren reicht nichts in ihrem Werk an „Pet Sounds“ heran – allenfalls noch die Erwartungen an das gescheiterte „Smile“. Wenn also mal wieder eine Wahl des größten Albums aller Zeiten ansteht und man die schönsten Stimmen und die besten Musiker des Pop, das Genie und den Wahnsinn des Brian Wilson und die alle Kapitalinteressen transzendierende Kraft der Popmusik ehren will, muss die Wahl immer auf dieses Album fallen.