Alex Pretti half Veteranen. Warum schweigt die Countryszene zu seinem Tod?

Alex Pretti, Veteranenhelfer und Waffenbesitzer, wurde von Bundesbeamten getötet. Warum äußert sich die Countrymusik nicht?

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Dieser Artikel wurde aus dem Country-Music-Newsletter „Don’t Rock the Inbox“ adaptiert und erweitert.

Ich will ehrlich sein, liebe Newsletter-Leser. Es fällt schwer, heute „normal“ einen Newsletter zu schreiben. Wobei man das fairerweise über fast jeden Tag der vergangenen fast zehn Jahre sagen könnte. Vor meinem Fenster ist Nashville eingefroren. Irgendwie habe ich noch Strom, obwohl die Hälfte der Stadt keinen hat und viele versuchen müssen, sich bei nächtlichen Temperaturen um die vier Grad warmzuhalten.

Von Eis ummantelte Bäume liegen überall, blockieren Straßen. Liegen auf Häusern und Autos. Es ist verstörend, dass etwas so Schönes so zerstörerisch sein kann. So empfinde ich vieles, was heute schön erscheint.

Sorge um Stadt und Land

Ich mache mir Sorgen um meine Stadt und natürlich um mein Land. Am Samstagabend sahen wir alle wieder, wie ein unschuldiger Amerikaner auf unseren Fernsehbildschirmen und Handys getötet wurde. Der Intensivpfleger der Veterans Affairs Alex Pretti, der sich einfach auf den Straßen von Minneapolis aufhielt und von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machte. Pretti wurde von Bundesbeamten der Einwanderungsbehörde etwa zehnmal angeschossen. Er starb noch am Tatort.

Zwei Wochen zuvor wurde Renee Good bei derselben Tätigkeit getötet. Im vergangenen September wurde Santos Edilberto Banegas Reyes auf dem Weg zur Arbeit von ICE festgenommen und starb weniger als einen Tag später in Gewahrsam – einer von insgesamt 32 Menschen, die allein im vergangenen Jahr in ICE-Gewahrsam ums Leben kamen.

Ich wünschte, ich könnte all das hier ausführlich behandeln, und meiner persönlichen Meinung nach sind das moralische und keine politischen Fragen. Weshalb sich die Countrymusik-Community längst geschlossen hätte äußern müssen. Aber weil Alex Pretti als Krankenpfleger bei den Veterans Affairs arbeitete, also direkt verletzte und kranke Veteranen versorgte, möchte ich darüber sprechen, warum die Countrymusik, die sich rühmt, Soldaten, Veteranen und Militärfamilien zu dienen und zu ehren und seit Jahrzehnten eng mit dem Militär verbunden ist, weitgehend schweigt.

Arbeit für Veteranen

Pretti arbeitete in den vergangenen fünf Jahren als Intensivpfleger am Minneapolis VA Medical Center. Er kümmerte sich um schwerkranke Veteranen und las ihnen bei ihrem Tod die letzten militärischen Ehren vor.

„[Pretti] war geduldig. Er beantwortete all unsere Fragen. Er war ein aufrichtiger Mensch, und es war offensichtlich, dass ihm wirklich am Herzen lag, was wir durchmachten“, sagte Jean Trebus, deren Vater Vietnamkriegsveteran war und von Pretti betreut wurde.

All das ist genau die Art von Arbeit, die die Countrymusik – obwohl sie meist behauptet, „nicht politisch“ zu sein, was sich unter Trump 2.0 verändert hat – normalerweise lobt, und das zu Recht. Künstler wie John Rich, Lee Greenwood, Jason Aldean, Kid Rock, Trace Adkins, Chris Janson und viele andere haben die Unterstützung von Veteranen zu einem zentralen Bestandteil ihrer öffentlichen Persona gemacht.

Das Genre blickt zudem auf eine lange Geschichte von Songs über die Erniedrigungen und Tragödien des Krieges zurück, von Loretta Lynns „Dear Uncle Sam“ bis zu den Chicks und „Travelin’ Soldier“, mit vielen Beispielen dazwischen, manche stärker von Pathos durchzogen als andere, insbesondere in der Zeit nach dem 11. September.

Schweigen der Stars

Man sollte meinen, dass jene Vertreter der Countrymusik, die das Ehren des Militärs zu ihrer Marke gemacht haben, sich zum Tod eines Mannes äußern, der sein Leben der Versorgung von Veteranen widmete und dann auf Amerikas Straßen getötet wurde.

Doch genau das passiert kaum. Ich bin nicht überrascht über dieses Schweigen, und ich setze Social-Media-Aktivismus auch nicht mit tatsächlichem Aktivismus gleich. Öffentlicher Widerspruch und Druck von Prominenten mit großer Reichweite entfalten jedoch Wirkung, gerade in einem Bereich, der ihnen angeblich besonders wichtig ist und in dem sie ihre Fans führen und aufklären könnten.

Was postet John Rich also seit Samstag? Abgesehen vom Retweet eines nachweislich falschen Tweets des Heimatschutzministeriums teilt er vor allem Fotos von vereisten Bäumen. Jason Aldean postete Bilder vom Schlittenfahren. Lee Greenwood zehrt weiterhin vom Erfolg von „God Bless the USA“. Und Kid Rock – keine Ahnung, was er macht. Aber er spricht nicht über die Tötung eines Mannes, der Veteranen versorgte. Keiner von ihnen steht öffentlich der Familie Prettis bei. Keiner initiiert Spendenaktionen oder kommentiert den Tod.

Politische Instrumentalisierung

Mein Großvater war Veteran. Die Arbeit, die die Countrymusik leistet, ist zweifellos wichtig. Doch ich denke oft darüber nach, wie sie politisch oder als Branding für Künstler genutzt wird, die selbst nie gedient haben. Auffällig ist, wie bereitwillig sie die Symbolik aufsaugen, ohne tatsächliche Countrymusiker-Veteranen in den Vordergrund zu stellen. Etwa Michael Trotter Jr. von The War and Treaty, der im Kampfeinsatz war und bis heute an PTBS leidet. Wenn es also nicht um Politik geht, sondern um Veteranen, müsste die Countrymusik dann nicht etwas zum Tod von Pretti sagen, um das zu belegen?

Und auch wenn ich darauf hier nicht ausführlich eingehe: Pretti war zudem legaler Waffenbesitzer und machte von seinem Recht aus dem zweiten Verfassungszusatz Gebrauch. Ebenfalls ein zentrales Narrativ vieler dieser Countrykünstler. Heute scheint jedoch niemand Interesse daran zu haben, über das Recht auf Waffenbesitz zu posten. Obwohl das sonst gern geschieht, wenn Kinder an Schulen getötet werden. Gleichzeitig sagt Trump nun offenbar: „Ihr dürft keine Waffen haben“?

Warten auf Haltung

Währenddessen postete Chris Janson, der sonst keine Gelegenheit auslässt, über „amerikanische Helden“ und seine Arbeit für Veteranen zu sprechen, am Montag eine Reihe von Fotos von sich im Whirlpool. Muss schön sein.

Wenn das Genre Countrymusik seinem eigenen Anspruch gerecht werden will, Veteranen zu unterstützen, sollte es sich dann nicht jetzt um die Tötung von Alex Pretti kümmern und laut genug sein, damit so etwas nicht wieder passiert? Ich denke, es sollte. Zeigt uns, dass all das Flaggen-Schwenken nicht nur Teil eurer persönlichen Marke ist. Wir warten.

Marissa R. Moss schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil