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Arne Willander sieht fern: ‚Die Auslöschung‘ mit Klaus Maria Brandauer

Filme über Krankheiten ohne Heilung entwickeln sich betulich und heiter wie Katastrophenfilme im ersten Drittel: Man schaut nach ersten Anzeichen, hört fernes Donnergrollen, weiß etwas, das die Protagonisten noch nicht wissen. Der Katastrophe bricht mählich herein, der Film hat Zeit, denn die Krankheit ist ja sein Thema. Jahre schrumpfen zu Minuten – das ist das Schreckliche, aber auch das Gnädige der Darstellung.

Nikolaus Leytner hat seinen Fernsehfilm nach einem Romantitel seines österreichischen Landsmanns Thomas Bernhard, „Die Auslöschung“, benannt, doch zugleich sei diese Krankheit zum Tode „vor allem eine große Liebesgeschichte“. Die Restauratorin Judith und der Kunsthistoriker Ernst sind sich spät im Leben begegnet; der charismatische Redner und Buchautor hatte sie bei einem Empfang für sich gewonnen, auf ein paar Glaserl Rotwein eingeladen, dann regnete es, er konnte angeblich sein Auto nicht finden, sie nahmen ein Taxi, und es ist halt Wien.

Klaus Maria Brandauer spielt Ernst Lemden: einen barocken, eloquenten und streitlustigen Intellektuellen, eitel, nicht ohne Selbstironie, die Ehefrau gestorben, ein schwieriges Verhältnis zu den beiden Kindern. Mit dem Enkel spielt er begeistert, mit der jüngeren Judith zieht er in eine geräumige, repräsentative Wohnung; er will noch Bücher schreiben. Für Judith ist es die große Liebe, Ernst eröffnet ihr Denk- und Lebensräume, es ist genügend Geld vorhanden. Wie immer bei Brandauer, hat auch dieser gebildete Ernst etwas Jungenhaftes und Spielerisches, er ist ein Magister ludens, zeigt Judith sogar, wie man flache Steine so wirft, dass sie über die Wasseroberfläche springen. Martina Gedeck ist passiv und duldsam, aber auch vollkommen dazu entschlossen, die gegebene Zeit auszuschöpfen. 

Dann vergisst Ernst manchmal, die Herdplatte auszustellen, oder er findet ein Buch nicht; seine Unsicherheit bleibt nicht verborgen. Im Kühlschrank entdeckt Judith seine Lesebrille. Ernst ist zu gescheit, um den Ärzten nicht zu trauen. Früh schon versteckt er das Gift im Bücherregal, schreibt ein Kärtchen mit dem Hinweis auf den Verbleib – und vergisst die Ultima ratio. Aber irgendwann findet Judith den Zettel, will das Pülverchen in der Toilette hinunterspülen – und tut es nicht. Der vormals apodiktische und ungeduldige Gelehrte wird tapsig und zaghaft, in der Öffentlichkeit erkennt er alte Freunde und Bekannte nicht mehr. Einmal besucht ihn sein Sohn, der um die Ausweglosigkeit weiß, und endlich sprechen sie miteinander. Zum Abschied umarmen sie einander; dazu waren sie früher beide zu unnahbar.



Alter, Tod und Blasensteine – Das Thema „Krankheit“ in der Popmusik

  Eric Pfeils Pop-Tagebuch, neue Folge 2 „Rock’n’Roll is an old man’s game now“, sprach kürzlich mein Held, der 60-jährige Songschreiber Robyn Hitchcock. Da hat er natürlich Recht, die big players sind alle um die Siebzig: die Rolling Stones, Paul McCartney, Bob Dylan, Leonard Cohen, Howard Carpendale. War Altern in der Popmusik in den Achtzigern aber noch ein großes Problem (was zu katastrophalen Midlife-Crisis-Produkten von Leuten wie Lou Reed, Neil Young oder Dylan führte), kräht heute niemand mehr direkt „Aufhören!“, sobald sich irgendwo Rock-Veteranen mit Knitterlook zum Saitenzupfen versammeln. Natürlich ist das Musikgeschäft für einen Musiker im fortgeschrittenen Alter nicht…
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