Aus „MOVIES“: Elisabeth Moss – auf der Suche nach Unglück

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Aus „MOVIES“: Elisabeth Moss – auf der Suche nach Unglück

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Ab jetzt im Handel: ROLLING STONE mit Sonderheft MOVIES. Aus der Sonderpublikation – das Porträt von „Handmaid’s Tale“-Star Elisabeth Moss:

Elisabeth Moss beißt herzhaft in eine Banane. „Ich bin dermaßen hungrig“, erklärt sie kauend. „Und meine Agentin hat gesagt, ich darf die jetzt essen.“ Sonst folgt sie beruflich eher ihrem ganz eigenen Kompass. Und der führt die 35-jährige US-Amerikanerin in der Regel weg von vorhersehbaren Mainstream-Rollen in Blockbustern, hin zu anspruchsvollen TV-Serien und experimentellem Arthouse-Kino. Sie bevorzugt ungewöhnliche Rollen mit Entwicklungspotenzial. Ihre Protagonistinnen überraschen, verunsichern oder stellen alte Rollenmuster in Frage. So wie Peggy Olson in der preisgekrönten TV-Serie „Mad Men“, durch die sie weltweit bekannt wurde. In sieben Staffeln spielt sie die zunächst naiv und schüchtern wirkende Sekretärin einer New Yorker Werbeagentur in den 60er-Jahren, die sich mit Talent und Ehrgeiz ihren Platz als Texterin in einer von Männern dominierten Welt erkämpft und sogar bis zur Agenturchefin aufsteigt.

„Peggy Olson zu spielen, war eine Herzensangelegenheit und irgendwann viel mehr als ein Job, es war ein Lifestyle“, erzählt Moss. „Mit ‚Mad Men‘ aufzuhören, war sehr emotional. Trotzdem war es genau der richtige Zeitpunkt. Ich hatte das Gefühl, alles ist erzählt und dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.“ Moss verschmilzt so sehr mit ihren Rollen, dass man gar nicht anders kann, als die Realität mit der Fiktion abzugleichen. Und da hat sie heute so gar nichts von der Werberin. Sie trägt ein tief dekolletiertes, weißes Kleid, die Haare sind hellblond gefärbt. Und dann lächelt sie dieses unvergleichliche Elisabeth-Moss-Lächeln, erst zaghaft, dann immer breiter.

Emmy-Gewinnerin Elisabeth Moss
Emmy-Gewinnerin Elisabeth Moss

Fremdschämen auf höchstem Niveau

Ihre Figuren bleiben in Erinnerung und beeindrucken den Zuschauer nachhaltig, auch wenn sie einmal nicht in der Hauptrolle zu sehen ist, wie in „The Square“, und trotzdem alle an die Wand spielt. Im Mittelpunkt der Gesellschaftssatire des schwedischen Regisseurs Ruben Östlund steht ein angesehener Museumskurator. Der aalglatte Frauenheld landet nach einer Ausstellungseröffnung mit einer Journalistin (Moss) im Bett. Sie kreuzt nach dem One-Night-Stand unangekündigt an seinem Arbeitsplatz auf. „Kannst du dich an meinen Namen erinnern“, will sie von ihm wissen. Er kann sich ganz offensichtlich nicht erinnern, doch sie lässt nicht locker. Keine lange, aber sehr intensive Szene, die man so im Kino noch nicht gesehen hat, weil Moss sie zu einem Ereignis macht. Fremdschämen auf höchstem Niveau. „Es hat richtig Spaß gemacht, das zu spielen“, erklärt Moss. „Mein Ziel war es, dass sich dieser Mann in diesem Moment so unwohl wie möglich fühlt, weil ich ihm diesen Scheiß nicht durchgehen lasse. Ich wollte so nervtötend sein, dass er sich nichts mehr wünscht, als einfach im Erdboden verschwinden zu können.“ Die Jury in Cannes war so begeistert von „The Square“, dass sie den Film mit der Goldenen Palme, dem Hauptpreis des Festivals, auszeichnete.

Die in Los Angeles geborene Elisabeth Moss steht schon früh vor der Kamera. Das erste Mal für die TV-Mini-Serie mit dem schönen Titel „Heißes Erbe Las Vegas“, da ist sie gerade einmal acht Jahre alt. In regelmäßigen Abständen tritt sie von nun an in TV-Serien und Kinofilmen auf. Sie interessiert sich auch für Ballett, nimmt ab dem fünften Lebensjahr Unterricht, besucht später die renommierte School of American Ballet in New York und studiert bei Suzanne Farrell, einer der berühmtesten Ballerinas des 20. Jahrhunderts. Doch die Schauspielerei nimmt immer mehr Platz in ihrem Leben ein, für das Ballett bleibt irgendwann keine Zeit mehr, bis sie mit 15 Jahren den Tanz ganz aufgibt. Ihre Eltern sind beide Musiker, die Mutter spielt Klavier, der Vater Trompete und ihr Bruder Schlagzeug. Elisabeth Moss beherrscht als einziges Familienmitglied kein Instrument. Ihr Credo lautet: keine halben Sachen. Wenn sie etwas anfängt, will sie perfekt sein. Für die Musik habe ihr die Zeit gefehlt, erzählt sie. Und so konzentriert sie sich ganz auf die Schauspielerei. Mit jedem ihrer Charaktere scheint Moss symbiotisch zu leben. Ihre Figuren – wie Peggy Olson – werden Ikonen der Populärkultur. Das birgt gerade in der Logik der US-Entertainment-Industrie die Gefahr, immer wieder für verschiedene Varianten ein und derselben Rolle besetzt zu werden. Doch Moss gelingt das seltene Kunststück, sich mit jedem Projekt neu zu erfinden und nicht auf einen bestimmten Typus festlegen zu lassen.

Erfolg mit „Top Of The Lake“

Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs mit „Mad Men“ macht sie eine 180-Grad-Wende und nimmt 2013 in der Krimiserie „Top Of The Lake“ die Hauptrolle an. Sie spielt die auf Kindesmissbrauch spezialisierte Polizistin Robin Griffin, die ein traumatisches Ereignis verdrängt, bis sie durch einen Fall mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. „Ich mag diese Rolle sehr, weil diese Frau so ganz anders ist als ich“, erzählt Moss. „Von all den Frauen, die ich gespielt habe, ist sie am weitesten von meiner eigenen Persönlichkeit entfernt. Sie hat eine ramponierte Seele, sie ist ein emotionaler Krüppel und sehr verbittert. So etwas kenne ich glücklicherweise nicht. Trotzdem kann ich mich mit ihr identifizieren. Das ist letztendlich mein Job als Schauspielerin.“ Für die Darstellung der geheimnisvollen Robin Griffin wurde sie mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Zwei Folgen der zweiten Staffel „Top Of The Lake“ (Regie führt wiederum Jane Campion) wurden auf dem diesjährigen Filmfestival in Cannes vorgestellt, Kritiker waren begeistert, halten sie für noch besser als die erste Staffel. „Solche Figuren machen am meisten Spaß“, sagt Elisabeth Moss. „Denn es gibt nichts langweiligeres, als mich selbst zu spielen. Glückliche Frauen sind keine guten Rollen.“

Staffel zwei von „Top Of The Lake“ hat in Deutschland noch nicht einmal einen Ausstrahlungstermin, da sorgt ihre neueste Arbeit „Handmaid’s Tale“ bereits für weiteren Gesprächsstoff. Die US-amerikanische Serie mit Moss in der Hauptrolle ist in einer dystopischen Zukunft angesiedelt. In einem totalitären Staat versklaven Männer die letzten fruchtbaren Frauen zu wandelnden Brutkästen. Nebenbei hat sie die Energie für weitere Theater- und Filmprojekte: Gerade hat sie mit den beiden Oscarpreisträgern Robert Redford und Casey Affleck „Old Man And The Gun“ abgedreht. Alle wollen Elisabeth Moss. Und das ist kein Wunder. Es macht sogar Spaß, ihr dabei zuzusehen, wie sie eine Banane isst.

Todd Williamson Getty Images for Hulu
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