RS-Story



Bar-Begegnung mit Craig Finn – „Schreiben ist ziemlich einsam“


von

Craig Finn auf Tour 2022

  • 18.09.2022 BERLIN, COLUMBIAHALLE (LOST EVENINGS V WITH FRANK TURNER)
  • 19.09.2022 HAMBURG, NOCHTWACHE
  • 20.09.2022 KÖLN, BLUE SHELL

Wir verlosen Craig Finns neues Album „A Legacy Of Rentals“ zweimal auf Vinyl. Wer gewinnen will, muss nur das Formular unten ausfüllen und als Lösung „Craig Finn“ angeben. 

Von Claas Reiners

Die Lake Street Bar ist eine von vielen Kneipen im hippen Stadtteil Greenpoint von Brooklyn. Der Name der Bar bezieht sich auf eine bekannte Ausgehstraße in der Minneapolis, der Heimatstadt von Craig Finn und Bobby Drake (Schlagzeuger von The Hold Steady und Kneipenmitbesitzer).

Die Stadt am Mississippi spielt durchaus eine wichtige Rolle im Schaffen von Craig Finn. Immer wieder kehren die Protagonisten seiner Songs in die Twin City zurück und besuchen die Orte, in denen Finn seine prägenden Jahre verbrachte. Dort wurde er von lokalen Bands wie Hüsker Dü oder den Replacements sozialisiert und beeinflusst. Weitere Inhaber der Bar sind der Spoon-Bassist Rob Pope und der ehemalige Freedom Fighters Frontman Frank Bevan. Finn lebt seit über zehn Jahren in der Nachbarschaft und ist Stammgast, der von der Barkeeperin des Abends begrüßt wird.

Craig Finn wagt einen Neuanfang

Zwar hängen mittlerweile die wenigsten Protagonisten aus Finns Liedern in Bars rum, dafür sind sie in der Regel zu alt, zu arm oder wahlweise hält sie das frühe Aufstehen oder späte Nachhausekommen von der Arbeit davon ab, sehr wohl aber besuchten sie ganz sicher solche Bars, als sie jung waren und voller Zuversicht in die Zukunft blickten. Deswegen hieß Finns zweite Soloalbum, welches seinerzeit den Anfang einer Trilogie bildete, „Faith In The Future“. Jedoch wurde diese Zuversicht der Menschen in den Liedern enttäuscht, wie sich auf den Nachfolgenden beiden Alben heraushören ließ.

Das nun vorliegende fünfte Album „A Legacy Of Rentals“ erweitert die Trilogie jedenfalls nicht zu einem Quartett, sondern steht für einen Neuanfang, wie Finn nach der Bestellung eines Bieres zu berichten weiß: „Die Musik sollte noch cineastischer sein und eine Geschichte erzählen. Ich meine, alle meine Alben haben diese Elemente, aber dieses Mal sollte es wie bei vom Winde verweht daherkommen, wie ein großer Kinofilm. Und dann flossen etwas andere Themen in die Texte ein, als es bei mir bisher der Fall war. Andererseits arbeitete ich mit demselben Produzenten und mit denselben Leuten in der Band zusammen, aber trotzdem ist es keine Wiederholung, kein vierter Teil, sondern ein erster Teil.“

Der Titel „A Legacy Of Rentals“ hat für Finn, der kürzlich seinen 50. Geburtstag feierte und am Anfang der Pandemie einen engen Freund verlor, mehrere Bedeutungen. Vor allem ist er mittlerweile in einem Alter und einer Situation, in der er sich unweigerlich darüber Gedanken macht, dass er nicht für immer da sein wird. „Wie erinnern wir uns an Menschen, die gegangen sind, an Orte, die wir mal gesehen haben, an die Heimatstadt, in der ich nicht mehr lebe. Uns gehört nichts davon, nur unsere Körper, der Rest ist auf Zeit gemietet, wenn du so willst“, erläutert Finn den Titel.

Keine Religiösität

Die unbeantwortete Frage, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängt, ist von wem ist unser aller Leben gemietet. Die einzige logische Antwort dazu wäre, von der Zeit. Jeder Mensch ist nur für eine bestimmte Zeit auf dieser Erde. Was davor war und danach passiert, hängt von der Spiritualität jeder einzelnen Person ab. Obwohl Craig Finn eine gewisse katholische Erziehung genossen hatte, welche in den frühen The-Hold-Steady-Werken eine nicht unwichtige Rolle spielte, greift Finn in seinen Solosongs nie auf Religiosität zurück. Dafür sind die Protagonisten schlichtweg zu desillusioniert, als dass sie noch an einen Gott glauben würden, der ihnen das Leben schenkt oder gar nehmen kann. Deswegen stellt sich für sie das Gefühl ein, ihr Vermächtnis gehört nicht ihnen selbst, sondern ist eben nur gemietet. Also versuchen sie ihre Vergangenheit aufzuhübschen, um sich besser zu fühlen. Es ist sehr traurig, aber auch sehr wahr.

Craig Finn ist ein fleißiger Songschreiber. Für die Texte der ersten vier Alben seiner Band The Hold Steady brauchte er lediglich vier Jahre, ehe der Prozess etwas ins Stocken kam und die Pausen zwischen den Alben zunächst größer wurden und schließlich mit Soloalben gefüllt wurden. Seit einigen Jahren nun wechseln sich neue Alben von The Hold Steady und Soloplatten regelmäßig ab. Bei „A Legacy Of Rentals“ handelt es sich tatsächlich bereits um Finns fünftes Werk unter eigenem Namen. Abermals wurde es von Josh Kaufmann produziert, der bei den letzten Alben von Finn beteiligt war und zuletzt bei den Aufnahmen zu Taylor Swifts Alben „Folklore“ und „Evermore“ als Musiker mitwirkte.  Für Craig Finn ist Kaufmann mittlerweile so etwas wie ein musikalischer Partner, der die Musik mit seinen Ideen maßgeblich mitbestimmt.

Standen auf den letzten Alben dem Americana-Outfit, welches nach wie vor das Grundgerüst der Lieder stellt, jede Menge Bläsersätze entgegen, beschränkte sich der Einsatz dieses Mal im Wesentlichen auf ein Saxophonsolo in „Birthday“. Stattdessen stehen viele elektronische Spielereien, ein 14-köpfiges Streichorchester und der Einsatz einer Drummaschine im Fokus. Die musikalische Entwicklung ist allerdings nicht so groß und lässt noch genügend Raum für Finns Stimme und Texte, sodass es unverkennbar ein Craig-Finn-Album bleibt.

„Das war meine Absicht, ich wollte nicht etwas vollkommen Neues wagen, mich aber auch nicht wiederholen.“ Den Ansatz als Verfasser von vertonten Kurzgeschichten behält Finn hingegen auf diesem Album bei. Handelte das letzte Album „I Need A New War” von Menschen, die trotz ihrer Alltagssorgen, ihren schlechten Jobs und Fehlentscheidungen im Leben, den Kopf oben behielten und versuchten das Beste aus ihrer Situation zu machen, drehen sich die meisten Stücke auf „A Legacy Of Rentals“ hingegen im weitesten Sinn um Erinnerungen. „Viele Personen auf dem Album versuchen zu vergessen, was in der Vergangenheit passierte. Ihre eigenen Erinnerungen und die Erinnerungen anderer Menschen daran halten sie aber zurück.“

Wie Erinnerungen unsere Identität bestimmen

Dieses Überthema wurde durch David Carrs Buch „A Night With A Gun” inspiriert. David Carr stammte wie Finn aus Minneapolis und war schwer drogenabhängig, ehe er Journalist bei der New York Times wurde, sich mit Finn anfreundete und in dem Buch seine Drogenerfahrungen aufarbeitete. In einem Kapitel erinnerte der Autor sich an eine Nacht, in der er von einem Freund nach einem Streit mit einer Waffe bedroht wurde, nur um bei der Aufarbeitung zu erfahren, dass er selber es war, der eine Waffe auf seinen Freund gerichtet hatte. „Über solche Dinge habe ich viel nachgedacht, als das Album entstand“, konkretisiert Finn und führt aus, „wie Erinnerungen unsere eigene Identität bestimmen. Schon kleine Abweichungen können unser Fundament verändern und wenn wir irgendwann die Wahrheit oder eine andere Sichtweise erfahren, kann alles zusammenbrechen.“

Eine ganz andere Form von Erinnerungen wird im bereits erwähnten „Birthday“ behandelt. Der Erzähler des Songs unterhält sich mit einem seiner wenigen verbliebenden Familienmitglieder, vielleicht ist es ein Cousin, jedenfalls kein naher Verwandte, behauptet Finn und sagt: „Jede Familie hat ihre eigene Erinnerungskultur. Es hat auch eine Menge mit den Genen zu tun, du ähnelst deinem Vater, deine Kinder ähneln dir. Und das führt uns zu Mental Health, darum geht es auch in (dem The-Hold-Steady-Song) „Family Farm“, eine Menge meiner Songs handelten kürzlich davon, denn viele Menschen, die mir nahe stehen, habe diesbezüglich Probleme. Mehr als ich jedenfalls und das fasziniert und ängstig mich gleichermaßen.“

Craig Finn und das Storytelling

Begleitend zu den Songtexten schrieb Finn dieses Mal kurze Geschichten zu seinen Liedern. Die Idee dahinter war, dass „A Legacy Of Rentals“ noch mehr als bei den vorherigen Alben ins Storytelling gehen sollte. Das kling einigermaßen seltsam, weil es aktuell wohl kaum einen Songschreiber im Musikgeschäft gibt, der so konsequent Geschichten vertont, wie Craig Finn es praktiziert. Zunächst mit seiner Band The Hold Steady, bei der es um eine große Geschichte von Erlösung und Vergebung von drei jungen Protagonisten ging. Später bei seinen Soloalben eher wie kleine Alltagsbeobachtungen in Kurzgeschichten verpackt.

Trotzdem sieht Finn sich nicht als angehender Schriftsteller: „Was mir wirklich gefällt, ist die Zusammenarbeit mit meinem Produzenten Josh. Ich finde es toll, mit einem Song zu ihm zu gehen und mit ihm darüber zu sprechen. Schreiben hingegen ist ziemlich einsam. Ich würde gerne mehr Geschichten schreiben, aber wenn ich etwas schreibe, dann werden meistens Songs draus. Ich versuche mir das beizubringen, aber ich kann nicht sagen, ob das was wird. Im Moment fallen mir noch viele Lieder ein.“

Zehn Stück haben es auf „A Legacy Of Rentals“ geschafft. Auf zwei Liedern geht es um unterschiedliche Autounfälle und auf ganzen vier Stücken taucht ein Aquarium auf. Finn lacht und gibt zu: „Jeder Dealer hatte früher ein Aquarium. Selbst bei ‚The Wire‘ taucht immer wieder eins auf. Gleich im ersten Song, den ich für das Album schrieb, hatte ich die Zeile every dealer has a fishtank verwendet. Und dann blieb es im Kopf hängen. Eine Menge Menschen in Kleinstädten wollen ausbrechen, das Aquarium ist eine Metapher dafür.“

Während des Entstehungsprozess des Albums stand für einen kurzen Moment im Raum, das Wort im Titel zu verwenden. Doch von dieser Idee wurde schnell wieder abgelassen. Auf dem Albumcover hätte ansonsten neben dem englischen Wort „fishtank“ auch das Wort „Finn“ stehen müssen, was im Englischen sehr nah an dem Wort für „Flosse“ ist. „Das wäre zu viel des Guten gewesen“, stell Craig bei einem letzten Schluck Bier schmunzelnd klar.

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