60 Jahre Mauerbau – Das Rolling Stone-Special

Wie die Stasi mit Rolling Stones-Fans umging, warum Blixa Bargeld zu Mauerzeiten nie in Ostberlin war, wieso David Hasselhoff beim Fall des „antifaschistischen Schutzwalls“ tatsächlich eine wichtige Rolle spielte und andere Geschichten um ein Bauwerk mit glücklicherweise geringer Haltbarkeit.





Blixa Bargeld „Ich war nie in Ostberlin“


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Blixa Bargeld, wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit und Jugend im geteilten Berlin?
Ich bin als Westberliner Jahrgang 1959 in diese Stadt reingeboren worden und insofern mit der Mauer aufgewachsen. Es war tatsächlich ein Inseldasein. Ich war nie in Ostberlin.

Aus besonderem Grund?
Das Interesse war einfach nicht da. Man hat ja auch so was mitgekriegt … Wir konnten „DDR 1“ und „2“ empfangen, das prägt natürlich. Ich kann mich mit Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, ohne Probleme über Meister Nadelöhr und die russischen Märchenfilme unterhalten.

Wäre die musikalische Entwicklung der Einstürzenden Neubauten auch in einer anderen Stadt als dem geteilten Berlin möglich gewesen?
Ich hatte immer gedacht, das spiele keine Rolle – bis wir zum ersten Mal in anderen Städten aufgetreten sind. Die erste Tour durch die westdeutsche Provinz war schrecklich. Wir wurden mit Flaschen beschmissen. Und dann dieser Lokalpatriotismus und Fußballchauvinismus, das hat es in Berlin so nicht gegeben.

Von außen erschien die Westberliner Kulturszene wie eine Art Freiluftlabor, in dem alles möglich war …
Das wird immer so kolportiert. Westberlin erweckte den Anschein, als würde hier unglaublich viel passieren. Dabei passierte manchmal extrem wenig. Es gab vielleicht zwei Dutzend Leute, die, von meiner Warte aus betrachtet, etwas Interessantes machten, und die tauchten in allen möglichen Kombinationen immer wieder auf.

Manifestiert hat sich diese Szene mit dem von Ihnen mitinitiierten Festival „Die große Untergangsshow – Festival genialer Dilletanten“, wie erinnern Sie sich daran?
Das war ein Trick. Es ging darum, diesem Phänomen der umherschweifenden künstlerischen Jugendlichen einen Namen zu geben. Das hat dann sofort die Presseartikel gegeben.

Sie verdienten Ihren Lebensunterhalt zeitweise mit einem Barjob im „Risiko“. Wie wichtig war der Laden?
Das „Risiko“ war der optimale Start- und Endpunkt einer Nachtausschweifung. Auch wegen der perfekten Lage am Brückenkopf zwischen Kreuzberg und Schöneberg Ω in Schöneberg waren die Läden, in Kreuzberg wohnten die meisten Leute. Also fuhr man Richtung Schöneberg, traf sich im „Risiko“, zog weiter und kehrte morgens um fünf zum Absturz dorthin zurück.

Erinnern Sie sich, wo Sie am Tag des Mauerfalls waren?
Ich war mit Nick Cave in einem Studio in der Schlesischen Straße und habe „The Ship Song“ gemischt. Das ist die Straße, an der einer der ersten Grenzübergänge aufgemacht hat. Als wir morgens fertig waren, war alles voller Leute, die vor der Bank anstanden, um ihr Begrüßungsgeld abzuholen. Am nächsten Tag riefen die Journalisten an. Aber ich konnte gar nicht viel sagen. Meine Standardantwort war, dass die Heavy-Metal-Revolution mein persönliches Leben mehr verändert hat als die Wiedervereinigung.