Blues mit Untertiteln

Wenn es um seine Alben geht, denkt Joe Henry wie ein Filmregisseur

Ihn als einen Songwriter zu bezeichnen, treffe den Kern seiner Arbeit nur bedingt, erklärt Joe Henry. „Ich arbeite eher wie ein Autor, der Stücke fürs Theater schreibt. Ich sammle Material – Songs in meinem Fall -, und wenn ich das Gefühl habe, dass einige der Songs ein bestimmtes Thema, einen Ton und ein Narrativ nahelegen, fange ich an, das Konzept zu vervollständigen und die noch fehlenden Teile zu ergänzen.“ Dabei ist Henry mindestens ebenso sehr an Stimmungen, Texturen und Sounds interessiert wie an klassischen Songs. Seine Alben sind dichte atmosphärische Gebilde, zusammengesetzt aus unterschiedlichsten literarischen und musikalischen Traditionen. Da ist mit der Aussage, sein neues Werk „Blood From Stars“ handle vom Blues, noch wenig gesagt über das, was man da nun zu hören bekommt. „Ich beziehe mich da nicht so sehr auf Robert Johnson oder Blind Willie McTell“, erklärt Henry, „sondern eher auf Autoren, die sich in ihren Gedichten von der Blues-Form inspirieren ließen. Leute wie E.E. Cummings, Allen Ginsberg oder Längsten Hughes. Vor allem die frühen Sachen von Cummings sind stark von der Tonalität und Struktur des Blues gefärbt – aber durchaus auch von seiner Thematik. Genau wie die großartigsten Bluessongs handeln seine Gedichte immer zugleich von Liebe, Sex und Gott.“

Er begreife sich eher als Regisseur denn als Musiker, wenn es um die Produktion eines neuen Albums gehe, so Henry. So habe er auch die Musiker für „Blood From Stars“ , zu denen unter anderem der Gitarrist Mark Ribot, der Jazz-Pianist Jason Moran und sein eigener 17-jähriger Sohn Levon am Saxofon gehören, regelrecht gecastet. Statt eines Drehbuchs bekamen sie dann ein paar simple Demos in die Hand. „Ich gebe den Musikern, bevor wir ins Studio gehen, so wenig Informationen wie möglich“, so Henry, „denn ich will dabei sein, wenn sie meine Song entdecken und wie Schauspieler ihre Rolle darin finden. Ich sage ihnen nur: Um ein Gespür für dieses Album zu bekommen, schaut euch bitte folgenden Film an.“

Seit drei Alben arbeitet Henry schon mit dieser Methode. Für „Tiny Voices“ gab er seinen Musikern Bunuels „Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“ als Referenz, für „Civilians“ „Haben und Nichthaben“ von Howard Hawks und für“Blood From Stars“ nun Marcel Carnes „Kinder des Olymp“. „Das Romantische und Theatralische hat mich daran fasziniert“, erklärt er, „.dann diese dunkle Bildsprache, das expressionistische Spiel mit Licht und Schatten und diese unfassbar schönen und poetischen Dialoge, diese ganz erstaunliche Sprache.“ Er könne sich da allerdings nur auf die englischen Untertitel beziehen, so Henry, denn des Französischen sei er nicht mächtig. Die Poesie des Films hat er sich also – ebenso wie den Blues – durch eine Übersetzung angeeignet. „Ich habe versucht, dieses Prinzip auch in meinen Texten umzusetzen. Einige der Songs habe eine eigenartige Förmlichkeit, die Übersetzungen poetischer Texte oft eigen ist. Sie wirken wie aus einer anderen Welt herübergerettet – so als würde man sich an einen Traum erinnern.“

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