Boards of Canada sind zurück – als hätten sie nie aufgehört

Mit „Inferno“, ihrem ersten Studioalbum seit 13 Jahren, beweisen die schottischen Elektronik-Produzenten: Niemand macht diese Art von schwebenden Wiegenliedern besser.

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In den Neunzigern wurden Boards of Canada, das schottische Elektronik-Duo, meist in einem Atemzug mit ihren Weirdo-Kollegen auf Warp Records genannt. „Trip-Hop“ hätte damals kaum jemand gewagt – und vielleicht zu Recht. Aber BoCs träge Breakbeats, verbogene Synthesizer und Samples sowie die schwindelige Atmosphäre zeigen genau in diese Richtung – damals wie heute. Selbst jetzt klingt der Begriff vielleicht zu sehr nach einer bestimmten Ära – zu sehr nach Neunzigern, zumal für ein Duo, dessen bestes Werk sich als geradezu zeitlos erwiesen hat.

Doch schau dich um: Wie explodierende Benzinpreise und Drohungen mit einem Atomkrieg ist Trip-Hop zurück – und zwar mit Wucht. Viele der stärksten BoC-Momente – von „Happy Cycling“ auf der 1999er Peel-Sessions-EP (später auf ihr Debüt „Music Has the Right to Children“ von 1998 gepackt) bis „1969“, einem Höhepunkt von 2002s „Geogaddi“ – haben diesen Stil in seiner verblassten Technicolor-Pracht verkörpert. Der Begriff selbst hat zuletzt wieder Konjunktur, Hipster-DJs von Toronto bis London widmen ihm ganze Sets. Und das spektakuläre März-Set des italienischen Techno-Duos Voices from the Lake für den BBC Essential Mix erreicht seinen Gipfelpunkt, wenn sie „Happy Cycling“ fallen lassen wie den Hauptgewinn aus einer Piñata.

Periodischer Charme war schon immer Boards of Canadas größte Stärke. Sie veröffentlichen Musik, wenn es ihnen passt, lüften kaum etwas aus ihrem Privatleben und lassen die Presse zu sich kommen (ahem). Obwohl ihr Grundansatz gut zu einem aktuellen Trend passt und trotz der lautstarken Anti-Kampagne, die das Duo und ihr Label Warp Records im Vorfeld betrieben haben, brauchte „Inferno“ ungefähr so viel – oder so wenig – Astroturfing wie irgendjemand diesseits von Sade. Das Album liefert auch auf ähnliche Weise: Wer nichts reparieren muss, lässt es. Ja, diese Platte – das erste Studioalbum der Band seit 13 Jahren – klingt sehr nach Neunzigern. Das ist als Kompliment gemeint.

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Die überraschendsten Momente auf „Inferno“ sind jene, die weniger nach verschwommenem Glossolalia klingen und stattdessen direkt anthemisch wirken. Der nervöse Puls von „Prophecy at 1420 MHz“ erinnert – wen haben wir denn da? – an den späten Massive Attack: ein stechendes Mittelton-Riff, eine trockene Snare, eine bearbeitete dystopische Männerstimme, merkwürdig beruhigend.

Niemand macht das besser

Da der wolkige Eskapismus, den Boards of Canada anbieten, inzwischen eine veritablen Cottage-Industry der elektronischen Musik hervorgebracht hat, ist es schön, daran erinnert zu werden, dass niemand diese Art schwebender Wiegenlieder besser beherrscht. „Introit“ eröffnet das Album perfekt: eine halbe Minute Vintage-Synthesizer aus einem halb erinnerten BBC-Wissenschaftsspecial. Und „You Retreat in Time and Space“ – schon der Titel ist Trip-Hop, ganz zu schweigen vom langsamen Drum-Shuffle, der leise anschwellenden Basslinie, dem großen, flauschigen Keyboard-Motiv, den sich kräuselnden Streicher-Pads.

„Father and Son“ zerhackt brave Sprachschnipsel zu köstlichem Zuckerwatte-Taffy – den Firmenmenschen durch die Mangel zu drehen mag ein alter Produktionstrick sein, doch die beiden machen den Coldcut-haften Witz einmal mehr zur Tugend. Vieles ist aber auch ganz direkt programmatisch: „Into the Magic Land“ reitet auf einer tremolodurchtränkten Gitarre in einen grauen Wald hinein. Die Welt von „Inferno“ ist üppig, reich und kinoreif – sie geht über Genres hinaus und verkörpert sie zugleich.

Michaelangelo Matos schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil