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Review

Bob Dylan und „Shadow Kingdom“: Spiel mit Licht und Zeit


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Im Mai dieses Jahres machte im Internet ein Bild die Runde, das Bob Dylan zeigte, wie er bestiefelt und sonnenbebrillt durch eine rote Tür ging. Seit Sonntagnacht wissen wir, was auf der anderen Seite dieser Tür lag: eine Art Film-Noir-Set zwischen Speakeasy und Roadhouse, in dem er mit Band einige – wie es im Vorspann hieß – „early songs“ darbot.

Wobei die wirklich frühen Lieder der Folkjahre gar nicht zur Aufführung kamen, dafür aber Stücke aus den Jahren 1965 bis 1989. Zeit ist natürlich relativ – erst recht in Dylans Welt. Und man ist sich nicht sicher, ob es ein Zeichen seines Humors oder seines Zeitempfindens ist, dass er seine „early songs“ in einer Szenerie aufführt, die an die goldene Ära des Film Noir erinnert, die natürlich längst vorbei war, als er diese Songs schrieb.

Posen zur Tonkonserve

„Shadow Kingdom“ hat Dylan diese Inszenierung genannt. Sie ist nicht – wie viele Fans im Vorhinein gehofft hatten – eine virtuelle Fortsetzung der so genannten Neverending Tour, die Dylan seit 1988 bis zum Dezember 2019 unaufhörlich auf die Bühnen dieser Welt führte, die seit spätestens März 2020 eine world gone wrong zu sein scheint.

„We can either play or pose“, hat Dylan im April 2019 im Wiener Konzerthaus ein paar Fans entgegengebellt, die sich nicht an das strikte Fotografierverbot gehalten hatten. In „Shadow Kingdom“ hält er Wort. Dylan und seine fünf Musiker, unter ihnen Big-Thief-Gitarrist Buck Meek, posen zur Tonkonserve. Die Verzögerung, mit der der Sänger manchmal seinen meist im Schatten verborgenen Mund öffnet oder einer der Gitarristen einen manchmal auch falschen Akkord greift, scheinen Teil des dylan‘schen Spiels mit der Zeit zu sein.

Die für diesen Anlass halbakustisch (ab und zu kommt eine Telecaster zum Einsatz) umarrangierten Songs, in denen meist das Akkordeon das Kommando übernimmt, sind dabei geradezu betörend. „Tombstone Blues“ als entschleunigtes Rezitativ ist einer der Höhepunkte, ein geisterhaftes „What Was It You Wanted“ ein anderer.

Dylan tingelt durch sein Schattenreich

Dylan hat die stimmliche Hochform seiner letzten Konzerte durch die Pandemie gerettet, flüstert, barmt, spricht, bellt, grummelt vor wechselnder Kulisse, sodass der Eindruck entsteht, er tingle durch sein königliches Schattenreich wie sonst durch Amerika, Asien oder Europa. Und als das wundervoll gecastete und kostümierte Publikum zu tanzen beginnt, hat man das Gefühl, jemand habe das Coverfoto von Dylans jüngstem Album „Rough And Rowdy Ways“ zum Leben erweckt.

Wenn Bob Dylan seine Lieder filmisch umsetzt, beziehungsweise umsetzen lässt – bei „Shadow Kingdom“ von der amerikanisch-israelischen Regisseurin Alma Har’el –, geht es ihm nie darum, einen Eindruck von emotionaler Unmittelbarkeit zu vermitteln, oder gar von Schweiß und ehrlichem Handwerk. „Guernica“ gewinnt auch nicht, wenn man Picassos Pinsel und Absinthglas danebenhängt. Die Songs stehen für sich, sind Dylans Wahrheit, was immer das auch heißen mag, alles drum herum ist Inszenierung.

So wie im Schelmenstück „Don’t Look Back“ von D.A. Pennebaker, in dem der Songwriter sich während einer England-Tour auf der Bühne als Folksänger und jenseits der Bühne als Rockstar präsentierte. Oder in „Eat The Document“, einem Film, der die Europatour mit elektrisch verstärkter Band ein Jahr später als verstörend disruptiven Trip vorführte.

Oder das von der italienischen Commedia Dell’arte inspirierte Gauklertheater der Rolling Thunder Tour, bei dem Dylan sich maskiert zeigte und sich im daraus resultierenden Film plötzlich Renaldo nannte. Auch die Bühnenkulisse seiner Konzerte hatte, nicht nur wegen des stolz präsentierten Oscars, in den vergangenen Jahren immer mehr die Anmutung eines Filmsets.

Der Stream von „Shadow Kingdom“ wurde nach 48 Stunden abgeschaltet. Aber das Vergangene ist, wie Faulkner schrieb, ja nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.


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