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Bob Dylan wird 70: Bono über Bob Dylans „Like A Rolling Stone“

Am 24. Mai wird Bob Dylan 70 Jahre alt. Aus diesem Grunde haben wir bereits Anfang der Woche unsere ausführliche Dylan-Berichterstattung eröffnet – frei nach dem Motto: „Unseren täglichen Dylan gib uns heute.“ Gleichzeitig präsentieren wir das große Gewinnspiel von www.legacy-club.de. Ab sofort gibt es somit täglich eine Prise Dylan: Wir lassen alte Weggefährten zu Wort kommen, zeigen exklusive Fotografien, fragen namhafte Musikerkollegen nach ihren liebsten Dylan-Songs, überlassen ausgewiesenen Dylan-Experten das Wort undsoweiterundsofort. Heute schwärmt ein Prominenter Kollegen über den Song, den die Rolling Stone Redaktion mal zum „Besten Song aller Zeiten“ gewählt hat: Bono mit seinen Gedanken zu „Like A Rolling Stone“.

Dieses spöttische Lächeln – das ist etwas, was man beachten muss. Natürlich hatte Elvis dieses Lächeln. Und auch die Rolling Stones grinsten etwas höhnisch, was, wenn man den Titel des Lieds betrachtet, Bob Dylan durchaus bewusst war. Aber sein Spott im Song „Like a Rolling Stone“, der verwandelt Wein in Essig.

Dieser Song verpasst jedem anderen Poplied ein blaues Auge. Dieser zu Schau gestellte, verbale Faustkampf macht das Songwriting für eine ganze Generation möglich und lässt den Zuhörer auf dem Boden zurück. „Like a Rolling Stone“ war die Geburt eines Ikonoklasten, der die größte Stimme, aber auch der größte Vandale der Rock-Ära war. Das ist der Bob Dylan als ein Jeremiah (bibl. Prophet) der Herzen, der romantische Worte und „das Mädchen“ mit einem Feuersturm an unversöhnlichen Worten in Brand setzt. Nachdem er damit fertig ist, über die Heuchelei der Politik zu wettern, beginnt er damit, gegen etwas greifbare Dinge zu sticheln: die Szene, die High Society, die „hübschen Menschen“, die meinten, sie hätten es geschafft. Seine eigene Scheinheiligkeit hat er an diesem Punkt noch außen vor gelassen – dazu kommt er später. Trotzdem ist das „wir“ und das „die anderen“ nicht so klar definiert wie in den früheren Alben. Die Hipsters, die Eitelkeit der Zeit, die Vorstellung, dass man bessere Wertvorstellungen hast, sobald man die richtigen Stiefel anhat – das lässt Dylan die Zähne knirschen.

Für ihn sind die Sechziger eine Revolution gewesen. Trotzdem hat es andere gegeben, die eine Guillotine in Greenwich Village errichtet haben – nicht für ihre politischen Gegner, aber für die Spießer der Zeit. Bob hat sich gegen diese Idee gewendet, obwohl er sie mit seiner Korkenzieher-Frisur – bei der Jimi Hendrix später zugegeben hat, sie zu imitieren – geradezu verkörpert hat. Das Durcheinander der Worte, die Bildsprache, der Zorn und die Verdrießlichkeit in „Rolling Stone“ lassen sich leicht in Genres übertragen, die erst zehn bis zwanzig Jahre später aufgekommen sind, wie Punk, Grunge oder HipHop. Schaut man sich die Hauptperson des Liedtextes an, fragt man sich: „Wie konnte sie nur so schnell sinken, dass sie erst ein Mitglied der High Society war und dann ihr eigenes Essen erbetteln musste?“ Vielleicht ist es ein Blick in die Zukunft, vielleicht ist es aber nur Fiktion, ein Drehbuch in einem Lied.

In Dylans Nähe zu sein, oder gar Dylan selbst zu sein, muss damals unglaublich schwer gewesen sein. Sein wachsames Auge schimpfte über alles und jeden. Aber trotz des ganzen Gemeckers steckte sein wahrer Unmut in seinem bissigen Humor. “ If you ain’t got nothing, you got nothing to lose„, war sein Slogan. Aber die Textzeile, die mir am besten gefällt ist: “ You never turned around to see the frowns on the jugglers and the clowns / When they all did tricks for you / You never understood that ain’t no good / You shouldn’t let other people get your kicks for you.

Die Art und Weise wie Gitarrist Mike Bloomfield und Keyboarder Al Kooper in diesem Stück ihre Instrumente spielen ist so lebendig und unmittelbar, als ob man sähe, wie jemand Farbe auf eine Leinwand spritzt. Wie es oft der Fall ist, wenn man mit Bob im Studio ist, kennen die Musiker nicht den ganzen Song. Es ist ihre erste Berührung. Sie lernen ihn gerade kennen und man spürt ihre Freude dabei.

Wenn der Drang zu kommunizieren mit dem gleichwertigen Drang, dabei keine Kompromisse einzugehen, gepaart ist – wenn diese zwei Aspekte im Gleichgewicht sind – das ist Rock’n’Roll. Und das hat Dylan mit „Rolling Stone“ erreicht. Mir ist es nicht besonders wichtig, um wen es in dem Song geht – obwohl ich einige kennengelernt habe, die behaupten es ginge um sie (zum Teil waren sie 1965 noch nicht einmal geboren gewesen). „Es war einmal…“ ein solch ein radikales Lied, das zum Radiohit wurde – das ist der echte Nervenkitzel für mich. Die Welt hat sich wegen einer gereizten Stimme und  einem romantischen Geist verändert. Sie hat sich verändert, weil jemand aufgrund einer unerwiderten Liebe so tief verletzt war, dass er diese verzweifelt sarkastische Herabsetzung einer Person textete.

Ich liebe es, ein Lied zu hören, das alles verändert hat. Das ist der Grund, warum ich in einer Band spiele: David Bowies „Heroes“, Arcade Fires „Rebellion (Lies)“, Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“, Marvin Gayes „Sexual Healing“, Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, Public Enemys „Fight the Power“. Aber in der Krone dieses dysfunktionalen Stammbaums sitzt der König des beißenden Spotts, der Jongleur von Schönheit und Wahrheit, der Willy Shakespeare unserer Zeit in einem gepunkteten Hemd. Er ist der Grund dafür, dass jeder Songwriter nach ihm eine seine Last trägt und dieser niedere irische Barde stolz wäre, sein Gepäck zu tragen. Zu jeder Zeit.


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