Bruce Springsteen – „Nebraska“


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Bruce Springsteen
Bruce Springsteen

Ein besseres Cover gibt es gar nicht. Der weite graue Himmel über dem Highway, der im Horizont verschwindet. Am Wegesrand: nichts. Der Himmel scheint zu strahlen, diffus und giftig. Und auf der Kühlerhaube oder unten am Fenster, wo die Scheibenwischer angebracht sind, liegt vielleicht Schnee. Das Auto, aus dem diese Ansicht fotografiert wurde, muss ein Buick sein. Obwohl Bruce Springsteen der Cadillac-Mann war.

Bis „Nebraska“. Eben rockte er noch mit seinen Kumpels von der E Street Band, sang über hungrige Herzen, Autofriedhöfe und das kleine Glück nach Dienstschluss. Das war „The River“, die Platte für den Arbeitnehmer Amerikas. „Nebraska“ ist die Negation all dessen, worauf die USA stolz sind. Die Landschaft selbst: kein Ort, nirgends. Nebraska, das ist mittlerer Westen, vor allem aber die Mitte des Nichts. Ein Land zum Durchfahren, ein erbarmungsloses Land. „Kaltblütig“ und „The Last Picture Show“ fallen in eins: grausige Gewalt und bodenlose Langeweile. Sam der Löwe ist tot, der letzte Film läuft, und der Wind weht alles davon.

Von der ersten Sekunde an ist Springsteens „Nebraska“ ein Roadmovie, ein Volkslied, eine Moritat, eine Sozialreportage. „I saw her standin’ on her front lawn just twirlin’ her baton/ Me and her went for a ride sir and ten innocent people died“: Das ist natürlich reiner Hemingway. „In medias res“ ist noch eine Untertreibung für diese Eröffnung, in der eine Art Tambourstock aus dem Spielmannszug das vollkommen geniale Bild für alles abgibt, was die Teen Queen ausmacht. Jetzt wissen wir über die beiden so gut Bescheid wie über das Paar in „Thunder Road“, nur dass der Typ keine Maschine hat und auch keine Zukunft. Wenn er jetzt erzählt, ist schon alles vorbei. „I can’t say that I’m sorry for things that we done/ At least for a little while sir me and her we had us some fun.“ Es ist ja ein Klischee, dass ein Amerikaner den Existenzialismus in einem einzigen Satz formulieren kann. Aber Camus ist nicht lakonisch genug, um Springsteen das Wasser zu reichen. Schreibe eine wahren Satz.

Der Realismus dieser Platte ist frei von aller Sentimentalität und auch von Romantik. In dem Lied „Mansion On The Hill“, das Springsteen heute in Konzerten gegen die ursprüngliche Schmucklosigkeit spielt, passiert überhaupt nichts. Die Villa steht da am Stadtrand, überragt die Fabriken und Felder, und im Sommer leuchten die Lichter und lachen die Leute, und ein wundervoller Mond geht über der Villa auf. Der Erzähler und seine Schwester lauschen den Geräuschen im Kornfeld. Pure Magie.

In der Autobahn-Erzählung „Open All Night“ fährt der Erzähler in den sicheren Wahnsinn, aber wie schon in „State Trooper“ erbittet er Erlösung, hier vom Autoradio und vom Rock’n’Roll: „Hey mr. deejay woncha hear my last prayer/ Hey ho rock’n’roll deliver me from nowhere.“ In Springsteens negativer Eschatologie, im Amerika ohne Gott, gibt es nur einen Moment des Trostes. Am Ende reibt sich der Sänger die Augen: „Struck me kinda funny/ How at the end of every hard earned day/ People find some reason to believe.“

Nun, Sir, schätze, es gibt eine Gemeinheit in der Welt.

(Columbia)/Erschienen: 1982

Columbia (Sony Music)