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Kolumne

Chart-Analyse: Warum Reinhard Meys „Mr. Lee“ ein Hitlisten-Stürmer ist

27 Alben hat Reinhard Friedrich Michael Mey, der in Frankreich unter seinem dortigen Künstlernamen „Frédérik Mey“ ebenfalls überaus beliebt ist, seit 1967 veröffentlicht. „Ich Wollte Wie Orpheus Singen“ hieß damals poetisch beswingt sein Erstling. Als Liedermacher ging der Berliner Kosmopolit seinerzeit durch. Und blieb diesem Hilfsgenre auch für viele Jahre treu. So ein wenig neben der Spur im Heimatland des Schlagers. Westlich des Rheins machte Mey schlichtweg „Chansons“.

Die später stets im Mai (nomen est omen!) erscheinenden Alben steckten bereits früh Meys musikalische Claims ab. Ein Citoyen, der zwischen „Kiez und Ku-Damm“ auf dem Barhocker zur Akustikgitarre aufklampfte und mit katzenpfötchen-leisen Tönen das bildungsbürgerliche Lebensgefühl der Siebziger traf. Reinhard Mey galt als typischer „Softie“ in den bewegten Zeiten der Studenten-Unruhen. Er sang von Maikäfern und Bahnhöfen in Hamm. Beliebt gleichermaßen in Patschuli-Mädchenzimmern wie Studienrätinnen-Kränzchen.

Er war dabei niemals Rädelsführer oder Krawallmacher seiner Generation, eher der stets verschmitzte Barde mit Lennon-Brille und Antiklederjacke, der sich in Songs wie „Anabelle“ aus dem Jahr 1972 mit der lila-latzbehosten Frauenbewegung anlegte („Du bist so herrlich inte-lek-tu-ell“). Über allem schwebt natürlich sein All-Time-Superhit „Über den Wolken“, wo in der „Flug-auf-sichts-ba-racke“ der Filterkaffee vor sich hin köchelt. Auch am Lagerfeuer im Jugendlager wurden seine Songs gerne zur Lambrusco-Pulle gesummt.

Mit diesem – symbiotisch immer weiter gewachsenen – Programm schaffte es Mey auch über die Jahrtausendgrenze hinweg in den Nuller- und Zehnerjahren sein überaus treues Publikum bei der Stange zu halten.

Nun also: Ein kleiner atmosphärischer Schwenk in die Staaten mit „Mr. Lee“. Eine Figur aus seiner reichen Fantasie. Dabei verbreitet er natürlich keine dödelige Truck-Stop-Fernfahrer-Texas-Romantik, sondern eher County Noir, wie im „Haus am Meer“, wo er sich von einer traurigen Violine begleiten lässt.

Seine Erzählungen dauern teilweise sieben Minuten, 72 Minuten insgesamt kredenzt er den Fans. Ein wenig Berlin ist auch dabei, wenn er – mit 73 – „Heimweh nach Berlin“ verspürt. Natürlich nicht ohne aktuelle Seitenhiebe: „Friedrichshain mit seinen idyllischen Partywinkeln, wo dir die Partygänger nachts gern in den Hausflur pinkeln“.



Coldplay: Geschichte einer enttäuschten Liebe

Was ist nur aus dieser Band geworden, die einmal so treffend den „Trouble“ nach der verloren gegangenen Liebe besang, sich in die Gehirnwindungen eines Wissenschaftlers vergraben konnte, das erbarmungslose Verstreichen der Lebenszeit in eine grelle Klavier-Tanz-Nummer überführte und den Titel eines ihrer kürzesten und schönsten Songs dem goldenen Mantra eines Kultbuchs für Nerds und Studenten entlieh? Ich muss zugeben, dass ich an Coldplay verzweifle. Ich kann nicht begreifen, wie es möglich sein kann, dass vier doch recht begabte Typen, die einen Haufen unsterblicher Lieder geschrieben haben, plötzlich aufgehört haben, Musik zu machen. Oder wenigstens Musik, die berühren will. Wie sensibel…
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