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Chart-Analyse: Biffy Clyro – drei nackte Kanonen


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Wir müssen reden! Reden über das schottische Trio Biffy Clyro, das soeben mit „Ellipsis“ auf Platz Eins der Midweek Charts geschossen ist. Auf dem Cover der siebten Biffy-Studioplatte sind drei nackte, mehr oder weniger tätowierte Männer zu besichtigen. Sauber aufgereiht kauernd. In Embryostellung! Weißer Hintergrund, schwarz-weißes Foto. Was will uns diese Pose sagen? Vielleicht: Rockmusik muss nicht immer böse und kaputt sein. Eine Frauen- oder Elternmagazin-Story über die „neue Empfindsamkeit“ könnte man so bebildern. Als Aufmacher oder Hingucker. Ohne diese abgekupferte Lennon-kuschelt-bei-Yoko-Pose steht im Zentrum einer schrillen Werbekampagne für ein neues, veganes Restaurant in Berlin-Neukölln. Slogan: „Die milden Wilden“.

Damit befinden sich die Biffys in bester Gesellschaft nicht nur mit Lennon, sondern auch mit Bat For Lashes, Prince und ex-Disney-Sternchen Selena Gomez. Die neuen Songs der Singles-Verächter aus dem Örtchen Ayrshire heißen „Herex“, „Wolves of Winter“ oder „Medicine“. Im Vergleich zu ihrem größter Emo-Hit „Black Chandeller“ von 2012 sind sie noch eine Spur epischer geworden. Verspultheit mit „Rock-am-Ring“-Qualitäten. Hauptbühne. Was da schwer nach Showbiz-Esoterik oder Freeclimber-Weisheiten klingt, liegt tief in Biffys Geschichte verborgen, die in den Neunzigern in alternativen Crossover-Gefilden mit allerlei Alternative-Schmock begonnen hat. Um bald danach in Prog-Rock-Gefilde abzudriften. Und dann wieder zurück. Wenn man heute Radiohead mit Coldplay und etwas Chilli-Soße in einen Thermomixer verquirlen würde, kämen in etwa die 2016er-Live-Giganten Biffy Clyro dabei heraus. Eine große Welttour der Schotten ist bereits annonciert. Im Oktober und November rappelt es dann auch im deutschen Arena-Land.

Die Herren Neil, Johnston und Johnston führen mit „Ellipsis“ die erstaunliche Renaissance der Rockmusik in den deutschen Albumcharts fort, die nun seit Wochen zu beobachten ist. Dass rund fünf Jahrzehnte nach „Shades of Deep Purple“ ein möglicherweise etwas metrosexuelles Format dabei heraus kommt, liegt im Zeitenlauf begründet. Die vormaligen Prädikate „hard“ oder „heavy“ treffen jedenfalls längst nicht mehr auf alle Langhaarigen in Kriegsbemalung zu.



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