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Depeche Mode in Berlin: Alle Alben von Depeche Mode im Ranking

06. Construction Time Again (1983)

Mit Gareth Jones als Produzenten und den Einstürzenden Neubauten im Sinn konstruierten Depeche Mode das sie in den 1980er-Jahren prägende Image: Blick auf globale, soziale Ungerechtigkeiten, martialische, metallische Klänge, Dave Gahan im Bariton. Um die Stimmung ihres dritten Albums zu halten, ließen sie auch hier eine voran gegangene Single weg („Get The Balance Right!“).

Nur zwei Singles koppelten sie international aus, das  große „Love, In Itself“, hat die Band bis heute nicht mehr beachtet. Das noch größere „Everything Counts“ machte Depeche Mode in größerem Kontext, als politische Skeptiker bedeutsam („The grabbing hands /Grab all they can /All for themselves after all“). „Everything Counts“ würde die Musiker in den folgenden 35 Jahren noch lange begleiten, live als im Chor mit dem Publikum gesungenes Schlussstück ( bei der „Music For The Masses“-Tour und in „101“ verewigt), zuletzt auch bei der „Spirit“-Konzertreise. Es passt zu jeder Zeit, und Depeche Mode dokumentieren mit diesem Lied ihre bereits schon früh ausgebreiteten Stärken.

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05. Some Great Reward (1984)

Bis heute existiert das lustige Gerücht, dass all die Maschinenklänge, das Seufzen, Hämmern und Pressen auf „Some Great Reward“, eigentlich den Einstürzenden Neubauten vorbehalten waren. Blixa Bargeld soll mit den Sounds, die Produzent Gareth Jones mit ihnen erarbeitet hatte, nicht einverstanden gewesen sein. Und so habe Jones sie für Depeche Mode verwendet, als sie mit ihm in den Berliner Hansa Studios 1984 Teile von „Some Great Reward“ aufgenommen hatten.

Auf „People Are People“, der den Briten ihre erste Nummer eins in den deutschen Single-Charts brachte, hören wir diesen cleveren Zusammenschnitt aus Tockern und Schlagen, Aufeinanderprallen und Ablösen, Metall auf Metall, dazwischen Luft. Alles ergibt einen ganz eigenen, von niemand anderem je reproduzierten Rhythmus; bei „Blasphemous Rumours“ scheinen die Musiker gar auf Stahlplatten einzuhauen. „Something To Do“ eröffnet die Platte mit einer Art bösartig klingendem Wasserstrahl. Depeche Mode wurden endgültig zu einer dunklen Band, bis zu „Home“ von 1997 sollten sie kein optimistisches Stück mehr veröffentlichen.

„Some Great Reward“ war der endgültige Durchbruch für den schüchtern wirkenden Martin Gore. Stammten die Lieder eh schon seit Jahren nur aus seiner Feder, veröffentlichte die Band mit „Somebody“ auch die erste Single mit ihm als Leadsänger (Doppel-A-Seite mit „Blasphemous Rumours“). Die Klavierballade ist jedoch nur vordergründig freundlich; in der zweiten Songhälfte macht Gore sich gar lustig über den Schönklang: „though things like this make me sick / in a case like this I’ll get away with it.“

Wer Depeche Mode auf ihrer „Some Great Reward“-Tour live sah, durfte sich auf die volle Ladung Werkzeuge und Apparaturen gefasst machen: Metallrohre, Wellblech und Fahrradreifen.

04. Violator (1990)

„Personal Jesus“ ist das wohl bekannteste Lied des Techno-Blues: Ein nie zuvor gehörter, militärisch anmutender Drumbeat (der Legende nach hat die Band den Klang erfunden, als sie auf Koffern herumgesprungen ist), über den eine Cowboy-Gitarre gelegt wird, während Dave Gahan über die falschen Versprechungen von Telefonseelsorgern singt. Im dazugehörigen Clip ritten die Musiker auf Pferden durch eine Westernstadt voller Huren. Die Diskographie der Band enthielt ja seit 1981 einige Aufsehen erregende Singles. Am Ende des Jahrzehnts legten sie nun noch schnell ihre bislang mutigste vor.

Der Opener „World In My Eyes“ folgte dem Muster des anderen großen DM-Eröffnungsstücks, „Never Let Me Down Again“ aus „Music For The Masses“ (1987): Die bombastische Beschwörung einer Person, sich auf eine gemeinsame, spirituelle Reise zu begeben. Beide Lieder waren groß wie Gebirgsketten und die Band clever genug, dies in der Album-Konfiguration zu berücksichtigen. Auf keiner Platte hätte Track Nummer zwei solche Monumente toppen können, Martin Gore nimmt als Vokalist in „The Sweetest Perfection“ daher die Luft raus; es ist einer jener langsamen Songs, die Aufmerksamkeit für Details abverlangen. Sein zweites Lied auf der Platte, „Blue Dress“, ist noch schöner. Walgesang mit Westerngitarre in Zeitlupe, und alles dreht sich nur um den simplen Wunsch, dass die Angebetete ein ganz bestimmtes Kleid trägt.

„Enjoy The Silence“ ist ihr bis heute beliebtestes Stück, ein Gute-Nacht-Gebet mit House-Beat. Auch das Video mit Dave Gahan als einsam wandernder Landschaftskönig wurde hundertfach kopiert. Angeblich hatte Gore ursprünglich geplant, das Lied von ihm gesungen und nur mit dem Harmonium begleitet herauszubringen. Arrangeur Alan Wilder hatte sich das angehört und Gore dann gebeten, etwas mit dessen Version anstellen zu dürfen. Der Rest ist Geschichte.

Das Klangbild des Albums ist heute noch so frisch wie damals. Depeche Mode widerstanden allen Trends: House, Acid, Rave. Wer „Violator“ 1990 auflegte, genoss eine hochmoderne Platte. Wenn man sie 1994 auflegte, hörten die Songs sich immer noch zeitlos an. Wer das Album 2001 entdeckte, könnte schon nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, wann sie erschienen war, so einzigartig klang sie. Würde „Violator“ 2018 erstmals veröffentlicht werden, könnte es die Produktion mit allen anderen des Jahres aufnehmen.

Für ein teil-elektronisches Album eine unfassbare Leistung.

03. Music For The Masses (1987)

Größenwahn oder große Selbstironie: Die heutigen Magenta-Musikanten kündigten bereits 1987 „Musik für die Massen“ an, nachdem ihr Vorgänger-Album „Black Celebration“, ein heimliches Meisterwerk, in den Charts eher mäßig abschnitt. Um die 25 Jahre alt waren Dave Gahan, Martin Gore, Alan Wilder und Andrew Fletcher, und „Music For The Masses“ sollte ihr bereits ihr sechstes Album sein. Die „Bong“-Lautsprecher, wie auf dem Cover abgebildet, sollen die ganze Welt erreichen, außerdem die Geschichte einbinden: das düstere Instrumental „Pimpf“ spielte auf das Deutsche Jungvolk an, „Sacred“ stellte die Heiligtümer der Kirche in Frage.

Depeche Mode etablierten grobkörnige Porträtfotografie und Musikvideos, für die Anton Corbijn hier und auch in den nächsten Jahren verantwortlich zeichnete. „Behind The Wheel“ mit seinem Glücksrad, der Vespa und einer Fahrerin mit Kopftuch, zeigte auch, wie sehr sich die Band von ihrem Synthipop-Ursprung entfernt hatte. Der grandiose Clip wirkt wie aus der Zeit gefallen. Auch der Sound wurde konkreter. Lediglich der Wassertropfen von „Nothing“ oder das leere Akkordeon-Luftgeräusch von „I Want You Now“ erinnerten noch an die Zeit der Klang-Experimente.

Das heute als Mega-Hit geltende „Never Let Me Down Again“ schaffte es damals nicht mal in die britischen Top 20. Aber „Music For The Masses“ war genau das Transit-Album zwischen der Teenage Angst von „Black Celebration“ und der Club-Dominanz von „Violator“ (ein weiterer ironischer Plattentitel), welches die Band 1987 schon nach vorne brachte. Am Ende ihrer Welttournee spielten Depeche Mode dann in amerikanischen Stadien: „Good Evening, Pasadena!“

02. Songs of Faith and Devotion (1993)

Er trug jetzt lange Haare, lebte zwölf Jahre nach Karrierebeginn seinen Rockertraum aus der Jugend, liebte den „Moonage Daydream“ und Jane’s Addiction, aber Dave Gahan wusste auch, dass an den Fans seinen Wandel behutsam verkaufen musste. Er hatte, wie er sang, reine Gedanken – sie waren nicht unreif: „If you see purity as immaturity / Well, it’s no surprise / For kindness, you substitute blindness /Please open your eyes“. Leute, macht die Augen auf – dies waren Depeche Mode 1993.

Gahan wollte „Condemnation“, als Vorabsingle für „Songs Of Faith And Devotion“ durchboxen, was für die Band einer Revolution gleichgekommen wäre. Das Lied war ein Gospel und marschierte zeremoniell, getragen vor sich hin. Martin Gore legte sein Veto ein.

Mit „I Feel You“ als erste Auskopplung führten Depeche Mode dann den Triumphzug ihrer Energiebatzen – „Never Let me Down Again“, „Personal Jesus“ – fort. Die simple Blues-Gitarre, deren monotones Spiel allein schon fast wie Onanie aussah, erhielt im Refrain mit Gahans gespucktem „By and By“ sowie Gores „Ah, Ahh, Ahhh!“-Backgroundgesang das kongenialste Zusammenspiel der beiden Musiker, hands down. „I Feel You“ war die Geburt Dave Gahans als Schamane, wie er die Rolle bis heute inszeniert. Und zum ersten Mal ließ er völlig vergessen, dass er Texte eines anderen sang.

In den Linernotes des „Songs Of Faith And Devotion“-Reissues von 2006 beklagte Produzent Flood, dass zu wenig Zeit für Polituren zur Verfügung gestanden hätte. Für die Hörer aber klang die Platte vollkommen. Allein, was Flood und Alan Wilder aus dem (Jahre später veröffentlichten) Gore-Demo von „I Feel You“ herausgeholt haben. Die Seele des Stücks ist in der Rohfassung zwar zu erkennen, der Sound aber erinnerte an die schmalen Skizzen der „Sounds Of The Universe“-Demos von 2009, die in fertiger Produktion wenig besser klangen.

Die Streicher von „One Caress“ bewiesen auf dem Album noch jenes orchestrale Volumen, die die Arrangements ab dem Nachfolger „Ultra“ von 1997 vermissen ließen. Tim Simenon, der „Ultra“ einrichtete, verwendete etwa in „Home“ den Bristol-Sound, bei dem Geiger klingen wie aus dem Keyboard.

01. Black Celebration (1986)

Wer ein Feuerwerk zündet, will feiern. Das Feuerwerk in „Stripped“ aber deutete etwas Anderes an. Es klang tiefer, verzerrter, zeitlupenartig, wie die letzten Sekunden eines Lebens. Dave Gahan sang „Come with Me / Into The Trees“ und am Ende „Let me hear you crying / Just for me“.

Die Plattenfirma hatte Depeche Mode davon abgeraten, „Stripped“ als Vorabsingle ihres Albums „Black Celebration“ auszukoppeln. Es kam ihnen zu düster vor und zu lauernd, es war auch recht langsam. Aber genau so wollten die vier Musiker wirken. Sänger Gahan in der Rolle eines Verführers, der eine „schwarze Messe“ feiert.

Die Produzenten Gareth Jones und Daniel Miller nahmen vom Industrial-Sound des Vorgängers „Some Great Reward“ (1984) Abstand, die Maschinen Berlins, das Keuchen, Zischen und Eisenknallen war erstmal passé. Sie entwickelten einen neuartigen schlankeren Sound, der viel eleganter und gleichzeitig bösartiger war. „Black Celebration“ war ein Stachel, wie im Samthandschuh präsentiert.

Es klang nach Palästen umringt von Feuersäulen, wie im Titelstück, es klang nach einem Walzer mit dem Teufel („Dressed in Black“) oder dem Spiel auf einer Orgel, deren Pfeifen aus Skeletten bestehen („It Doesn’t Matter Two“). Das Plattencover, rote Rosen wachsen auf ein Hochhaus zu, sah aus wie von Stephen Kings „Dunkler Turm“ entnommen. Und immer den Tod im Blick, der unsere Sicht aufs Leben bestimmt: „Death Is Everywhere / There Are Flies On The Windscreen / For A Start“. Und auch immer wieder über Songs verstreut zu hören: das Ticken einer Uhr. Die Zeit läuft ab.

Das Gefühl, das nur Teenager kennen

Stolz berichten Depeche Mode heute darüber, wie sie mit dieser Platte gegen Vorurteile ankämpfen mussten. Die dem Re-Release von 2007 beigefügte Dokumentation zitiert mit ihrem Titel Daniel Miller: „The Songs Aren’t Good Enough, There Aren’t Any Singles And It’ll Never Get Played On The Radio“. Zu Millers Verteidigung muss man anführen, dass er sein Urteil auf die Demoversionen bezogen hatte.

Martin Gore platzierte gleich vier von ihm selbst gesungenen Stücke auf der Platte, mehr als je davor oder danach. Depeche-Mode-Studioalben sind ja sorgfältig kompiliert, die Tracklist stellt dramaturgisch meist eine Entwicklung dar. Hier fuhr Gore mit „A Question Of Lust“, „Sometimes“ und „It Doesn’t Matter Two“ auf den Positionen drei bis fünf gleich mehrere Wellenbrecher auf. Nie sang der 24-Jährige so schön, so verletzlich, so jenseits allen Kitsches über die Gefühle von Teenagern. Diese Eigenschaft hat Gore sich bis heute, 30 Jahre später, bewahrt. Auch wenn er zuletzt, wie im „Delta Machine“-Stück „The Child Inside“, noch weiter zurückblickte, bis in die Kindheit.

Auch mehr als 30 Jahre später weiß die Band diese Platte zu würdigen. Der Titelsong schafft es regelmäßig auf die Setlist, die Singles sowieso, das leider nicht als Single erschienene „Fly On The Windscreen – Final“ auch, und Martin Gore zerlegt „Dressed In Black“ oder „It Doesn’t Matter Two“ live in einer Pianoversion bis auf die Knochen. Bei der „Spirit“-Konzertreise muss „I Feel You“, der Monolith, regelmäßig „A Questiom Of Time“ weichen.

Welcher Song war bei der 2013er-Tour der meistgefeierte? Nicht „Enjoy The Silence. Sondern „But Not Tonight“, eine B-Seite!

Suzie Gibbons Redferns

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Depeche Mode: Ist dies die lustigste „Enjoy the Silence“-Coverversion aller Zeiten?

Netz-Fundstück: Mit extremer Leidenschaft intoniert hier ein Musiker den Depeche-Mode-Klassiker „Enjoy the Silence“ von 1990. Woher das Video stammt, wissen wir leider – noch – nicht, auch nicht den Namen des Künstlers, der bei einer Art spärlich besuchtem Volksfest zu später Stunde aufzutreten erscheint (UPDATE: Das Projekt trägt den lustigen Namen Milwaukee Mode, man lernt nie aus). Zumindest die Anzahl der Tätowierungen hat er mit Dave Gahan gemein, keine Frage. Am besten gefiel uns der Background-Gesang, der dem von Martin Gore tatsächlich nicht sehr unähnlich ist. Schade nur, dass der Clip endet, als „Personal Jesus“ beginnt. DEN Einsatz zu diesem…
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