Der grosse Rausch

Kaum ein Club ohne Koks, kein Festival ohne Joints – und gesoffen wird bei Metal-Konzerten und Volkslieder-Shows: Wo in Deutschland die Musik spielt, sind meistens Drogen dabei. Auch offiziell illegale Substanzen gehören immer mehr zum Alltag. Was sagt das über unsere Gesellschaft? Der große ROLLING-STONE-Report 2010.

Eine Partygesellschaft, die sich selbst regieren kann

Berlin, Bezirk Friedrichshain, im Herbst 2010

Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag gegen halb vier. Der gewöhnliche Friedrichshai-ner trinkt gerade seinen dritten Macchiato, schlurft über den Flohmarkt am Boxi oder guckt auf RTL Formel 1, als Tonya E. am Ostbahnhof der S-Bahn entsteigt und Kurs auf die Bauzaunbrache am Wriezener Bahnhof nimmt. Um die Uhrzeit wartet vor dem ehemaligen Heizkraftwerk sonst niemand. Tonya zahlt an der Kasse des Berghain zwölf Euro, entledigt sich an der Garderobe ihres mintfarbenen Trenchcoats, steigt die düsteren Treppen der Tempelhalle empor ins Halbdunkel der Panorama Bar, trifft dort ihre Freundin Lena, dippt mit ihr auf dem Klo einige Krümel MDMA und tanzt die nächsten zehn Stunden, als gäbe es kein Morgen.

Tonya ist 25, arbeitet unter der Woche als Assistentin in einer Agentur für Grafikdesign und wirkt ziemlich normal – wenn man davon absieht, dass sie blond, langbeinig und außergewöhnlich hübsch ist. Sie und Lena sind sonntags um diese Zeit oft hier. Weil die krassen Leute dann weg sind, sagt sie. Keine Easyjetsetter, keine experience-geilen Galizier mit verdrehten Augen, keine Endlosschlange am Eingang. Man kann in Ruhe tanzen und hat genug Platz. „Sonntagnachmittags ist für mich Berghain pur, ohne alles, was man am Berghain nicht braucht.“

Tonya ist nicht krass, im Gegenteil. Tonya schätzt die perfekte Unterhaltung im berühmtesten Club der Welt. Tonya will tanzen. Tonya nimmt manchmal Drogen, wenn sie will, weil es sie anturnt. Weil Tanzen dann noch mehr Spaß macht, weil sie für ein paar Stunden loslassen will, anders sein. Dann lässt sie es wieder. Tonya hat alles im Griff.

Es gibt viele Tonyas an einem Sonntagnachmittag im Berghain, mover and shaker, könnte man sagen, oder auch Voll-im-Leben-Steher. Leute, die das unbeschwerte, postexzessive Flair um diese Zeit mögen und im Berghain eine moderne Version des-sen vollführen, was unsere Großeltern einst unter „Tanztee“ verstanden. Niemand hier lässt sich in eine Schublade pressen, auf der „schiefe Bahn“ oder „Einstiegsdroge“ steht. Viele haben Drogen genommen, viele werden morgen arbeiten und haben dann keine Pille dabei.

Weitere Gemeinsamkeiten: Niemand rempelt, allen geht’s gut. Fremde geben sich Feuer und teilen Getränke, erschöpfte Gay-Clubber in weißen Unterhemden liegen sich in den Armen, der Barkeeper spendiert Schnaps, und DJ Len Faki kriegt einen Kurzen nach dem anderen vom Publikum, so wie vor ihm schon Frank Wiedemann. Faki ist Resident-DJ, einer der vielen Berghain-Virtuosen, ein Typ, der jedesmal alles gibt, Boom-Boom-Boom in immer neuen Nuancen, die ganze Klaviatur von Minimal und House, Euphorie-Entspannung-Klimax-Euphorie, ein beinahe endloser Immer-wieder-Aufs-Neue-Loslegen-Looping in Musik.

Irgendwann gegen kurz vor zwei ist Schluss, Faki ist nach acht grandiosen Stunden am Pult dann doch müde. Geht man halt nach Hause. Langer Applaus, vielen Dank, bis zum nächsten Tanztee dann. Der Reporter verlässt das Gelände mit dem Gedanken: Ein Sonntagnachmittag im Berghain ist die beste Drogenwerbung, die es gibt.

Die Pillenkultur der Berliner Technoszene ist die jüngste, zugleich dynamischste unter den deutschen Drogenkulturen. In ihr lässt sich am besten erfahren, was neu ist, was sich getan hat, wohin die Reise geht, wovon wir reden, wenn wir von Drogen 2010 sprechen. In Berlin, der Feierhauptstadt der westlichen Welt, ist unweit des Regierungsbezirks ent-lang der Spree eine Art riesiger drogenpolitischer Sonderfläche entstanden, auf der exzessives Experimentieren mit Substanzen so normal ist, dass jedem halbwegs seriösen Gesetzeshüter der Kragen platzen muss.

Die größte Gemeinsamkeit der Berliner Clubbesucher besteht darin, dass alle alles durchprobieren, ob Ketamin und/oder Speed, MDMA und/oder Koks, ob im Golden Gate oder Watergate, im Rechenzentrum oder in der Wilden Renate. Der größte drogenpolitische Effekt besteht darin, dass hier jedes Wochenende im großen Stil erprobt wird, wie das funktioniert: eine Gesellschaft, in der jeder nehmen kann, was er will. Und die erstaunlichste Erkenntnis besteht darin, dass dieses Experiment a) ziemlich ungestört und b) bis dato recht vielversprechend verläuft.

Ungestört, weil der boomende Techno-Tourismus viel Geld in die Kasse der Stadt Berlin spült, die Clubbetreiber kaum durch kriminelle Machenschaften auffallen und sich in einer Stadt, in der die Grünen in Umfragen schon seit langem vor der SPD liegen und die Linke vor der CDU, um law and order eh kaum jemand schert. Vielversprechend, weil die geballte Exzess-Szene doch ziemlich selten für Negativschlagzeilen sorgt. Zuletzt war es im Sommer 2008, als GHB massiv im Umlauf kam, besser bekannt als Liquid Ecstasy oder „K.O.-Tropfen“. Damals fuhren die Notärzte ein paar Wochen lang viel zu oft vor und danach nicht mehr, weil die Clubbetreiber den Dealern Druck machten und kaum jemand das Zeug mehr nahm. Die Szene hatte sich selbstreguliert, einmal mehr.

Ansonsten: Ja, es gibt Notfälle, ja, es sterben Menschen, ja, es gibt Pillen-Süchtige, die in der Klapse landen, so wie es 2008 der Techno-Film „Berlin Calling“ vorführte. Doch so klischeeüberladen der Film, so wenig szenetypisch ist der Eindruck, den er vermittelt. Die Zahl derer, die aufgrund des Konsums von Kokain ambulant behandelt werden mussten, lag 2007 bundesweit bei 1300 (Alkoholgeschädigte in derselben Zeit: 316.119). MDMA oder Speed werden vom Statistischen Bundesamt erst gar nicht ausgewiesen. Berlins Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara attestiert der Technoszene denn auch ein „eher geringes Gefährdungspotenzial für die Allgemeinheit“, für Michael Merkle von der Pressestelle des Berliner Polizeipräsidenten ist „irjendein Problem mit ner Partyszene hier nu jar keen Thema“.

Die Moderatorin, Musikexpertin und Bestsellerautorin Charlotte Roche empfiehlt rundheraus reines MDMA als Droge ihrer Wahl („wenig Nebenwirkung, große Glücksgefühle“). Der Journalist Tobias Rapp, Autor des kenntnisreichen Berlin-Techno-Buchs „Lost and Sound“, bilanziert: „Alles in allem ist es doch erstaunlich, wie wenig passiert, wenn man überlegt, was die Leute so einschmeißen.“

Und der Drogenreporter stellt sich mit Blick auf Berlin folgende Fragen: Wie mündig sind heutige Konsumenten eigentlich? Darf, soll, muss man sie vor sich selbst schützen? Sind Drogen gut oder böse? Wo lauern die Gefahren? Was sind Gesetze überhaupt wert, wenn sie riesige, fröhliche, rechtsfreie Räume zulassen wie in Berlin, nur ein paar Kilometer vom Regierungssitz entfernt?

Basiert unsere Drogenpolitik am Ende auf einem Missverständnis?

Legalize it? Zwei Experten sind sich nicht so ganz einig

Berlin, Bezirk Mitte, ein paar Kilometer weiter westlich, ein paar Tage später

Wer wissen will, wie die Bundesrepublik ihr Betäubungsmittelgesetz verteidigt, wird die Antwort am ehesten im Gesundheitsministerium finden. Friedrichstraße 108, unweit vom Tränenpalast, vierter Stock. Mechthild Dyckmans ist eine resolute 59-Jährige aus dem Harz, seit 33 Jahren FDP-Mitglied, seit 2004 Vorsitzende des Kreisverbandes Kassel-Stadt, seit 2009 stellvertretende Koordinatorin der Gruppe der „Christen in der FDP-Bundestagsfraktion“ sowie Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Sie hat zur Sicherheit gleich zwei Referenten mitgebracht, vor ihr liegt ein mehrseitiges Exposé, in dem die vorab eingesandten Fragen des Reporters ausführlich beantwortet werden.

Wir haben eine Stunde Zeit. Kommen wir also gleich zur Sache.

Frau Dyckmans, warum kann man sich bei uns problemlos besaufen, während man für ein paar Gramm Cannabis, Ecstasy oder LSD ins Gefängnis wandern kann?

Cannabis, Ecstasy und LSD sind Drogen. Sie werden genommen, um einen Rausch zu erzeugen, und sind gesundheitsschädlich. Maßvoller Alkoholkonsum dient nicht der Berauschung, der überwiegende Teil der Menschen geht verantwortungsvoll mit Alkohol um. Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert. Dass Rauschtrinken sehr schädlich ist, ist jedenfalls kein Argument, weitere gesundheitsschädliche Drogen zu erlauben.

Die Forschung ist sich weitgehend einig, dass Alkohol weit gesundheitsschädlicher als ist Cannabis, Ecstasy oder LSD.

Das kann man so nicht sagen. Die meisten Deutschen trinken mal ein Glas Bier, sind aber deshalb nicht süchtig.

Das Problem könnte man leicht lösen, indem man Cannabis legalisiert.

Cannabis ist für Jugendliche gleichermaßen gefährlich wie Alkohol, weil sie sich bei regelmäßigem Konsum großen gesundheitlichen Risiken aussetzen und leicht in eine Apathie oder Depression geraten können. Wir haben in den letzten Jahren vermehrt von Beratern gehört, dass viele jugendliche Cannabis-Konsumenten erhebliche psychische Störungen haben und in ihrem Alltag nicht mehr klar kommen. Zudem sind wir zur Einhaltung internationaler Suchtstoffabkommen verpflichtet, die eine Unterstellung von Cannabis unter das Betäubungsmittelgesetz erforderlich machen.

Es folgt ein ausführlicher Schlagabtausch über Sinn und Zweck von Verboten. Die Argumentation der Drogenbeauftragten in Kurzform: Strafe muss sein. Eine Freigabe würde am Ende doch bedeuten, dass der Staat einknickt, ja dass er sogar so tut, als begrüße er den Drogenkonsum richtiggehend. Und diesen Eindruck darf er nicht erzeugen, denn Drogen sind nun mal ausgesprochen ungesund. Also nochmal drei Anläufe:

In Deutschland wird etwa bei Cannabis, Kokain, Ecstasy oder Heroin nur ein Bruchteil dessen konfisziert, was tatsächlich von den Menschen konsumiert wird. Kann man da von erfolgreicher Drogenpolitik sprechen?

Es wäre falsch zu glauben, dass wir durch eine Freigabe das Problem in den Griff kriegen würden. Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Auch nicht dafür, dass wir durch Legalisierung den Drogenhandel abschaffen würden. Der Staat hat die Aufgabe, dagegen vorzugehen.

Die Frage ist, mit welchem Ergebnis. In Berlin zum Beispiel ist so ziemlich jede bekannte Droge in kurzer Zeit erhältlich.

Deshalb warnen wir ja auch die jungen Leute sehr eindringlich davor, alles mal zu probieren, um den Kick zu haben. Der Konsum solcher Substanzen ist unkalkulierbar.

Haben Sie eigentlich selbst schon mal eine illegale Droge probiert?

Nein.

Wer wissen will, wie einer tickt, der seit Jahrzehnten wild entschlossen für ein Recht auf Rausch kämpft, trifft am besten Hans Cousto, zum Beispiel in einem Mitte-Café unweit des Potsdamer Platzes. Cousto, 62, ist gebürtiger Schweizer und betätigt sich als freischaffender Wissenschaftler mit den Arbeitsschwerpunkten „Kosmisches Gesetz der Oktave“ sowie „Planetarische Kammertöne“. Zudem ist er Gründer und spiritus rector von „Eve & Rave“, einem Verein für „akzeptierende Drogenarbeit“, der Mitte der Neunziger als erster und bislang einziger in Deutschland eine Weile lang Partyfans den Service anbot, die Qualität ihrer Pillen zu kontrollieren: das so genannte Drug Checking. Außerdem hilft er gern bei der Organisation von Demos, unter anderem der Fuckparade, Hanfparade, „Mediaspree versenken“.

Wir haben eine halbe Stunde Zeit. Kommen wir gleich zur Sache.

Herr Cousto, warum darf man in Deutschland als gemeinnütziger Verein nicht die Qualität von Drogen kontrollieren?

Das Wort Droge verwende ich nicht. Reden wir lieber von verbotenen Genussmitteln oder psychoaktiven Substanzen. Die deutsche Politik ist in dieser Hinsicht alles andere als fortschrittlich – es ist ein zähes Ringen, andere Länder sind da viel weiter, siehe Holland, Belgien, Österreich. Sie müssen wissen: Am Betäubungsmittelgesetz verdient hierzulande eine ganze Branche – Justiz und Polizei verwenden darauf einen hohen Personal- und Etatanteil, zahlreiche Anwälte sind BTMG-Spezialisten, dazu kommen zig Berater und Therapeuten. Die Therapie-Mafia lebt außerordentlich gut von der Kriminalisierung.

Aber Drogenkonsum – Entschuldigung: die Einnahme verbotener psychoaktiver Substanzen – ist nicht zuletzt gesundheitsgefährdend. Da muss der Staat doch einschreiten!

Wäre dies das Hauptanliegen, müsste Alkohol- und Tabakkonsum längst verboten sein. Es ist ein Mix aus kalkulierter Hysterisierung in Politik und Medien – mit den Ängsten der Leute lässt sich prächtig Stimmenfang und Quote machen – und schlichter Unkenntnis, die das Betäubungsmittelgesetz so gemacht haben, wie es ist. Deshalb machen Staat und Boulevardpresse Druck. Dabei wird maßlos verallgemeinert. Viele Leute glauben wirklich bis heute, dass jeder, der ab und zu einen Joint raucht oder eine Pille einschmeißt, ein potenzieller Junkie ist.

Was glauben Sie?

Nicht das Genussmittel ist das Problem, sondern der User. Ob Sie süchtig werden, liegt weniger an der Substanz, die Sie nehmen, als an Ihnen selbst. Die allermeisten Konsumenten werden nie im Leben süchtig, abgesehen von Heroin und Crack. All das ist noch lange kein Grund, allen Menschen vorzuschreiben, was sie nehmen dürfen und was nicht.

Haben Sie eigentlich selbst schon mal eine illegale Droge probiert?

So ziemlich alle.

Das bisschen Rausch muss sein – ein historischer Exkurs

Es ist ein weites Feld, das sich da auftut zwischen Dyckmans und Cousto, zwischen Regierungspolitik und Drogenaktivisten. Schnittmengen? Gibt es allenfalls in Hinsicht auf ein paar wenige Fakten:

1. Wer in Deutschland Drogen konsumiert, welcher Art auch immer, wird nicht bestraft. Selbstschädigung ist laut Strafgesetzgebung nämlich Privatsache und nicht zu ahnden – wer etwa erfolglos Selbstmord verübt, wird hinterher auch nicht belangt. Der Gesetzgeber geht daher einen Umweg: Besitz, Erwerb, Anbau, Handel und Einfuhr sind Straftatbestände, für Handel kann man bis zu zehn Jahre Haft kriegen, für Besitz bis zu fünf Jahre. Der Clou ist nun: Wer konsumiert, muss vorher besessen oder erworben haben – es sei denn, er fasst die Droge nicht an und weiß nicht, woher sie kommt.

Die einzige Chance, in Deutschland straffrei Cannabis zu konsumieren, ist demnach: An einem Ast hängt ein brennender Joint, man findet ihn, zieht daran, ohne ihn zu berühren, und macht, dass man wieder fort kommt.

2. Die Einnahme bewusstseinsverändernder, dabei mehr oder minder gesundheitsgefährdender Substanzen ist heute die bei weitem liebste Freizeitbeschäftigung junger Deutscher, noch vor Fernsehen, Facebook, Fußball oder Videospielen. Laut einer vom ROLLING STONE für diesen Artikel in Auftrag gegebenen Umfrage haben im letzten Jahr allein 88 Prozent der 14-bis-29-jährigen Deutschen gelegentlich oder öfter Alkohol getrunken, 63 Prozent haben in der Zeit Tabak geraucht, 21 Prozent zogen am Joint. Fünf Prozent der jungen Befragten geben an, zumindest Erfahrung mit härteren Stoffen wie Kokain, Ecstasy oder Ketamin zu haben. Experten vermuten, dass die tatsächlichen Zahlen deutlich höher liegen.

Das Beruhigende dabei: Wir sind nicht allein. Wir sind nicht mal ungewöhnlich, denn Drogen gab’s immer schon. Laut Archäologie haben schon die alten Ägypter gesoffen, die alten Inder gekifft, die alten Chinesen Opium geraucht und die alten Indianer Tabak. In Lateinamerika kaut man seit jeher Koka-Blätter, in Indonesien Betelnüsse, und in der Hose von Gletscher-Ötzi wurden Psilo-Pilze gefunden. Griechen und Römer hatten in Dionysos und Bacchus je einen Extra-Gott für Wein, in Germanien herrschte bei Festen kollektiver Trinkzwang, und eine schöne Biersuppe am Morgen war noch bis weit in die Neuzeit in unseren Breiten alltäglich, auch für Kinder.

Je mehr in der Moderne das Streben nach Glück, das Ausloten der Erfahrensgrenzen in den Vordergrund rückte, umso vielschichtiger geriet allerdings der Drogenkonsum, desto mehr gerieten die Auslotenden ins Rampenlicht. Bedeutende Künstler schufen große Werke unter Drogeneinfluss – man denke nur an Truman Capote oder Oscar Wilde, Rainer Werner Fassbinder oder Bret Easton Ellis. Bedeutende Autoren machten ihre Drogenerfahrungen zum Thema (Benjamin, Cocteau). Kaum ein wichtiges Rock-Pop-Punk-Jazz-Album ist von völlig nüchternen Künstlern gemacht worden, die Palette von Songs, Alben, teilweise sogar Bandnamen mit Drogenimplikation ist schier endlos. So gut wie jeder Hollywood-Superstar hat auch eine Drogenkarriere hinter sich. Manch unscheinbare Fassade verbirgt unsagbare Exzesse (Sigmund Freud! Steve Jobs! Michel Friedman!). Und wenn ein grundsympathischer Filmheld wie Jeffrey „The Dude“ Lebowski sich gemütlich ein Tütchen rollt oder Raoul „Hunter“ Duke sich lustvoll-gedankenlos einen Trip nach dem anderen gibt, möchte selbst der härteste Puritaner insgeheim gern mitnaschen.

Das Beunruhigende dabei: Nach wie vor hat die westliche Zivilgesellschaft keine auch nur halbwegs kohärente Haltung gefunden, wie denn nun mit Drogenkonsum zu verfahren sei. Bei anderen Ex-Problemen ist man wesentlicher weiter. Schwulsein? Völlig okay. Glauben? Privatsache. Unehelicher Sex, Seitensprünge, Scheidungen, Geburtenkontrolle? Wenn’s sein muss.

Bei Drogen dagegen scheint nach wie vor ein schon fast archaisch anmutender Riss durch die Schichten und Generationen zu gehen. Oft sind es Eltern und ihre Kinder, die die gegensätzlichen Lager bilden, häufiger aber stehen sich schlicht „Wehret den Anfängen“ und „Kommt in der Realität an“, die Wächter der Normalität und die Anwälte des Was-ist-schon-normal?, der Geist Preußens und der Kommune unversöhnlich gegenüber. Links und rechts gilt noch was in der Drogenpolitik. Mit einer Ausnahme: Vor dem Alkohol sind alle gleich.

„Ohne Alkohol würde hier die Revolution ausbrechen.“

München, Theresienwiese, einige Tage später

Ein schöner Tag im September, das ist für Dr. Florian Fischer ein kühler Montag oder Dienstag bei strömendem Regen. Schlechtes Wiesn-Wetter, das heißt auch weniger Endzeitstress für ihn. Am schlimmsten sind sonnige Samstagnachmittage, dann werden hier die Schnapsleichen im Minutentakt hereingetragen. Zum Glück ist heute Dienstag, draußen regnet es in Strömen, da bleibt etwas Zeit fürs Gespräch.

Fischer, 36, leitet das Notfallzentrum auf dem Münchner Oktoberfest. Rund 6600 Wiesn-Besucher werden hier jährlich behandelt, davon etwa 630 wegen akuter Alkoholprobleme. Das Gebäude direkt gegenüber vom Schottenhamel-Zelt ist recht neu, 2004 gebaut, und modern ausgestattet: Reanimationsgeräte, Pulsmesser, Ruheräume sowie ein Überwachungsraum mit 14 Plätzen und Fußbodenheizung für die „weichen“ Fälle, sprich: die, die über den Durst getrunken haben, aber von selbst wieder auf die Beine kommen. Alle anderen können hier eh nicht bleiben, die kommen in eins der anliegenden Hospitäler. Fischer ist Erstversorger. Schnapsleichen-Profi, könnte man auch sagen. Seit 1992 arbeitet er hier ehrenamtlich, erst als Sanitäter, seit 2002 als Arzt.

Frage an den Experten: Was macht Alkohol mit uns?

„Was die wenigsten wissen: Toxikologisch wird Alkohol zu den Downern gezählt, wie auch Benzodiazepine. Nur dass Alkohol zunächst vor allem dämpfend auf Kontrollzentren im Gehirn einwirkt, also den Weg zwischen Sinneseindruck und Reaktion verkürzt und dadurch in niedriger bis mäßiger Dosis enthemmend wirkt. Erst später kommt es dann zu Bewusstseinstörungen. Enthemmung ist auch unser Hauptproblem mit Alkohol. Friedlich Schlafende würden ja nicht mit Maßkrügen werfen.“

Einmal im Jahr herrscht in München Enthemmungszeit. Das Gegenteil dessen, was München sonst ausmacht – vielleicht findet das Oktoberfest ja gerade deswegen dort statt. In den restlichen elf Monaten ist es die „sicherste Millionenstadt Europas“, wie Polizeisprecher Peter Reichl nicht ohne Stolz verkündet, zugleich die Metropole, die systematisch „Wildwuchs verhindert“, in deren Shopping-Boutiquen umhüllte Damen vom Persischen Golf sommers Millionen lassen und in der, wie Reichl es formuliert, „ein Haus nie länger als 24 Stunden besetzt ist“.

Im Schottenhamel merkt man von law and order an diesem Dienstag nicht viel. Ums Eck im Hippodrom gibt Boris Becker einen Tag später seine Riesen-Fete, im Zelt feiern vor allem Junge und ganz Junge bis in die Morgenstunden zu nimmermüden Liedern wie „Humba-Täterä“ oder „Wahnsinn (Hölle, Hölle, Hölle)“. Der Schottenhamel ist augenfälligstes Symbol des stärksten Wiesn-Wandels der letzten Jahre: Verjüngung. „Die Wiesn ist eine Party geworden“, sagt Polizeisprecher Reichl, „die Jugend hat sie in den letzten Jahren für sich entdeckt.“

Oft wird durchgemacht, weshalb sich heute an einem Sonntagmorgen um acht schon mal ein paar hundert Leute vor den Zelten tummeln, auch wenn die erst um zehn öffnen. Medial kriegt man davon wenig mit. Die Münchner „Abendzeitung“ hat ein „Wiesn-ABC“ von „Anzapfen“ bis „Zuagroaster“ online gestellt, einen „Wiesn aktuell“-Kasten sowie Titelstorys à la „Sexy: Die heißesten Bilder vom Oktoberfest“. Von Betäubungsmitteln ist hier nicht die Rede.

Statistisch ist die Wiesn das bei weitem weltgrößte Kollektivbesäufnis. Knapp 1,1 Liter Starkbier trank jeder der 6,4 Millionen Besucher beim diesjährigen Oktoberfest im Schnitt (umgerechnet knapp 1,4 Liter Nicht-Wiesn-Pils), das reicht in vielen Fällen schon für einen Vollrausch. Dass Alkoholisierte dabei nicht zu den mündigsten Drogen-Usern zählen und sich und andere durch akute Selbstüberschätzung oft in Lebensgefahr bringen, zeigt ein Blick auf die Verkehrsstatistik: Bei jedem neunten Verkehrsunfall mit Todesfolge ist Alkohol im Spiel, der TÜV Deutschland geht sogar von einer wesentlich höheren Dunkelziffer von bis zu 50 Prozent aus.

Alkohol, das bestreitet nicht mal die CSU, ist die meistverbreitete und tödlichste Droge im Land. Mehr als 70.000 Menschen sterben jährlich direkt an den Folgen exzessiven Konsums (Tote durch illegale Drogen pro Jahr insgesamt: rund 1300), die Sucht geht quer durch alle Schichten und Altersgruppen (wobei Männer mehr trinken und früher anfangen, während Frauen oft erst mit Ende 30 mit dem Saufen beginnen). Das Jugendtrinkphänomen von der Wiesn gilt dabei längst als landesweites Problem: Zwischen 2000 und 2008 stieg die Anzahl Minderjähriger, die jährlich wegen Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert wurden, um fast das Dreifache auf inzwischen 25.700. Fast jeder zehnte 12- bis 17-Jährige weist einen „riskanten Alkoholonsum“ auf.

Sicher, das Land tut etwas gegen so genanntes Binge Drinking, mit Betonung auf „etwas“. Es gibt öffentliche Kampagnen wie „Alkohol? Kenn dein Limit!“ oder das Präventionsprojekt „HaLT!“. In Kölner und Berliner Schulen können ausgewählte Klassen im Rahmen des Projekts „HipHop gegen Komasaufen“ Raptexte über Alkoholmissbrauch verfassen. Der Bundesverband der Spirituosenindustrie und -importeure (BSI) hat einen „Arbeitskreis Alkohol und Verantwortung“ ins Leben gerufen, der seine Mitglieder bei der kontrollierten Alkoholabgabe in Gastronomie, Hotels, Handel und Tankstellen schulen soll. Und so weiter und so fort.

Aber bindende Absprachen mit den Herstellern, höhere Steuern, eine stärkere Sanktionierung der Werbung? All die Maßnahmen, die dazu führten, dass die Deutschen – und insbesondere die deutschen Jugendlichen – heute deutlich weniger rauchen als noch vor Jahren, finden beim Alkohol keine Anwendung.

Was zu tun wäre, rechnet Michael Adams vor, Professor für Wirtschaftrecht an der Uni Hamburg: Rauf mit den Preisen! „In Deutschland sind die allgemeinen Verbraucherpreise seit 1970 im Schnitt um 202 Prozent gestiegen, bei Alkohol nur um 113 Prozent. Damit sagen wir quasi den Leuten: Sauft, so viel ihr könnt. Kein Wunder, dass wir beim Konsum weltweit auf Platz fünf liegen. Würden wir die Steuern für alkoholische Getränke auf EU-Niveau heben, würde Bier preislich um 35 und Wein um 55 Cent pro Liter steigen, das Binge Drinking aber um rund 37 Prozent sinken. Wir hätten auf einen Schlag gesündere Finanzen und eine gesündere Jugend.“

Warum tun wir das nicht? Warum sind wir beim Trinken so nachsichtig?

„Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert“, sagt die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans. „Alkohol ist sakrosankt, ohne ihn würde die Revolution ausbrechen, deshalb wird hier mit zweierlei Maß gemessen“, sagt „Eve & Rave“-Gründer Hans Cousto. Fast jeder Deutsche trinkt zumindest unregelmäßig mal einen Schluck, knapp zehn Millionen konsumieren „in riskanter Form“, sprich fast immer und nicht zu knapp, 1,3 Millionen gelten als abhängig, rund 150.000 werden klinisch behandelt – das sind mehr als alle, die von illegalen Drogen abhängig sind, zusammen genommen.

Auf 27 Milliarden Euro jährlich beziffern Experten den gesamtgesellschaftlichen Schaden durch Alkoholabhängigkeit. Bei Tabakkonsum wurde der Schaden für die Volkswirtschaft oft zitiert – vom Schaden durch Alkis redet kaum jemand.

Lauter Gründe, weshalb der Mann, der in Deutschland als Suchtexperte Nummer eins gilt, seit Jahren Dinge fordert, die jedem Wiesn-Fan weh tun: „Ein Bierpreis von mindestens 15, eher 20 Euro pro Maß ist notwendig, dann tut es vielleicht weh“, sagt Raphael Gaßmann. Zugleich müssten Alkoholkontrollen rund um das Fest drastisch verschärft werden.

Gaßmann ist Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) im westfälischen Hamm, ein großer, pfiffiger Typ mit Wortwitz und Sachverstand. Und einer, der sich beim Thema Alkohol rasch in Rage redet. „Die bei weitem gefährlichste Droge der Welt“ sei das, „danach kommt erstmal lange nichts“. Andererseits habe Alkohol auch die bei weitem stärkste Lobby, in der Wirtschaft wie im Volk.

Die Umsätze der deutschen Alkoholwirtschaft sind zwar seit Jahren leicht rückläufig, lagen aber 2009 noch immer bei rund 14 Milliarden Euro. Was die wenigsten wissen: Wein unterliegt in Deutschland seit jeher keinerlei Verbrauchssteuer. Für einen Liter Bier werden im Schnitt neun Cent fällig, für einen Liter Sekt 1,36 Euro, für eine 500-Gramm-Packung Kaffee 1,15 Euro, für eine Packung Zigaretten 3,74 Euro.

Ein weiterer Faktor: Die Alkoholwirtschaft zählt zu den Branchen mit den höchsten Werbeetats, die Berichterstattung über Alkohol ist selbst in vermeintlich kritischen Medien extrem zahm. Beispiel „Der Spiegel“: Dort gab es in den letzten zehn Jahren Titelstorys über so ziemlich jedes drogen- und suchtaffine Thema, über falsche Ernährung und „Die Seuche Cannabis“ bis zu „Die Kokain-Gesellschaft“. Ein Titel wie „Volksdroge Alkohol“? Fehlanzeige. Bis zu Rudolf Augsteins Tod 2002 ließ sich derlei Auffälligkeit vielleicht noch mit mutmaßlichen privaten Vorlieben erklären, seither liegt es nahe, eine anzeigenaffine Beißhemmung zu vermuten. Einige „Spiegel“-Storys über Alkohol 2010: „Whisky auf Eis. Wie ein Schnapsbrenner Geld mit der Antarktis verdienen will“, „Frauen brauen“, „Rotwein als Sonnenschutz“.

Am Morgen einen Spliff – und du hast den Tag im Griff

Bersenbrück an der Hase, einige Wochen zuvor

Als Cara, Oli und die anderen fünf Zeltlagerfreunde in Reggaeville landen, dauert es keine fünf Minuten, bis die Murmelmänner kommen. Es ist ein heiterer Freitagmittag im Spätsommer, um die 23 Grad bei leichter Bewölkung, auf dem weiten Acker vor dem kleinen Fluss entstehen gerade Zeltdörfer im großen Stil, im Fluss selbst plantschen Kleinkinder, freundliche ältere Damen servieren an der „Milchbar“ Kaffee und Kuchen. Cara und ihre Freunde sind soben mit drei Autos aus Hamburg gekommen, die Kofferräume voll mit Proviant für zwei Festivaltage, Selbstversorger, wie die meisten hier, das ist besser und viel billiger.

Und kaum haben sie ihren Zeltplatz ausgesucht, stehen schon die Murmelmänner da und nuscheln Sätze, aus denen man nur das Wort „Ganja“ halbwegs sicher heraushören kann. Cara winkt ab, danke, und tschüß, wir haben selbst genug dabei. „Die schwarzen Dealer hier verticken mieses Zeug“, sagt Oli, „Marihuana-Reste mit riesigen Blättern drin, und viel zu teuer, zehn Euro das Gramm.“ Bei ihnen kauft nur, wer wenig Ahnung hat, Gelegenheitskiffer, und die sind hier definitiv in der Minderheit.

Bersenbrück ist ein 8000-Einwohner-Ort irgendwo in Südwestniedersachsen, nicht besonders verhaltensauffällig, ein Gewerbegebiet, ein Netto-Markt, ein Freibad, ein CDU-Bürgermeister. Osnabrück ist 35 Kilometer entfernt, die A1-Ausfahrt Holdorf 15 Kilometer. Seit einer Weile hat die Gemeinde noch eine weitere, eher ungewöhnliche Seite, und das liegt an Bernd Lagemann.

Als Lagemann den „Reggae Jam“ vor 16 Jahren ins Leben rief, galt er im Ort als etwas seltsamer KfZ-Gutachter, der gern mal nach Jamaika fuhr. Heute hat er ein Gasthaus namens Kingston, eine „CulTTour“-Agentur und ist auch für seine laute Stimme bekannt, mit der er jeden Act auf den beiden direkt nebeneinander liegenden Hauptbühnen selbst ansagt. Er nennt sich dann „Sheriff“, und so nennen ihn hier eigentlich alle, bis auf ein paar Leute im Ort, die sagen immer noch „Rasta-Bernd“.

Lagemann bleibt während der drei Tage der einzige Sheriff, der Cara & Co. übern Weg läuft. Dafür sind auffällige viele Leute aus dem Ort da, für sie gilt freier Eintritt, das hat Lagemann schon immer so gehalten. Sein Baby soll schließlich das „Festival der Herzen“ bleiben, das schönstgelegene, intimste, ungewöhnlichste in Europa. Die Leser des Branchenmagazins „Riddim“ wählten den „Reggae Jam“ deshalb zwei Jahre in Folge auf Platz eins in Europa, vor dem Kölner „Summer Jam“ und dem „Ruhr Reggae“. Der „Chiemsee Reggae Summer“, mit fast dreimal sovielen Besuchern wie „Reggae Jam“, war übrigens bei jeder Abstimmung chancenlos, was auch damit zu tun haben könnte, dass er in Bayern stattfindet und man dort keinswegs ungestört mit Ganja-Tüten unter Arm übers Gelände laufen kann, so wie die rot-gelb-grün gewandeten Murmelmänner hier.

Die Vibes sind wichtig im Reggae. In Bersenbrück sorgen dafür: ein Gelände gegenüber einem alten Zisterzienser-Kloster nebst Klosterpark, einem großen Wald im Rücken, einem Badefluss mit Riesenwasserrutsche und jeder Menge Wiesen drumherum. Eine gute Organisation mit blitzsauberen Toilettenwagen plus zweimal am Tag Duschen im Vereinsheim für zwei Euro pro Benutzung. Ein Publikum in der Altersklasse von 16 bis 60, in dem sich die szenetypische Rastafari-Jamaika-Fraktion mit Jedermann mischt. Dorfteenager, Batikkleidfrauen mit langen Haaren und vielen Festivalbändern, fünfköpfige Familien, pensionierte Althippies aus dem Umland.

Oder eine Gruppe wie Cara & Co. Die sieben sind zwischen 30 und Mitte 40, eine Yogalehrerin, ein Arzt, eine Logopädin, ein Bauingenieur, ein Manager, zwei PR-Agenten. Gemeinsames Ziel: ein Wochenende raus aus dem Alltag, „bisschen Party, bisschen Reggae im Ohr, bisschen Natur im Herzen.“ Viele hier genießen die Natur gern mit ein bisschen Marihuana im Kopf, mancher beginnt den Tag mit einem Joint, und mancher weltoffene Dorfbewohner mit akkuratem Vorgarten schwärmt von „den netten Leuten, die da immer herkommen“.

Vor den zwei Bühnen, auf denen jamaikanische Reggae-Veteranen wie Bushman und U-Roy sich mit Nachwuchs-Größen wie Fantan Mojah und Tarrus Riley abwechseln, kursieren die Joints ganz offen. Für 2010 meldet Bernd Lagemann 12.000 Besucher, wie in den letzten Jahren, mehr geht nicht, mehr will er auch nicht, sonst stehe für ihn der „familiäre Charakter auf dem Spiel.“ Und der Bürgermeister Harald Kräuter sagt ganz unternehmerfreundlich: „Stadt und Samtgemeinde Bersenbrück unterstützen dieses überregionale Musikfestival ideell und logistisch.“

Cannabis, davon erzählt Bersenbrück, das belegen die Zahlen, ist längst angekommen im Volk, weit mehr als alle anderen illegalen Drogen. Angekommen in allen Schichten der Bevölkerung, in der Stadt wie auf dem Land. Das hat damit zu tun, dass die gerauchte Wirkung von Marihuana (Blüten und Blätter) oder Haschisch (Harz) für viele das bevorzugte Mittel zum Umschalten ist. Raus aus dem Berufs-, Schul- oder Studiumstrott, rein in andere Gedanken, auf andere Filme. Ein kleiner Joint am Abend kann die Sorgen des Tages schnell vertreiben, viel schneller als flaschenweise Alkohol.

Dass Kiffen ungesund ist, bestreitet niemand. Über die Details streiten sich Experten in aller Welt seit vielen Jahren. Thema Raucherkrankungen: Da Cannabis zumeist mit Tabak konsumiert wird, besteht grundsätzlich das gleiche stark erhöhte Risiko, an Lungen-, Halskrebs oder ähnlichem zu sterben – andererseits konsumiert selbst der härteste Ganja-Fan nur den Tabak-Bruchteil eines Kettenrauchers. Thema Psychosen: Verschiedenen Studien in Großbritannien, Australien und der Schweiz zufolge ist die Anzahl von Menschen mit psychotischen Krankheitsmustern unter Cannabis-Konsumenten deutlich höher, der britischen Studie zufolge sogar um 41 Prozent – das bedeute gar nichts, entgegnen Kritiker, da Psychose-Kandidaten sich womöglich eher mit Cannabis behelfen als andere; stimme die These, müsste die Zahl der Psychose-Patienten in den letzten 30 Jahren insgesamt gestiegen sein, was nicht der Fall sei. Man einigt sich offiziell meist auf „erhöhtes Risiko für vulnerable Personen“.

Thema psychische Abhängigkeit: Die Forscher schwanken in ihren Einschätzungen. Während die einen von „eher geringem“ psychischem und einem „kaum beschreibbaren körperlichen“ Suchpotenzial ausgehen (Kleiber, Roques), fanden andere heraus, Cannabis sei „süchtigmachender als Alkokol“ (Ridenour). Wieder andere Studien (zum Beispiel Messinis) verweisen auf nachlassende Leistungen des Gedächtnisses bei Langzeitkiffern.

Einig ist sich die Fachwelt darin, dass die psychosozialen Effekte bei Kiffern häufig auf ein Sich-aus-dem-Leben-Herausziehen hinauslaufen. Man nennt es auch: Amotivationales Syndrom. Die Hauptstelle für Suchtfragen schreibt, darin zeige sich „ein zunehmendes allgemeines Desinteresse, gepaart mit verminderter Belastbarkeit. Der Konsument zieht sich immer mehr in sich zurück und wird sich selbst und den Aufgaben des Alltags gegenüber immer gleichgültiger: Er fühlt sich den Anforderungen der Leistungsgesellschaft allmählich immer weniger verpflichtet.“ Jüngste Untersuchungen deuten allerdings darauf hin, dass die Annahme, der Cannabiskonsum allein löse das Symptom aus, nicht haltbar sind.

Einig ist sich die Fachwelt aber auch, dass die von Cannabis ausgehende Gesundheitsgefahr deutlich unter der von Alkohol, Tabak und vielen legal erhältlichen Barbituraten liegt. Berühmtester Beleg hierfür ist jene Studie, die der britische Forscher David Nutt 2007 vorlegte und die nach vielfacher Meinung einen Meilenstein in der Drogenbewertung darstellt. Nutt bat rund 40 Psychiater, Ärzte, Pharmazeuten und andere Experten, die genau definierten, gesellschaftlich schädlichen Auswirkungen einzelner Substanzen nach einer Punkteskala (0 bis 3) zu bewerten. Alkohol (5,54) lag demnach vor Tabak (4,86) sowie deutlich vor Cannabis (4,00), LSD (3,68) und Ecstasy (3,27).

Nutt, damals zugleich Drogenbeauftragter der britischen Regierung, bezeichnete das gängige Drogenbewertungssystem sogleich als „schlecht duchdacht und willkürlich“, gab Interviews, in denen er kundtat, Ecstasy sei weniger schädlich als Alkohol, und schrieb Texte, die klangen, als wolle er der Al Gore der Drogenpolitik werden: „I think we have to accept young people like to experiment – with drugs and other potentially harmful activities – and what we should be doing in all of this is to protect them from harm at this stage of their lives. We therefore have to provide more accurate and credible information.“ Im Oktober 2009 wurde Nutt wegen soviel Systemkritik von seinem Regierungsposten entbunden.

„David Nutt hat ganz handfest und in Zahlen gezeigt: Nicht alle Drogen sind gleich, und das Schadenspotenzial korrespondiert nicht unbedingt mit dem Legalitätsstatus“, sagt Ludwig Kraus, der beim Institut für Therapieforschung (IFT) in München den Suchtsurvey korrdiniert, die wichtigste regelmäßige Untersuchung zum deutschen Drogenkonsum. In einem Punkt allerdings stimmt seine Studie mit der öffentlichen Meinung überein: Die meistgefürchtete und -verpönte Droge ist nach wie vor die bei weitem tödlichste: Heroin.

Die unhippe Loser-Droge beschäftigt die Stadtpolitik

Hamburg, Stadtteil Altona, einige Wochen später

Ein unauffälliges Eckhaus in der Holstenstraße. Ein halbes Dutzend Männer und eine Frau warten vor einer verschlossenen Glastür. Die Ambulanz öffnet um 17 Uhr zur Abendvergabe. Jörg kommt von der Arbeit, er ist Anfang 40, seit vier Jahren Tierpfleger in Hagenbecks Tierpark und seit mehr als zwei Jahrzehnten heroinabhängig. Seit 2002 bekommt er hier sein Heroin, ganz legal. Um 17 Uhr reiht er sich in der Schlange vor dem Schalter ein, er muss in ein Alkoholmessgerät pusten, null Promille, danach bekommt er eine Nummer. Als seine Nummer aufleuchtet, geht er durch eine Stahltür in den Konsumraum, bekommt eine Spritze mit Diacetylmorphin, einem legal hergestellten Heroin, ausgehändigt, eine Nadel und einen Tupfer. Er hat es sichtbar eilig. Sein letzter Druck war am frühen Morgen, vor der Arbeit.

Er öffnet die Hose, zieht sie bis an die Knie hinunter und injiziert das Heroin mit routinierten Bewegungen in die Leiste. Es dauert kaum eine Minute. Die anderen im Raum tun es ihm gleich – heruntergelassene Hosen, haarige Beine. All das unter den wachsamen Augen eines Mitarbeiters der Ambulanz, das Behandlungszimmer für Notfälle ist direkt nebenan. Beim Verlassen des Raumes entsorgt er die Spritze unter Aufsicht, bekommt einen Zettel mit einer Uhrzeit ausgehändigt und geht zurück ins Wartezimmer. Das darf er erst zur festgelegten Zeit verlassen, falls Komplikationen auftreten.

Im Wartezimmer fallen kurz seine Augen zu, sein Kopf sinkt auf die Brust, das Tabakpäckchen fällt aus seiner Hand. Das Heroin wirkt.

Rund 40 der geschätzten 11.000 Heroinabhängigen in Hamburg bekommen wie Jörg synthetisches Heroin in der Ambulanz, bundesweit sind es 330 von rund 150.000, auf Kassenkosten und unter medizinischer und therapeutischer Aufsicht. Rund 6000 sind mit Methadon, Polamydon oder Bupronorphin substituiert. Der Weg dahin war lang, zu lang, sagen Fachleute. Im gesellschaftlichen und politischem Umgang wurden Heroinabhängige lange nicht als Kranke begriffen. Junkies galten als willens- und charakterschwach.

Seit das Buch „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in den späten Siebzigern das Thema Heroinabhängigkeit in die Breite der Gesellschaft getragen hatte, war der Junkie die symbolische Verkörperung des Drogenabhängigen an sich, der Albtraum aller Mütter und Politiker. Heroin war Teufelszeug und stand stellvertretend für jede Droge – einmal genommen, fuhr man auf dem Highway zur Hölle, der zwangsläufig zu Sucht, Verelendung, Prostitution und Tod führte. Heroin war der gesellschaftliche Feind, den es zu bekämpfen galt.

Substitution, eigentlich das Normalste, was es in der Medizin gibt – mit dem passenden Medikament die Schmerzen und sonstigen Symptome des Kranken zu lindern -, war undenkbar. Im Gegenteil: Heroinabhängige, die ihre Sucht bekämpfen wollten, wurden gleich noch einmal bestraft: „Warmer“, medikamentengestützter Entzug war bis weit in die 90er-Jahre die Ausnahme, Junkies mussten in geschlossenen Abteilungen der Krankenhäuser ihre Entzugsschmerzen ertragen. Eine Art Willenstest, leidvoll, schmerzhaft und der modernen Medizin unwürdig. Erst in der zweiten Hälfte der Neunziger setzte sich die Substitution, damals vorrangig mit den Ersatzstoffen Polamydon und später Methadon, großflächig durch.

2002 schließlich wurde in sieben deutschen Städten, unter anderem in Hamburg, eine Studie gestartet, in der Diamorphin als Substitutionsmittel für Schwerstabhängige erprobt wurde. Mit einem großen Vorteil: Die psychische Abhängigkeit, das Verlangen nach der Rauschwirkung des Heroin, wird befriedigt, der bei Methadon übliche Beikonsum von Kokain, Schlaftabletten und anderem wird hinfällig.

Mit großem Erfolg: „Schon nach wenigen Wochen konnten wir feststellen, dass es unseren Patienten, die in der Regel in einem sehr schlechten körperlichen Zustand ankamen, deutlich besser ging“, sagt Karin Bonorden-Kleij, Leiterin der Ambulanz. Sie stabilisierten sich körperlich, psychisch und sozial, die Zahl der Straftaten sank gegen Null, der Beikonsum von Benzodiazepinen, Alkohol oder Kokain reduzierte sich. Ein großer Teil von ihnen fand, wie Jörg, Arbeit. Rund 20 Prozent der Diamorphin-Patienten gelang der Ausstieg aus der Sucht, sie sind heute drogenfrei.

Ergebnisse, die deutlich über denen der verbreiteten Substitution mit Ersatzstoffen wie Methadon liegen. Trotz der höheren Kosten einer Heroinsubstitution im Vergleich zu der mit Methadon spart der Staat langfristig durch die Stabilisierung der Abhängigen, die bessere Wiedereingliederung und den Wegfall der Kriminalität.

Trotzdem wollte die CDU das Projekt nach Ende der Studie 2007 begraben und die Zulassung von Diamorphin verhindern, gegen allen Expertenrat. Mit Bierzeltparolen wie „Kick auf Krankenschein“ oder „Staat als Dealer“ wurde in der Öffentlichkeit Stimmung gemacht. Die alten Vorurteile hielten sich hartnäckig. Am Ende setzte der Sachverstand sich doch durch. Seit Oktober 2010 zahlen die Krankenkassen die Behandlung mit Diamorphin.

„Substitution war generell politisch nie wirklich erwünscht“, sagt Bonorden-Kleij. „Auch die Heroinstudie kam eigentlich viel zu spät.“ Ein Problem sei, dass Diamorphin nur zur Injektion angeboten wird, der intravenöse Konsum innerhalb der Heroinszene aber in den letzten Jahren, nicht zuletzt aufgrund von „Safer Use“-Programmen und Substitution, stark zurück gegangen sei. Überhaupt sind die Hürden, die der Gesetzgeber für Ärzte und Patienten errichtet hat, sehr hoch – man muss zwei erfolglose Behandlungen nachweisen, davon eine sechsmonatige, und man muss sich jeden Schuss vor Ort und unter Aufsicht setzen (bei Methadon kann man unter bestimmten Auflagen ganze Wochenrationen mit nach Hause nehmen).

So ist auch der erwartete Run auf die Plätze in der Heroinsubstitution ausgeblieben, im Gegenteil: Die hohen Anforderungen schrecken viele Junkies ab. „Viele sehen die Heroinsubstitution auch als Kapitulation, als Eingeständnis, ganz unten angekommen zu sein, und tun sich deshalb mit der Entscheidung schwer,“ sagt Bonorden-Kleij. Auch wenn sie jetzt erstmals wieder neue Patienten aufnehmen darf – die Zahl der Bewerber ist überschaubar.

Vereinfachter Zugang zur Substitution, Safer-Use- Programme und bessere soziale und gesundheitliche Versorgung haben dazu beigetragen, dass sich die Sterberate bei Junkies in den letzten 20 Jahren halbiert hat. Und dazu, dass Junkies immer älter werden – die Anfang der 90er-Jahre noch verbreitete These, Heroinabhängige würden entweder sterben oder aus ihrer Sucht „herauswachsen“, gilt mittlerweile als überholt. Heute sind zahlreiche Abhängige in ihren Fünfzigern und Sechzigern, der älteste Patient in der Ambulanz Altona ist 74. Der eine oder andere braucht gar einen Rollator, wenn er sein Methadon abholt. Ein ambulanter Pflegedienst in Hamburg hat sich auf drogenabhängige Patienten spezialisiert, und auch in der Asklepios-Klinik im Stadtteil Ochsenzoll gehört die Behandlung körperlicher Begleit- und Folgeerkrankungen zum Alltag.

„Zu den Folgeerkrankungen wie Gefäß- und Venenverschlüsse kommen jenseits der 50 die üblichen Volkskrankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetis“, sagt Dr. Klaus Behrendt, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin und Chefarzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen in der Asklepios-Klinik, wo pro Jahr rund 1500 Heroinabhän-gige im Rahmen eines medikamentengestützten, warmen Entzugs behandelt werden. Schon heute besteht Kontakt zu verschiedenen Pflegeheimen, die einzelne Abhängige aufnehmen und dort die Substitution fortsetzen. „In den nächsten Jahren wird dieses Thema wichtiger werden, die Zahl der alten und pflegebedürftigen Abhängigen wird steigen. Ich denke, dass wir aufgrund ihrer Krankheitsgeschichte und Sozialisation anders auf sie zugehen müssen.“

Im Jahr 1992 habe das Durchschnittsalter seiner heroinabhängigen Patienten bei 26 Jahren gelegen, heute sei es auf 38 Jahre angestiegen. Auch deshalb, weil es heute weniger Neueinsteiger gibt. Inzwischen sind das oft Migranten aus arabischen Ländern, ei-ne größere Gruppe stellen auch Osteuropäer und Russlanddeutsche, die als junge Erwachsene nach Hamburg kommen, oft illegal und mit wenig Chancen, legal in der Gesellschaft Fuß zu fassen.

Oder es sind Fälle wie Cindy, 26, aus Rostock, die auf Station 72 der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen der Asklepios-Klinik von Heroin und Subutex entzieht, einem Substitutionsmittel, das mittlerweile selbst auf dem Schwarzmarkt sehr beliebt ist. Werden die Tabletten, die sich unter der Zunge des Patienten auflösen sollen, zerkleinert und gesnieft oder verflüssigt und gespritzt, kommt die Wirkung dem Heroin-Flash recht nah.

Cindy wuchs in einer Plattenbausiedlung auf, Mutter und Stiefvater arbeiten als Gebäudereiniger, ihren leiblichen Vater hat sie nie kennengelernt. Zu ihren Eltern und Brüdern, sagt sie, habe sie kein gutes Verhältnis, nicht damals, nicht heute. Mit zehn Jahren beginnt sie Alkohol zu trinken, am Asia-Imbiss. Mit 13 dann die ersten Drogenerfahrungen, Amphetamine zunächst, mit 16 Kokain. „Ich wollte meine Probleme verdrängen“, sagt sie. Die Hauptschule bringt sie gerade noch zu Ende, um einen Ausbildungsplatz bewirbt sie sich erst gar nicht. Als ihre beste Freundin und einzige Vertraute 2000 bei einem Motorradunfall stirbt, verliert Cindy völlig den Boden unter den Füßen, täglich schnupft sie mehrere Gramm Kokain. Mit 19 wird sie Mutter, gibt ihre Tochter in eine Pflegefamilie. Ihr Hartz IV bessert sie mit Diebstahl, Betrug und Prostitution auf.

In Hamburg nimmt sie dann das erste Mal Opiate, Subutex und Heroin. In der Szene nahe dem Hauptbahnhof ist sie eine der jüngsten, die anderen sind meist zehn oder mehr Jahre älter. Dort trifft sie ihren heutigen Freund, der ist Mitte 30 und arbeitet auf dem Bau. Er ist Gelegenheitskonsument, die beiden verlieben sich, sie zieht in seine Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Bahrenfeld. Die beiden planen eine gemeinsame drogenfreie Zukunft, darum ist sie hier. „Das ist meine letzte Chance“, sagt sie. „Er ist der Erste, der zu mir steht. Ich möchte ihm beweisen, dass ich es hinkriege.“

„Heroin hat seine Anziehungskraft verloren, es gilt vielen als schmuddelige Verliererdroge“, so Klaus Behrendt. „Gerade bei den jüngeren stehen die so genannten Party-Drogen deutlich höher im Kurs.“ Als Party-oder gar Sexdroge eignet sich Heroin tatsächlich eher weniger, es ist im Wortsinn Betäubungsmittel, und glasige Augen und schwere Augenlieder sind nicht sexy.

Fühlte sich der damalige US-Präsident Bill Clinton 1997 noch genötigt, den von Mode, Werbung, Film- und Musikindustrie ausgestellten „Heroin-Chic“ zu verurteilen, kommt heute wohl niemand mehr auf die Idee, Heroin für irgendwie chic zu halten. Selbst die medial ausgeschlachteten Heroineskapaden von Amy W. und Pete D. haben eher etwas bemitleidenswertes – sie werden bestenfalls als traurige Clowns wahrgenommen. Aussehen wie die Junkies vom Hauptbahnhof will niemand, auch nicht die Junkies vom Hauptbahnhof selbst.

Das Drob Inn liegt zwei Straßen vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt, hinter dem Museum für Kunst und Gewerbe. Eine „Kontakt- und Beratungsstelle mit integriertem Drogenkonsumraum“ hier werden neben Kriseninterventon und Beratungsgesprächen, günstigem Essen und Waschmaschinen-Nutzung den Junkies auch zwei Konsumräume angeboten, ein Rauch- und ein Druckraum. Im Inneren gelten klare Regeln – keine Gewalt, kein Dealen, kein Konsum außerhalb der vorgesehenen Räume.

Draußen, vor der Tür, gelten andere Regeln. Hier versammeln sich täglich rund 300 bis 400 Junkies. Nach den Polizeiaktionen rund um den Hauptbahnhof, mit denen die offene Szene aus dem Straßenbild getilgt werden sollte, der meistfrequentierte Treff-punkt der Hamburger Junkies. Die Polizei hat das Terrain im Auge, oft sind verdeckte Ermittler unterwegs, in den Zugangsstraßen werden die Süchtigen abgefangen, Repression ist immer noch oft Mittel der Wahl.

Die Vertreibungspolitik aus der Innenstadt hatte in den vergangenen Jahren vor allem zur Folge, dass verstärkt in Parks und Privatwohnungen gedealt wird. Das Drob Inn ist das letzte, halbherzig geduldete Überbleibsel der offenen Szene. Solche Einrichtungen, egal wie wichtig und hilfreich, sind auch bei vielen Hamburgern unbeliebt: Einen Umzug der Suchthilfeeinrichtung „Stay Alive“ in einen Gebäudekomplex in Altona versuchten Anwohner und Geschäftsleute mit einem Bürgerbegehren zu verhindern. Junkies wollen sie nicht als Nachbarn. Im Oktober wurde der Umzug dennoch genehmigt, zum Jahreswechsel soll er stattfinden.

Während in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren Drogen, auch Heroin, noch mit Gegenkultur, mit abgewrackt-verwegener Coolness, mit Musik, Filmen, Büchern und vielleicht noch der vagen Idee von Bewusstseinserweiterung oder -veränderung verbunden wurden, geht es heute eher um das Gegenteil. „Gegenkultur spielt keine Rolle mehr“, sagt Bernd Homann, seit 1993 im Drob Inn tätig. „Unsere Klienten nehmen oft alles mögliche parallel – Alkohol, Benzodiazepine, vor allem Crack und Kokain. Heroin ist eher das Grundnahrungsmittel, nötig, aber nicht besonders interessant.“ Allgemein, so Homann, habe die Attraktivität von Heroin deutlich nachgelasen, vor allem bei jungen Menschen. „Heroin ist unhip, eine Loser-Droge.“

Allerdings existiert neben den Klienten im Drob Inn und den Patienten in der Klinik noch eine andere, unsichtbare Gruppe von Heroinkonsumenten: sozial und medizinisch unauffällige Süchtige, die gute Jobs haben, eine Wohnung und ein funktionierendes Privatleben, sogar Gelegenheitskonsumenten, die nicht abhängig sind und Heroin konsumieren wie andere ihre Flasche Rotwein am Wochenende.

Eine Studie im Auftrag des Gesundheitsministeriums von 2004 besagt, dass bei Heroin rund 25 Prozent der Probierkonsumenten eine „Abhängigkeitsepisode entwickeln“. Sprich: Sie probieren Heroin, werden aber nicht dauerhaft süchtig. Die Studie suggeriert, dass es letztlich nicht allein die hochgefährliche Droge ist, die süchtig macht. Auch ungesunde Konsummuster, schwierige Lebensumstände, Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung, ein Mangel an Ressourcen und Informationen leisten ihren Beitrag.

Wollt ihr Kokain oder doch lieber Entwurmungsmittel?

Zürich, Bürliplatz, einige Wochen zuvor

Die zwei Raver aus Düsseldorf können es immer noch nicht ganz glauben. „Testen? Also richtig: Qualität, Inhalt und so? Und dann Ergebnis, umsonst und so? Wahnsinn!“

Alex Bücheli guckt grundgütig und erklärt das Procedere zwar zum dritten Mal, aber immer wieder gern. Die anfängliche Ungläubigkeit vieler, gerade ausländischer Kunden ist Alltag für ihn. Sie beweist ja auch, welche Strahlkraft sein Projekt hat.

Es ist ein sonnig-warmer Samstagmittag, Tag der Streetparade. Das Gebiet rund um den größten Stadtplatz am See ist in Raver-Hand und das in blau-weißen Stadtfarben gehaltene Zelt von überall gut zu sehen. Ein paar Dutzend Leute stehen vor den Zeltwänden und lesen Zettel, auf denen vor bestimmten Pillen gewarnt wird, mit Foto. Ein paar bleiben nur kurz stehen, um sich mit den Ohrenstöpseln zu versehen, die gratis ausgegeben werden. Und ein paar stehen vor dem Zelteingang, bestaunen das kleine Schild mit der Aufschrift „Hier: Substanz Testing“ und stellen Fragen.

Alex Bücheli beantwortet jede davon, seit elf Jahren macht er das, etwa einmal pro Monat, so oft und so lange ist die mobile Drogenkontrollstelle von Saferparty.ch unterwegs. Das Prinzip: Auf großen Partys steht das Zelt, jeder kann kommen und die Pillen testen lassen, die er dabei hat. 30 Minuten später erfährt er dann, was genau in der Pille drin ist. Kosten: null. Bedingung: in der Zwischenzeit ein Beratungsgespräch, während dessen ein vierseitiger Fragebogen anonym auszufüllen ist.

Die Fragen der Kunden sind dann oft die gleichen: Warum machen Sie das? Wer soll das bezahlen? Warum ist das erlaubt? Dann erst kommen die Fragen, um die es eigentlich geht: Welche gestreckten Pillen sind im Umlauf? Ich habe Ketamin genommen und noch Speed dabei, raten Sie ab? Mein MDMA hat 95 Prozent Reinheitsgrad, wieviel darf ich nehmen? Was hat es zu bedeuten, dass mein Kokain zu 30 Prozent aus dem Entwurmungsmittel Levamisol besteht?

Das Grundlegende vorneweg: Die Kosten trägt die Stadt Zürich. Bücheli und sein Chef Michael Herzig sind Angestellte im Sozialdepartement der Kommune. Außer dem mobilen bieten sie auch noch einmal wöchentlich ein stationäres Drug Checking an, zudem zahlreiche Beratungen sowie die Webseite Saferparty.ch mit detaillierten Infos und Ratschlägen zum kontrollierten Drogenkonsum. Ein einzigartiges Angebot.

Wer sich infomieren will, ist in Deutschland und andernorts meist auf private Websites von Aktivisten, Bücher oder exklusive Netzwerke angewiesen, der Staat hilft nicht. Tenor: Wer berät, erklärt sein Einverständnis. Lieber ein paar Tote durch Fehlkonsum in Kauf nehmen, als juristisch ein Eigentor zu schießen. „Was mich in Deutschland immer wieder erstaunt, ist die enorme Ideologisierung des Themas“, sagt Michael Herzig.

Die Schweizer haben das Drug Checking zwar nicht erfunden – das war August De Loor 1987 in Amsterdam -, doch sie haben es erstmals in einer europäischen Großstadt dauerhaft etabliert. Während die Versuche in Holland und von „Eve & Rave“ in Berlin jeweils nach kurzer Zeit von den Behörden unterbunden wurden (in Holland ist Drug Checking mittlerweile wieder erlaubt), hatten Herzig, Bücheli & Co. mehr Glück: Sie waren im richtigen Moment da, und mit der passenden Einstellung.

„Als wir loslegten, ohne jede Bewilligung von Kanton und Polizei, war die Aufgeschlossenheit für neue drogenpolitsche Strategien recht hoch“, sagt Herzig. Sprich: Als 1992 das Platzspitz, Treffpunkt der offenen Junkie-Szene in Zürich, geräumt wurde und sich tausende Junkies über den Rest der Stadt verteilten, war die Unzulänglichkeit herkömmlicher Drogenpolitik mit einem Mal unübersehbar und der Leidensdruck enorm. Seither sind innovative Ideen gefragt. Einige Ärzte gründeten damals ad hoc die ARUD, eine Arbeitsgemeinschaft für den risikoarmen Umgang mit Drogen, die eine ambulante Klinik zur Heroinbehandlung und -substitution betreibt, mit mittlerweile vier Ablegern landesweit und Vorbildfunktion für die ganze Welt. Die Techno-Streetworker Herzig & Co. legten mit Drug Checking nach.

Also haben die Party-Raver ihre vergleichsweise liberalen drogenpolitischen Bedingungen den Junkies zu verdanken? „Wenn Sie so wollen, ja.“

Inzwischen haben die Jungs von Saferparty.ch einen regelmäßigen und laut Herzig „sehr guten“ Draht zu Behörden und Polizei, man versteht sich, man hilft sich, man informiert sich gegenseitig. So verfasst Saferparty.ch bei großen Veranstaltungen vorab ein Briefing für die Security und einen regelmäßigen Newsletter für Polizei, toxikologisches Institute, Sanitäter und Clubbetreiber.

„Die deutschen Grassroots-Aktivisten kritisieren oft, wir würden zu sehr kooperieren“, so Herzig. „Andererseits: Wenn du der Polizei klarmachen kannst, dass auch du die Stadt bist, dass du von der gleichen Firma aus anrufst, kommst du oft viel weiter. Und wenn Du den Leuten in Ruhe erklärst, dass Drogenaufklärung nicht gleich Beihilfe zum Konsum ist und dass Kriminalisierung zu nichts führt, jedenfalls zu nichts Gutem, dann verstehen sie es meistens auch.“

2008 standen sie kurz vor einem großen Durchbruch. Doch dann scheiterte das Referendum zur Legalisierung des Cannabiskonsums klar, 63 Prozent der Schweizer stimmten dagegen – eine Niederlage, die Herzig vor allem darauf zurückführt, dass die Erlaubnis heroingestützter Substitution ebenfalls zur Abstimmung stand, sich entscheidende Gruppen vor allem auf deren Durchsetzung konzentrierten und die Cannabiskampagne radikalen Hanfbauern wie Bernhard Rappaz überließen, dessen Heilsbringermentalität der Bevölkerungsmitte nur schwer zu vermitteln waren.

Künftig wollen die Streetworker um Herzig und Bücheli sich nun vor allem auf Zürich selbst konzentrieren. Das dortige Stadtparlament hat erst im Juni beschlossen, den Stadtrat zur Freigabe des Cannabisverkaufs im Stadtgebiet aufzufordern. Der Stadtrat – sozusagen Zürichs Regierung – hat nun zwei Jahre Zeit, das Postulat zu prüfen. Es schaue gegenwärtig ganz gut aus, sagt Herzig, dessen Strategie dem Vorgehen bei der Heroinsubstitution ähnelt: In kleinen Kreisen wird getestet, wie eine Freigabe funktioniert – und wenn’s gut läuft, schafft man Fakten, wodurch der Druck auf die Bundesinstanzen, rechtlich nachzuziehen, automatisch steigt. Frei nach dem Motto: Seht doch, es geht!

Deutschland schießt sich weg: Nur die Bilanz ernüchtert

Rückenwind kommt derzeit nicht zuletzt aus der europäischen Politik. Rund die Hälfte der EU-Länder haben inzwischen Toleranzwerte für Cannabis-Eigenkonsum eingeführt, Spanien, Tschechien und die Niederlande sind dabei am liberalsten. Der Rest der Staaten klammert sich mehr oder weniger an eine Politik, die nach allen Regeln gescheitert ist.

Die Idee der Prohibition, das beschreibt der Journalist Mathias Bröckers in seinem soeben erschienenen Buch „Die Drogenlüge“ auf sehr massive, mitunter leicht penetrante Art, hat seit ihren Anfängen in den 1900er-Jahren eine mehr oder minder permanente Folge von Misserfolgen nach sich gezogen. Seit Drogen verboten sind (weitenteils erst seit den 60er- und 70er-Jahren), ist der Konsum fast aller maßgeblichen Substanzen gestiegen, inzwischen hat der Weltmarkt laut UN ein geschätztes Jahresvolumen von 320 Milliarden US-Dollar. Gewinne, die nicht versteuert werden, Gewalt und Korruption schüren und Länder wie Kolumbien, Mexiko und Afghanistan zu Schlachtfeldern der Drogenmafia machen.

Ecstasy-Labore entstehen in allen Weltteilen, vor allem in Ostasien, Europa und Kanada, Marihuana wird vermehrt in Europa kultiviert, Haschisch aus Marokko importiert, Afghanistan meldet Rekord-ernten von Schlafmohn (aus dem Heroin gewonnen wird), Kokain findet immer neue, unerfindliche Wege aus Lateinamerika, die Strafverfolgung zeigt wenig Wirkung, und während der Heroinkonsum in Westeuropa sinkt, steigt er in Osteuropa und dem Kaukasus seit Jahren stark.

Die Kundschaft behilft sich, indem sie immer größere rechtsfreie Handels- und Konsumräume schafft und Informationen über Drogenkonsum, -missbrauch und -gefahren auch ohne staatliche Aufsicht austauscht. „Die User sind heute bei weitem mündiger als die meisten Politiker“, sagt Gundula Barsch, die an der Hochschule Merseburg den einzigen deutschen Lehrstuhl für „Drogen und Sucht in der sozialen Arbeit“ innehat. Die Soziologin sieht auffällige Parallelen zwischen der „Drogenhysterie des 21. Jahrhunderts und dem Hexenwahn des Mittelalters. Mit Bedrohungsszenarien und Schlagwort-Nebel wird öffentlich insinuiert, als sei der Drogenkonsum heute ein Angriff auf unsere Kultur als Ganzes, nicht ein individueller Regelverstoß. Die Strategien der Disziplinierung sind willkürlich bis bigott. Die Konsumenten sind viel weiter und verschaffen sich intern die Aufklärung, die ihnen der Staat verweigert.“

Aufklärung findet man in der Tat vielerorts, nur nicht auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums. Dort verfährt man weiter nach dem Vorsatz „Wer informiert, fördert den Konsum“. Die Alternativen: öffentlich betriebene Schweizer Internetseiten wie das bereits genannte Saferparty.ch oder Saferclubbing.ch, private Aufklärer wie land-der-traeume.de, Foren wie restrealitaet.de oder Bücher wie „Breites Wissen“ von Ingo Niermann und Ad-riano Sack, in dem sich eine Anleitung zum Eimer-Rauchen ebenso findet wie ein Schaubild geeigneter Körperteile zum Spritzen, die besten Sex-Drogen oder ein Abschnitt zum Thema „Woran man reines Kokain erkennt“.

Wie ideologisch verbohrt die Gesetzgeber hantieren und wie groß ihre Angst vor dem Eingeständnis ihres Scheiterns ist, wird beim Blick auf Forschungsergebnisse deutlich. Noch im vergangenen Jahr schwadronierte Maria Eichhorn, drogenpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom „mittlerweile wissenschaftlich erbrachten Nachweis, dass Cannabis Einstiegsdroge für den späteren Konsum härterer Drogen ist. Jugendliche, die Cannabis rauchen, haben ein sechsfach höheres Risiko, später härtere Drogen zu konsumieren, als Jugendliche, die kein Cannabis nehmen.“ Der Sachstand ist demgegenüber, dass maßgebliche Forschungsarbeiten von Kleiber (1998) bis Degenhardt (2010) der Einstiegsdrogenthese klar widersprechen. Die CDU/CSU verweist stets auf eine 2006 an der Universität Amsterdam veröffentlichte Studie, die das Konsumverhalten bei 219 gleichgeschlechtlichen Zwillingspaaren untersuchte, von denen jeweils einer vor seinem 18. Lebensjahr Cannabis geraucht hat und der andere nicht. Ergebnis: Sechs Prozent der Zwillinge mit Cannabiserfahrung nahmen später regelmäßig Ecstasy und fünf Prozent harte Drogen, während die zuvor schon nüchternen Zwillinge auch später nichts dergleichen nahmen. Fazit der CDU/CSU: sechsfach erhöhtes Einstiegsrisiko.

In der Datenerhebung hat es indessen den Anschein, als sei das Bedürfnis, um jeden Preis positive Trends zu generieren, mitunter höher als das Bedürfnis, die Realität abzubilden. Beispiel Kokain: Die Bundesregierung feiert sich für den angeblich seit Jahren rückläufigen Konsumtrend in Deutschland – Zahlen, die unter anderem auf den vom Münchener Institut für Therapieforschung verfassten Suchtsurveys basieren. Dessen Mitinitiator und Mastermind Ludwig Kraus hingegen hält den Kokainkonsum in Deutschland in Wahrheit für „stark unterschätzt“. Kraus‘ Erklärung: Viele User fallen nicht durch problematischen Konsum auf oder gehören Milieus an, die sich den üblichen statistischen Messparametern entziehen.

Darüberhinaus gibt es punktuell immer wieder konträre Angaben: Die Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) etwa schrieb 2009, der Kokainkonsum in Europa steige seit zehn Jahren an – und das bei erstaunlich großen nationalen Unterschieden. In Dänemark, Irland und Italien haben drei bis vier Prozent der 15-bis-34-Jährigen in den vergangenen zwölf Monaten gekokst, in Großbritannien und Spanien sogar um die fünf, in Deutschland dagegen unter zwei Prozent. In Tschechien gab in einer Umfrage jeder dritte Techno-Fan an, schon mal gekokst zu haben. Und in Spanien werden auf den Geldscheinen sowie im Wasser großer Flüsse immer wieder Kokainspuren gemessen, die auf einen weit höheren als den offiziellen Konsumwert hinweisen.

Eine Vermutung übrigens, die auch durch persönliche Umfragen des Reporters in einschlägigen Berliner, Hamburger und Münchener Kreisen gestützt wird. Einhellige Bilanz: Das Koks ist billiger und die Konsumenten zahlreicher als noch vor fünf Jahren.

Boris Quednow, der als Assistenzprofessor der Uni Zürich seit Jahresanfang über Kokainkonsum forscht, formuliert einen weiteren Eindruck: „An renommierten Wirtschafts-Unis wird bereits viel Kokain konsumiert. Wer also eine Karriere als Banker ins Auge fasst, hat gute Chancen, sich früh zum Kokain hingezogen zu fühlen.“ Frage an den IFT-Experten Ludwig Kraus: Kommen Banker, Werber, Manager und andere Hochleistungsarbeiter in den Statisitiken vor? „Viele fallen durchs Raster. Kokain ist heute die große Unbekannte der Drogen- und Suchtstatistik.“

Eine Diagnose, die sich auf alle Arten rezeptfreier und -pflichtiger Mittel ausdehnen ließe, mit denen eine offenbar stark wachsende Zahl von Menschen ihre Wettbewerbsfährigkeit zu erhöhen versucht. Kokain ist dabei nur das bekannteste Mittel, das jedem Werbetexter erlaubt, mit einer Zwei-Gramm-Dosis die Nacht vor dem nächsten Pitch durchzuarbeiten, die ideale Droge für Multitasker im Dauereinsatz.

Als künftiger Boom-Markt für Drogenmafia wie Pharmazeuten gilt bereits seit längerem das so genannte „Neuro Enhancement“, kurz Hirn-Doping. aufmerksamkeits- und erinnerungssteigernde Mittel sind bereits heute problemlos (Modafinil) bzw. bei Verschreibung (Ritalin, Vigil, Exelon, Cipralex, Adderall, Donepezil) zu bekommen, der Schwarzmarkt ist unüberschaubar, die Konsumtenstruktur bemerkenswert. So gab im Jahr 2008 bei einer Online-Umfrage des Wissenschaftsmagazins „Nature“, zu dessen Lesern viele Wissenschaftler zählen, jeder Fünfte an, ohne medizinisch-therapeutische Gründe zu Medikamenten gegriffen zu haben, um Konzentration und Erinnerungsvermögen anzuregen.

Der Bedarf also ist da, und er wächst in dem Maße, in dem berufliche Leistung und Karriere zum Maßstab eines gelungenen Lebens werden. Der Weltmarkt für Antidepressiva hat sich von 13,1 Milliarden Dollar im Jahr 2000 etwa verdoppelt – wenn das so weitergeht, wird die uralte Angst, in naher Zukunft von lauter Drogensüchtigen umzingelt zu sein, etwa um die nächste Jahrhundertwende Weltrealität sein.

In Aldous Huxleys dystopischem Zukunftsroman „Schöne Neue Welt“ heißt die tägliche Pille Glückseligkeit Soma, in David Foster Wallace‘ „Unendlicher Spaß“ ist es DMZ, unter anderem. In der Jetzt-Realität hat die Wunderpille für den Karrieresprung noch keinen Namen, aber sehr wohl viele Sympathisanten: Bei einer diesjährigen Umfrage der Uniklinik Mainz unter Schülern und Studenten gaben mehr als 80 Prozent an, leistungssteigernde Pillen nehmen zu wollen, falls ihnen dadurch keine Langzeitschäden drohten.

In naher Zukunft, so das Szenario des Mainzer Klinikchefs Klaus Lieb, wird die gesamte Wirtschaft so funktionieren wie bereits jetzt Sportwettkämpfe wie die Tour de France: Wenn alle gedopt sind, dann hat man selbst praktisch keine Wahl mehr.

Einstweilen sind die Antworten auf die eingangs gestellten Fragen zu Drogenkonsum und -politik doch ziemlich ernüchternd: Der eigenverantwortliche Konsument existiert, kommt aber im Betäubungsmittelgesetz nicht vor. Die bei weitem folgen-schwerste Droge wird subventioniert, ihre Folgen totgeschwiegen. Kiffer und Raver werden kriminalisiert und konsumieren oft notgedrungen Substanzen minderer, weil nicht kontrollierter Qualität. Öffentliche Informationen über Verhaltensregeln etwa bei Mischkonsum finden nicht statt, stattdessen verpulvern die Regierungen des Westens Abermilliarden an Steuergeldern, um an den Ufern Spaniens, an Polens Ostgrenze oder in Mexiko einen „War on Drugs“ zu führen, den sie nur verlieren können.

Die Alternative – Drogenabgabe unter Kontrolle und mit Beratung – findet kaum öffentlichen Widerhall, dabei ist die jetzige Praxis allein finanzpolitisch ein Fiasko und die Geschichte der Heroinsubstitution, allen Widerreden, Hindernissen und Verzögerungen zum Trotz eine Erfolgsstory.

Warum also leiten wir nicht endlich eine Legalisierungsphase ein, die ganz offensichtlich für alle Beteiligten besser ist, mal abgesehen von Dealern? Vielleicht denken die Pillen-User im Berghain und anderswo ja ohnehin, dass sich das Problem bald von selbst lösen wird. Weil die Generation Merkel-Dyckmans-Seehofer-etc. bald abtritt. Und kommende Eliten vermutlich sehr viel pragmatischere Einstellungen zum Drogenkonsum haben.

Und zum Schluss: ein wenig California Dreaming

In Kalifornien, dem Mutterland der Gegenkultur, sind die Befürworter völliger Freigabe schon fast in der Überzahl – 46,0 Prozent der (wählenden) Bevölkerung, wie wir seit dem 2. November 2010 wissen. Mit einer Mehrheit von 54,0 Prozent wurde zwar an diesem Tag „Proposition 19“ per Referendum abgelehnt, ein Antrag, der die weitestgehende Cannabis-Legalisierung aller Zeiten in einem westlichen Land bedeutet hätte. Besitz und Anbau wären für Erwachsene erlaubt worden, der Verkauf sollte zudem staatlich besteuert werden – in einem Land, das so pleite ist wie Kalifornien, ein gewichtiges Argument, stellten doch Experten Steuereinnahmen von 1,4 Milliarden Dollar pro Jahr in Aussicht.

Umfragen hatten die Befürworter von „Prop 19“ lange vorn gesehen. Am Ende, sagen Insider, gab Arnie den Ausschlag. Gouverneur Schwarzenegger, selbst ein erklärter Gegner der Freigabe, hatte einen Monat vor der Abstimmung ein Dekret unterzeichnet, das für den Besitz von bis zu 28,3 Gramm Marihuana eine Höchststrafe von 100 Dollar sowie keinerlei gerichtliche Schritte vorsieht – bislang gab es in Kalifornien rund 60.000 Prozesse jährlich wegen Besitzes geringer Cannabis-Mengen. Ein schlauer Zug: Der Leidensdruck war mit einem Mal weg.

Der Hanf-Unternehmer Richard Lee, maßgeblicher Initiator von „Prop 19“, wertete das Referendum dennoch als Erfolg. Die Unter-30-Jährigen hätten klar mit „Yes“ gestimmt, insofern sei ein generationenübergreifendes Ja nur noch eine Frage der Zeit. In San Francisco übrigens – der Stadt, in der im Januar 1967 zehntausende Kiffer und LSD-Fans beim „Human Be-in“-Happening die Hippie-Bewegung begründeten – lag die Zustimmung schon jetzt bei 63,1 Prozent. Ein für unmöglich gehaltener Traum mit absoluter Mehrheit.

Grafik: Drogen in Deutschland – die Umfrage

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