Der Stoiker: Zum Tod von Steely-Dan-Musiker Walter Becker


Der Erfolg, den Steely Dan für eine kurze Weile hatten, war ein Missverständnis: „Do It Again“ und „Rikki Don’t Lose That Number“ sind Songs mit einem eleganten, geschmeidigen Groove, mit Chorus und Chören, und sie katapultierten Walter Becker und Donald Fagen in die Region der Eagles, der Allman Brothers Band, von Billy Joel und Bruce Springsteen. Es waren die 70er-Jahre, alles war möglich. Als aber von „Aja“ 1977, einer kontemplativen, wie Samt fließenden Platte, fünf Millionen Exemplare verkauft waren, erlaubten sich Becker und Fagen den Luxus, ihrem Drang zur Perfektion und ihrem Hang zu reinem Kokain, Heroin und feinem Cuervo nachzugeben, und sie sangen darüber. Für die acht Stücke von „Gaucho“ brauchten sie drei Jahre, und als das Album erschien, war ihre Partnerschaft beendet.

Sie hatten sich 1967 am Bard College im Staat New York kennengelernt. Becker stammte aus Queens, Fagen aus Passaic, New Jersey. Es war sofort eine Lebensfreundschaft: Beide liebten die Literatur, den Jazz und die Soul Music, beide waren Außenseiter und Zyniker und Frauenliebhaber, und beide machten keine halben Sachen. Becker spielte Bassgitarre, Fagen spielte Klavier. Sie wurden Auftragssongschreiber in New York, als es das gerade noch gab, durften den Soundtrack für einen Schundfilm schreiben und spielten in Bars. Dann gingen sie nach Los Angeles, stellten eine Band zusammen, nannten sie Steely Dan, bekamen einen Plattenvertrag und adaptierten auf „Can’t Buy A Thrill“ (1972) den Westcoast-Sound so gut, dass andere Bands sie adaptierten. Die Band schrumpfte schnell, „Countdown To Ecstasy“ (1973) war nicht das, was ABC Records wollte, und Becker und Fagen machten brillante Kompromisse. Ihre Musik ist ein Paradox: algebraischer Rhythm’n’Blues, der Pop ist.

Walter Becker und Donald Fagen 1977

Man weiß nicht, was genau sie auseinanderbrachte, als sie „Gaucho“ aufnahmen. „Babylon Sisters“ und „The Glamour Profession“ sind sehr seltsame, wie in Zeitlupe ablaufende Stücke – Fagen soll am Ende allein wahnhaft im Studio gearbeitet haben. Während er 1982 die Soloplatte „The Nightfly“ veröffentlichte, zog sich Becker nach Hawaii zurück, gab sein Geld für Drogen aus und produzierte Platten für das New-Age-Musik-Label Windham Hill. Donald Fagen hörte nie auf, Postkarten an den Freund zu schreiben.

Wie Waldorf und Statler

1993 wirkte Becker an Fagens „Kamakiriad“ mit, umgekehrt half der Gefährte bei Beckers Album „11 Tracks Of Whack“ (1994), einer sehr losen Angelegenheit zwischen Reggae, Mantra und Luft. Sie gingen dann wieder als Steely Dan auf Tournee, obwohl sie Konzerte nie gemocht hatten, brachten ein Live-Album heraus und veröffentlichten im Jahr 2000 „Two Against Nature“, als wäre nie etwas anderes gewesen als Steely Dan. Es gibt einen Konzertmitschnitt aus dieser Zeit samt Gesprächen zwischen Becker und Fagen, in dem sie wie Waldorf und Statler darüber spötteln, wie unbeliebt sie bei den Musikern seien, weil sie sie niemals zufrieden sind und die meisten Studiovirtuosen entließen. Sie schäkern mit ihren liebsten Background-Sängerinnen. Sie fragen die Musiker, die geblieben sind, was die anderen Musiker über sie sagen. Na, nichts Gutes! 2003 erschien „Everything Must Go“: Damals glaubte man, dass noch viele Platten vor ihnen lagen. Aber es war die letzte Platte von Steely Dan. Becker stand bei Konzerten im Hintergrund, in der Nähe der Bläser, und spielte stoisch den Bass.

Chris Walter WireImage


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