Die 10 besten TV-Serien im Herbst und Winter 2016/2017


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4. One Mississippi

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Die Mutter gestorben, eine lebensgefährliche Krankheit überstanden, eine Liebe verloren, dann auch noch Krebs bekommen: Aus einem Horrorjahr hat Tig Notaro eine brillante Komödie über Familie, Loyalität und den täglichen Kampf ums Überleben gemacht.

ig Notaros privatem Drama vielleicht bereits in den Klatschspalten gelesen: Im Frühjahr 2012 wurde sie von einer lebensgefährlichen Infektion heimgesucht, die ihren gesamten Verdauungstrakt paralysierte. Kurz darauf verstarb ihre Mutter. Eine Langzeitbeziehung ging in die Brüche. Dann kam die Diagnose, dass sie Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium habe. Eine doppelte Brustamputation und endlose Chemotherapie-Sitzungen folgten.

Als sie zu diesem Zeitpunkt, im Oktober 2012, im Alternative-Comedy-Mekka Largo in Los Angeles auftrat, war sie mit ihrem emotionalen Latein am Ende. Glänzte Notaro gewöhnlich mit süffigen Beobachtungen und abgedrehten Assozia­tionen, eröffnete sie ihr Programm diesmal mit einer befremdlichen Ankündigung: „Hello. Good evening. I have cancer. How are you?“ Was folgte, war ein halbstündiger Amoklauf, in dem sie alles rausließ, was sich in ihrem Kopf angestaut hatte. Notaro, bislang ein Geheimtipp von Comedy­nerds, war über Nacht der Star geworden, auf den die Szene offensichtlich gewartet hatte.

Wie viele Tigs gibt es?

Als ich sie in einem Boutique-Hotel in Manhattan treffe und auf ihren Amoklauf anspreche, legt sie die Stirn in Falten. „Es war anscheinend genau das, was die Leute hören und kaufen wollten – und was zufälligerweise auch das war, worüber ich just in diesem Moment sprechen wollte. Wobei es durchaus eine Weile dauerte, bis alle Blasen an die Oberfläche stiegen. Die Serie ist nun so etwas wie der Schlusspunkt dieser Phase.“

„One Mississippi“, Notaros sechsteilige Serie, die gerade bei Amazon Prime läuft, arbeitet die Jahre in ihrem Leben auf, in denen eine Hiobsbotschaft die nächste jagte. Die Reise beginnt mit einem Besuch in den Südstaaten, wo ihre Mutter gerade im Sterben liegt. Die Chronologie der Ereignisse wurde dabei leicht verändert, aber „85 Prozent sind real, vor allem im Pilotfilm. Und selbst im Rest beruhen die einzelnen Elemente durchaus auf wahren Begebenheiten. Schon die Hauptfigur Tig zu nennen … Ich meine, wie viele Tigs gibt es wohl auf dieser Welt? Es ist meine wahre Geschichte, aber gleichzeitig auch Fiktion.“

Natürlich war ihr klar, dass sich die Zuschauer ihrer semibiografischen Story grundsätzlich eher auf das „Biografische“ stürzen würden, um dann das „semi-“ schnell unter den Teppich zu kehren. Mit der Geschichte einer Frau, die in Missis­sippi zur Welt kam, in Los Angeles Comedykarriere macht, eine Krebserkrankung überlebt, sich offen zu ihrer lesbischen Beziehung bekennt und den Tod ihrer Mutter verarbeitet, wollte sie aber von vornherein „die Grenzen verwischen“. Als Amazon bei ihr anklopfte, hatte Notaro zum gleichen Thema bereits ein Buch („I’m Just A Person“) und eine Filmdokumentation („Tig“) veröffentlicht. In der Serie wollte sie deshalb weniger die nackten Tatsachen aufarbeiten, als die Essenz ihrer Erfahrungen zu thematisieren.

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In Louis C.K., der ihren Largo-Auftritt auf seiner Website veröffentlicht hatte, fand sie schnell einen geistesverwandten Kollegen, der den Pilotfilm produzierte. Drehbuchautorin Diablo ­Cody, die sie seit Jahren verehrt („Zusammen mit meiner Frau habe ich ihren Film ,Young Adult‘ mindestens ein Dutzend Mal gesehen“), griff ihr beim Script unter die Arme. In dieser ersten halben Stunde lernen wir die fiktive Tig kennen, ihre Lebens­partnerin (gespielt von Casey Wilson), den infantilen Bruder (Noah Harpster), den verklemmten Stiefvater (John Rothman) sowie – in Form von Rückblenden – auch ihre unorthodoxe Mutter (Rya Kihlstedt). Im Vergleich zu den anderen Piloten, die Amazon 2015 an den Start schickte, spielte „One Mississippi“ in einer eigenen Liga.

Absurd, aber lustig

Nachdem man der Serie grünes Licht gegeben hatte, wurde ein erfahrener Produzent gesucht, der sich als Showrunner um die komplette Umsetzung kümmern sollte. Kate Robin, die mit „Six Feet Under“ an einem ähnlich tragikomischen Stoff beteiligt war, hatte von dem Projekt zum ersten Mal aus der Zeitung erfahren. „Tig und Diablo schreiben das Script, (Indie-Filmemacherin) Nicole Holofcener führt Regie – aber hallo, das sind doch genau meine Leute!“, erinnert sie sich. „Ich rief umgehend meinen Agenten an, der mich erst einmal auf den Teppich zurückholen musste: ,Nun mal langsam, Mädchen, es ist doch nur ein Pilotfilm!‘ “ Doch da Robin mit Amazon noch an anderen Projekten arbeitete, kam man schnell auf „One Mississippi“ zu sprechen – „und wenig später sitze ich mit Tig in ihrem Wohnzimmer zusammen, um über die optimale Tonalität der Serie zu sprechen. Da zwischen uns alle möglichen Möbelstücke stehen, müssen wir uns geradezu anschreien, was absurd und peinlich war, aber irgendwie auch lustig. Und in diesem Moment wurde mir klar: Okay, aus dieser Idee kann man wirklich noch mehr machen.“

Nachdem Robin als Showrunner in Amt und Würden war, setzten sich die beiden Frauen erneut zusammen und überlegten, wie man den Stoff des Piloten – und damit auch Notaros Lebens­geschichte – verlängern und abstrahieren könnte. Oft genug, so Notaro, habe sie den Drehbuchautoren wahre Begebenheiten erzählt, nur um dann gleich wieder zu bremsen: „ ,Das erzähle ich nur, um euch den Kontext zu liefern. Das ist wirklich passiert, aber ich möchte nicht, dass ihr das fürs Drehbuch verwendet. Das ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.‘ Ich habe kein Interesse an einer Serie, in der Dinge ans Licht gezerrt werden, die für den Betreffenden brutal und schmerzhaft sind. (Sie schlägt einen selbstgefälligen Tonfall an.) ,Genau so ist es nun mal passiert – und deshalb erzähle ich jetzt die ganze Wahrheit, auch wenn du danach die Scherben deines Lebens zusammenkehren musst.‘ Keine Sorge, Leute, das ist nicht mein Ding!“

Gleichzeitig gab es aber auch Elemente, auf die sie unter keinen Umständen verzichten mochte. So wollte sie unbedingt ihre Sicht der Südstaaten einbringen, die eben nicht nur von unbedarften Bauern („All das zeigen wir dann in der zweiten Staffel“, sagt sie schelmisch) und rassistischen Rednecks bevölkert werden. („Ich gehe jede Wette ein: Die Konföderiertenflagge finden Sie in Upstate New York genau so oft wie im Süden.“)

Die beiden TV-Väter – Stiefvater und biologischer Erzeuger – kommen ihren realen Vorbildern allerdings ziemlich nah. „Mein leiblicher Vater, der am Ende der Dreharbeiten starb, behaup­tete steif und fest, dass er zur ,Mississippi Mafia‘ gehört habe. Die Zuschauer halten das vielleicht für ein cartoonhaft überzeichnetes Element, doch er hatte tatsächlich immer eine Knarre und ein Messer in seinen Stiefeln. Jedenfalls ist das eines der Elemente, bei denen ich klipp und klar sage: Nein, aus der Luft gegriffen ist das nun wirklich nicht. Und wer meinen Stiefvater kennt … Als er den Piloten sah, sagte er nur: ,Superjob, Tig! (Pause) Aber das ist doch alles fiktiv, oder?‘ Klar doch … Reine Fiktion …“ Sie rollt mit den Augen und kichert in sich hinein.

Man lässt den Leichnam liegen

Doch vor allem eine Heraus­forderung lag ihr am Herzen, so Notaro: Die Erfahrung, einen geliebten Menschen in den Tod zu begleiten, wollte sie so realistisch darstellen wie nur eben möglich. Als die TV-Tig merkt, dass ihre Mutter nicht mehr atmet, wird sie von einer körperlichen Lähmung überfallen. Sie hat nicht die leiseste Ahnung, wie sie auf den physischen Tod reagieren soll. „Ja, das ist die wichtigste Szene für mich“, sagt sie. „Man lässt den Leichnam einfach liegen. Jemand ist am Endpunkt seiner Existenz angekommen – und man lässt ihn da einfach liegen! Als meine Mutter starb, fragten mich ein paar Leute: ,Und, konntest du spüren, dass ihr Geist noch im Zimmer schwebte?‘ Nein, denn sie war offensichtlich bereits hirntot. Ich weiß ja nicht mal, ob sie mich überhaupt sprechen hörte. Aber es war trotzdem ein gutes Gefühl, diese Worte noch aussprechen zu können.“

Sie hält einen Moment lang inne. „Die Leute haben mich auch gefragt, ob es eine kathartische Erfahrung gewesen sei, diese Szene in der Serie wieder aufleben zu lassen. Das war es. Wobei es durchaus Momente gab, in denen ich fix und fertig war. Zuzusehen, wie eine Schauspielerin deine Mutter beim Sterben spielt – das ist schon hart. Trauer funktioniert nun mal nicht auf einer logischen Ebene. Es ist ein Kapitel, das nie abgeschlossen sein wird.“

„Wobei es aber auch eine wunderbare Erfahrung war, das Projekt zu verwirklichen“, fügt sie schnell an. „Ich musste das Script zum Piloten schreiben, auf das Resultat warten, dann auf die Entscheidung warten, ob man daraus eine Serie machen würde, mich um die restlichen Folgen kümmern … Und dazwischen verstrich so viel Zeit, dass die Geschichte am Ende einen ganz neuen Dreh bekam. Es gibt sicher so einige Leute, die dachten: Ich kenne Tigs Geschichte doch längst, ich weiß, wie es ausgeht. Aber sie wissen es eben nicht. Nicht mal ich selbst wusste, wie die Geschichte ausgehen würde.“

David Fear

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