Search Toggle menu

Die 50 besten deutschen Alben I (Platz 50-36)

Musik gilt als universelle Sprache, warum also sich auf ein Land beschränken? Weil vieles, was in diesem Land produziert wurde, traditionell nicht auftaucht in den diversen Bestenlisten. Teilweise zu Unrecht, wie wir finden. So entstand die Idee, mit einer breit aufgestellten Jury von Leuten aus allen Bereichen (Auflistung siehe unten) zu ermitteln, was bleibt aus vier Dekaden deutscher Popkultur. Denn eine Pop-Liste ist es überwiegend geworden, trotz vereinzelter Nennungen alter Schlager und Liedermacher. Einige wollten oder konnten nicht teilnehmen, doch am Ende kann sich die Jury absolut sehen lassen.

Die Ergebnisse zeigen: Es gibt einen großen popmusikalischen Grundkonsens in diesem Land. So werden die Errungenschaften der experimentellen Krautrock-Elektronik und der Hamburger Schule wie immer am höchsten bewertet. Nur ein Nischendasein führt dagegen der Deutschrock: kein Westernhagen, keine Platte von Bap etc. pp. Wenige Nominierungen gab es auch im Bereich des sogenanten Ost-Rock. Feeling B, Silly und andere wurden selten genannt, trotz der Teilnahme mehrer ostsozialisierter Experten.

Unsere Liste hat natürlich auch eine Debatte über vermeintlich Fehlendes oder zu Unrecht Genanntes losgetreten. So tagt bereits in unserem wie immer sehr lebhaften Forum eine eigene Jury, an der man sich als Forumsmitglied hier beteiligen kann.

Zudem haben wir aus dem Juryergebnis eigene Schlüsse gezogen und an dieser Stelle dazu aufgerufen, etwas gegen die unterpräsentierte Musik aus dem Gebiet der neuen Bundesländer zu tun. Näheres dazu an dieser Stelle.

Doch lesen Sie selbst, wie sich unsere Jury entschieden hat – bei der wir uns ausdrücklich bedanken möchten. Die Teilnehmerliste sowie ein Gewinnspiel zur Aktion findet sich am Ende des Artikels.

#50
Blumfeld
Testament der Angst
2001 Eastwest/Warner

Teile der Hornbrillen-Fraktion, die alles durchdenken und diskutieren musste, waren abgewandert, Jochen Distelmeyer (der im „Graue Wolken“-Video den Lehrer spielt) machte weiter, mit klarsichtigem Depri-Folk („Der Wind“), dem Blues zum Untergang („Anders als glücklich“) und einem Abendlied von Hanns Dieter Hüsch. Es endet tödlich? So isses!

#49
Die Ärzte
Die Bestie in Menschengestalt
1993 Metronome/Universal

„Die beste Band der Welt sucht eine Plattenfirma“, so lautete 1993 der unbescheidene Text einer ganzseitigen Anzeige in der Zeitschrift „Musikmarkt“. Das Comeback der bisherigen Funpunk-Band geriet nach fünf Jahren Abstinenz zum Triumphmarsch: Mit „Schrei nach Liebe“, dem energischen Ausrufezeichen der Ärzte gegen Rechtsextremismus („Arschloch!“), landete die Band ihren größten Hit, mit diesem Album reiften sie endgültig zur Institution.

#48
Einstürzende Neubauten
Kollaps
1981 ZickZack

Der Legende nach lärmten Blixa Bargeld, N.U. Unruh und FM Einheit damals noch unter einer Autobahnbrücke. Ihr Equipment stahlen die Musiker im Baumarkt und auf Schrottplätzen zusammen, einer hatte immerhin eine alte Gitarre. So gelang nicht weniger als die Geburt des Industrial, destilliert aus Untergangsszenarien und tiefschwarzen Studien vom Zerfall. Die Blaupause für Nine Inch Nails und zahlreiche andere.

#47
Heinz Rudolf Kunze
Reine Nervensache
1981 WEA

Kunzes Debüt war eine kleine Sensation. Zu Beginn der Neuen Deutschen Welle orientierte er sich an Franz Josef Degenhardt und Randy Newman, seine „Bestandsaufnahme“ der Gegenwart fiel niederschmetternd aus, doch setzte er der grausamen Sozialkritik auch Temperamentvolles wie „Wir leben alle im Erdgeschoss“ und die scheinbar leichte „Romanze“ entgegen. „Inhomogen“ nennt Kunze selbst diese Sammlung von Songs, doch gerade das ist ja das Reizvolle. Und manche seiner Reime werden ewig bleiben: „Zum Beispiel, dass man beinah nichts/ Bekommt, wenn man nicht zahlt/ Dass niemand jemand irgendetwas/ Glaubt, wenn man nicht prahlt/ Auch wenn der pünktlich Gereifte/ Mich laut dafür verhöhnt/ Noch hab‘ ich mich an nichts gewöhnt.“

#46
Udo Lindenberg
Ball Pompös
1974 Telefunken

Auf seinem dritten deutschsprachigen Album formulierte Udo Lindenberg endgültig aus, was er auf „Daumen im Wind“ und „Andrea Doria“ bereits angedeutet hatte – und später immer wieder variierte. Nie wieder rührte er so zu Tränen wie in „Bitte keine Love-Story“, selten sprach er uns so aus dem Herzen wie in „Cowboy-Rocker“. „Ball Pompös“ lebt von einem einmaligen Timing, einer fulminanten Beobachtungsgabe und – ja, auch das! – einer überbordenden Musikalität. Ein deutscher Klassiker.

#45
Fischmob
Männer können seine Gefühle nicht zeigen
1995 Plattenmeister

50.000 verkaufte Alben – und das ohne Marketing-Strategie! Die Flensburg-Hamburg-Connection um DJ Koze und den Schrecklichen Sven schaffte 1995 auf ihrem ungehobelten Debüt nicht nur den Spagat zwischen Proll-Albernheiten und politischem Anspruch, sondern auch zwischen HipHop/Crossover und Ambient. Wegweisend!

#44
Tocotronic
Kapitulation
2007 Universal

Das ehrliche Arbeiten, das Mühen, das Ächzen und der heilige Fleiß: Alles nichts wert gegen den richtigen Zauberspruch! Aus Faulheit, Melville, Agamben, Sonic Youth und Sinnestäuschungen enstand ein sanftes Manifest der Missbilligung, das auch jene Hörer mit der Band versöhnte, die Dirk von Lowtzow schon wehmütig in den Märchenwald verabschiedet hatten.

#43
Abwärts
AmokKoma
1980 ZickZack

Abwärts spielten die wütende Dringlichkeit des frühen Punk-Rock gegen das zackig-kühle Gitarrensägen des New Wave aus – also quasi Amok(-lauf) vs. (Gefühls-)Koma. Frank Z. und der spätere Einstürzende-Neubauten-Schlagzeuger FM Einheit zeigten in diesem Spannungsfeld, was alles möglich sein kann, wenn man nur die Bierseeligkeit des deutschen Punk-Rock hinter sich lässt. Post-Punk made in Germany sozusagen – und das kaum später als die vergleichbaren Strömungen in England und den USA.

#42
Franz Josef
Degenhardt
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern
1965 Polydor

Ein Sittengemälde der Bundesrepublik Wirschaftswunderdeutschland, Mitte der 60er-Jahre, dessen Titel längst ein geflügeltes Wort geworden ist. Der Bänkelsänger mit der schneidenden Stimme und der kräftig gezupften Gitarre rückt drei Jahre vor der Studentenbewegung der Spießigkeit und den nur teilweise versteckten Nazismen mit Spott, Witz und surrealer Poesie zu Leibe. Singt gegen Atomkrieg, Klassengesellschaft und Vietnam. Bis heute ist Degenhardt unser sprachmächtigster Dichter. Er fand (fast) immer die richtigen Bilder, beeinflusste die nachfolgenden Generationen von Hannes Wader bis Gisbert zu Knyphausen. Und seine Lieder sagen mehr über deutsche Nachkriegsgeschichte und Gegenwart als die gesammelten Werke der Gruppe 47. Ein historisches Dokument und zugleich ein Werk, das heute immer noch Geltung besitzt. Auf dieser Platte sind 13 Lieder, die auch heute noch an den Halsspeck gehen.

#41
Fischmob
Power
1998 Plattenmeister

So experimentier-wütig und lustig wie bei den Hamburgern von Fischmob war deutscher HipHop nur selten. DJ Koze und seine Freunde drehten mit so illustren Gästen wie „Magnum“-Synchronsprecher Norbert Langer, J Mascis sowie Dendemann, Smudo und einigen anderen auf und durch. Songs für die Ewigkeit auf „Power“ sind unter anderem: das schrammelige „Johnny“ sowie das eklige „Dreckmarketing v. 1.7“ und natürlich der trippige Love-Song „Du (äh, du)“ mit Gastbeitrag von „Herzblatt“-Susi. „You can buy a dream or two“? You bet!

#40
Blumfeld
Ich-Maschine
1992 ZickZack

Das Gründungsdokument des Diskurs-Pop, die Platte, die der deutschen Sprache einen neuen lyrischen Klang gab und aus uns allen wieder Dichter und Denker machte, die zeigte, dass politisch gedachter Pop sich nicht in der Parolenhaftigkeit von Ton Steine Scherben oder dem Agritprop von Fehlfarben erschöpfte. Distelmeyer dachte alles zusammen: Pop und Kulturindustrie, Linkssein und Liebe.

#39
Tocotronic
Tocotronic
2002 L’Age D’Or

Das „weiße Album“ tilgt das Indie-Rock-Gerumpel aus dem Repertoire, macht Platz für offene Pop-Architekturen, eine Poetik des Sehnens, eine Ästhetik des Vagen. „Ein Scherz im Labyrinth der Unvernunft macht uns gesund“, reimt Dirk von Lowtzow in „This Boy Is Tocotronic“ – bevor sich die Band zwischen Roxy Music und Prefab Sprout häuslich einrichtet.

#38
Gisbert zu Knyphausen
Gisbert zu Knyphausen
2008 PIAS

Der Mann mit dem schwurbeligen Namen hastet auf seinem ersten Album durch furiose Songs und bizarre Lyrik, die keinen Unterschied kennt zwischen Poesie, Alltagssprache und Witzelei. Doch sind Knyphausens Songs weder zerquält noch bedeutungsschwanger: Einsamkeit, Entfremdung, Beziehungsknatsch und Weltuntergangsstimmung fließen bei ihm zu einer erhebenden Trübseligkeit zusammen – und der Songschreiber weiß durchaus um sein Pathos der Gefühligkeit. „Erwischt“, „Seltsam durch die Nacht“, „Gute Nachrichten“, „Der Blick in deinen Augen“: Gisbert zu Kynphausen ergänzt das Liebeslied um merkwürdige Abschweifungen zu Nebenschauplätzen und putzige Aphorismen, wirft auch mal ein „scheißegal“ ein. Der damals 28-jährige Musiker aus einer hessischen Adelsfamilie (die Wein keltert) fand bereits übers Netz glühende Verehrer.

#37
Ton Steine Scherben
Warum geht es mir so dreckig?
1971 David Volksmund

Im Jahr zuvor hatten Ralph Möbius (Rio Reiser) und Peter Seitz (R.P.S. Lanrue), die damals noch unter ihren bürgerlichen Namen agierten, zusammen mit Wolfgang Seidel und Kai Sichtermann Ton Steine Scherben gegründet. „Warum geht es mir so dreckig“ war dann das erste ernstzunehmende Statement der Scherben – und damit der deutschsprachigen Rockmusik. Rio Reiser hatte Antworten auf die im Titel gestellte Frage: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Ich will nicht werden was mein Alter ist“, „Mein Name ist Mensch“. Songs, ach was: Slogans für die „Genossen“ auf der Straße, die damals keine Radiostation spielte und kein Label veröffentlichen wollte – weshalb die Band selbst eines gründete. Tragik am Rande: Natürlich wären die Scherben auch ganz gerne die deutschen Rolling Stones geworden. Doch die Szene entließ sie nicht aus der politischen Verantwortung. Die musikalische Würdigung von Ton Steine Scherben setzte erst später ein.

#36
Tocotronic
K.O.O.K.
1999 L’Age D’Or

Die lange Wartezeit auf „K.O.O.K“ sah den Meisterschülern gar nicht ähnlich. Als das Raumschiff schließlich landete, waren Tocotronic perfekt frisiert und in Schwarz gewandet. Zu hören gab es schlaufenförmigen Postrock („17“), fremde Schatten und Protestsongs durch die Milchglasscheibe („Das Unglück muss zurückgeschlagen werden“). Die notorische Cordhosen-Fraktion maulte.

Alle genannten CDs sind auf amazon.de/rollingstone50 erhältlich.

Die Plätze 35-21 folgen in der kommenden Woche. Wir verlosen zu jedem Online-Feature in Zusammenarbeit mit amazon.de ein Überraschungspaket bestehend aus 8 CDs aus dieser Liste.

Wer mitmachen will, der beantworte unten stehende Frage und schicke eine Mail mit dem Stichwort „Die 50 besten Alben“ an verlosung@www.rollingstone. Bitte die Postadresse angeben:

Gewinnfrage: Wie heißt die Dame, die im Fischmob-Song „Du (äh, du)“ einen charmanten Gastauftritt hat?


Die Jurymitglieder:

René Arbeithuber (Musiker, Slut), Andreas „Bär“ Läsker,(Manager, Die Fantastischen Vier) Blixa Bargeld (Musiker, Einstürzende Neubauten), Edgar Berger (CEO Sony Music Germany), Maik Brüggemeyer (Rolling Stone), Christoph Dallach (Redakteur, „Kulturspiegel“), Max Dax (Chefredakteur, „Spex“), Jan Delay (Musiker), Bernd Dopp (Chairman & CEO Warner Music Central & Eastern Europe), Willy Ehmann (Music Man, Sony), Christof Ellinghaus (Labelbetreiber, City Slang), Caroline Frey (Chefredakteurin, „unclesally’s“), Birgit Fuß (Rolling Stone), Max Gösche (Rolling Stone), Beat Gottwald (Manager, K.I.Z. u. a.), Thomas Groß (Journalist, „Die Zeit“), Torsten Groß (Rolling Stone), Anne Haffmanns (Label-Manager, Mute/Domino), Olaf Heine (Fotograf), Joachim Hentschel (Rolling Stone), Birgit Heuzeroth (Label-Manager, Beggars Group), Alfred Hilsberg (Labelchef, What’s So Funny About), Klaus Kalaß (Rolling Stone), Schorsch Kamerun (Musiker, Autor, Theaterregisseur), Andrian Kreye (Redakteur, „Süddeutsche Zeitung“), Albert Koch (Redakteur, „Musikexpress“), Daniel Koch (Rolling Stone), Eric Landmann (Manager, Beatsteaks u. a.), Udo Lange (Musikmanager), Daniel Lieberberg, (Label Head Rock/Urban, Universal Music Domestic), Tom Liwa (Musiker, Flowerpornoes), Anna Loos (Schauspielerin und Musikerin), Mark Löscher (Head of Four Music & Columbia), Marteria (Musiker), Maxim (Musiker, K.I.Z.), Mathias Modica (Musiker, Munk), Uli Mücke (Head of New Music, EMI Germany), Wolfgang Niedecken (Musiker, BAP), Patrick Orth (Manager, Die Toten Hosen), Eric Pfeil (Journalist, u.a. „FAZ“), Dennis Plauk (Chefredakteur, „Visions), Jan Plewka (Musiker, Selig), Peter Radszuhn (Musikchef, Radio Eins), Tobias Rapp (Redakteur, „Der Spiegel“), Stephan Rath (Manager, Tocotronic), Stefan Reichmann (Labelbetreiber und Konzertveranstalter, Haldern Pop), Tim Renner (Unternehmer, Motor), Kiki Ressler (Konzertveranstalter, KKT), Michael Rother (Musiker, Neu!), Norbert Schiegl (Redaktiosleiter, „Musikwoche“), Jörn Schlüter (Rolling Stone), Ruben Jonas Schnell (Journalist, „Byte FM“), Thorsten Seif (Geschäftsführer, Buback), Berthold Seliger (Konzertveranstalter), Frank Spilker (Musiker, Die Sterne), Carsten Stricker (PR-Fachmann), Stefan Struever (A&R-Manager, PIAS), Arnim Teutoburg Weiss (Musiker, Beatsteaks), Peter Urban (Journalist, NDR), Stephan Velten (Promoter), Uwe Viehmann (Freiberuflicher Missionar), Stefan Vogelmann (Managing-Director, Broken Silence), Linus Volkmann (Redakteur, „Intro“), Benjamin von Stuckrad-Barre (Journalist und Autor), Klaus Walter (Journalist und Radiomoderator), Richard Weize (Labelbetreiber, Bear Family), Klemens Wiese (Konzertveranstalter, DEAG), Jan Wigger (Journalist, u. a. „Spiegel Online“), Arne Willander (Rolling Stone), Jürgen Ziemer (Rolling Stone).


So arbeiteten die Beatles am „Weeping Sound“ für das White Album

Der Text zu Harrisons erstem großen Beatles-Song entstand aus einem Zufall. Harrison hatte den Großteil der Musik schon auf dem Indien-Trip von Februar bis April 1968 geschrieben, machte sich aber erst nach seiner Rückkehr auf die Suche nach den passenden Worten. Inspiriert von den Theorien des "I Ging" zog er im Haus seiner Eltern ein Buch aus dem Regal, schlug eine Seite auf und schrieb einen Text zu den ersten Worten, die ihm ins Auge fielen. Es war "gently weeps" - und stammte vermutlich aus dem Gedicht "Rain on the Roof" von Coates Kinney, in dem sich die Zeile befindet:…
Weiterlesen
Zur Startseite