Die Erfindung der WAGs: Wie Mode-Stars die WM 2006 übernahmen

Baden-Baden 2006: Victoria Beckham und ihre Entourage wurden größer als die Spieler. Die Geschichte, wie die britische Presse die WAGs erfand – und Google Discover liebt diesen Zeitgeist-Moment.

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Kurz vor dem Anpfiff der Fußball-WM 2026 am heutigen Donnerstag (11. 06.) überschlägt sich die britische Presse mit einem ganz besonderen Flashback. Vom gefürchteten Boulevard bis zum bildungsbürgerlichen „Independent“ blickt man zurück auf jenen Sommer, der in Deutschland als „Sommermärchen“ in die Pop-Historie einging.

Als die Ehefrauen die Schlagzeilen bestimmten

Die noble Kurstadt Baden-Baden bekam damals eine eigene Reality-Show. Englands Nationalmannschaft verfolgte im abgeschiedenen Luxus des „Schlosshotels Bühlerhöhe“ den Traum vom ersten großen Titel seit 1966. Wenige Kilometer entfernt spielte sich ein ganz anderes Spektakel ab.

Hier trugen die Stars jener Wochen keine Fußballschuhe, sondern Designerkleider, XXL-Sonnenbrillen und It-Bags. Victoria Beckham, Cheryl Tweedy und Coleen McLoughlin – später Rooney – verwandelten das Kurstädtchen in eine Mischung aus Fashion Week und Aftershow-Party.

Die UK-Tabloids erfanden für das Phänomen einen neuen Begriff: „WAGs“ – Wives and Girlfriends. Zwei Jahrzehnte später gehört das Kürzel längst zum globalen Trash-Vokabular. Jede Shoppingtour geriet zur Schlagzeile, jedes Restaurant-Dinner zur Breaking News. Die Spielerfrauen wurden von Fotografen verfolgt wie Madonna. England-Verteidiger Rio Ferdinand erinnerte sich später, die Frauen seien zeitweise „größere Stars als die Spieler“ gewesen.

Die Architekten des WAG-Phänomens

Victoria Beckham war als „Posh Spice“ Mitglied der Spice Girls und damit Teil einer der erfolgreichsten Popgruppen der 1990er-Jahre. 2006 war sie eine globale Celebrity-Marke. Cheryl Tweedy musizierte bei Girls Aloud – die Band gehörte Mitte der 2000er zu den größten Teenie-Acts auf der Insel. Als Freundin von Arsenal-Verteidiger Ashley Cole stand Cheryl damals auf dem Höhepunkt ihrer flüchtigen Popularität.

Kimberley Walsh, ebenfalls von Girls Aloud, war zwar keine WAG der Nationalmannschaft im engeren Sinne, schaute aber gerne bei der „Champagne Supernova“ vorbei. Coleen McLoughlin war keine Musikerin, sondern TV-Moderatorin und bereits vor ihrer Hochzeit mit Wayne Rooney ein Boulevard-Star. Abbey Clancy wiederum – später mit Mittelstürmer Peter Crouch – wurde erst in den folgenden Jahren zu einer der bekanntesten britischen WAGs, gehörte aber noch nicht zum Inner Circle.

Baden-Baden als Konsum-Festival

Baden-Baden schien zeitweise weniger Trainingslager als VIP-Festival. In den Luxus-Boutiquen klingelten die Kassen im Akkord. Zeitungen berichteten von Einkaufstouren, bei denen innerhalb einer Stunde Waren im Wert von rund 80.000 Euro über die Ladentheken gingen. Die lokale Wirtschaft hatte ihr Umsatz-WM-Wunderland gefunden.

Legendär wurden vor allem die Geschichten aus den Restaurants und Hotelbars. Ein Gastronom erzählte damals, er habe vorsorglich 700 Liter Bier nachbestellen müssen, nachdem Victoria Beckham und ihre Entourage regelmäßig vorbeischauten. Die englische Presse reagierte gleichermaßen fasziniert wie entsetzt und beschrieb die wilde Crew als „Hooligans mit Kreditkarten“.

Rückblickend wirkt die Episode wie ein Zeitdokument aus einer anderen Medienära. Instagram existierte praktisch nicht, TikTok war Science-Fiction, und Influencer waren noch keine Berufsbezeichnung. Statt eigener Kanäle bestimmten Paparazzi-Fotos und Boulevardtitel die öffentliche Wahrnehmung. Vielleicht erklärt genau das die anhaltende Faszination dieses WM-Kapitels.

Die WAGs von 2006 waren keine Influencerinnen im heutigen Sinne – sie wurden zu solchen gemacht. Von einer Medienmaschinerie, die plötzlich erkannte, dass sich Glamour, Fußball und Popkultur zu einem perfekt verwertbaren Spektakel verbinden lassen.

Sportlich endete das Turnier für England wie so oft: im Elfmeterschießen. Im Viertelfinale war gegen Portugal Schluss. Doch während David Beckham und seine Teamkollegen ohne Pokal abreisten, hinterließ ihre Entourage einen bleibenden Eindruck.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.

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