Die kecke Pionierin


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Jenny Lewis hat es weit gebracht: Sie schickte etwa Elvis Costello einfach eine E-Mail. Und der antwortet nicht nur. Kommt nicht nur vorbei, um mit ihr „Carpetbaggers“ fürs neue Album „Acid Tongue“ zu singen. Nein, der laut Lewis „incredibly humble“ Elvis bleibt auch gleich noch eine Woche länger in Van Nuys, Großraum Los Angeles, und nimmt mit ihr als Chor-Engel prompt das Bravourstück „Momofuku“ auf.

Dort, im Sound-City-Studio, waren schon Tom Petty („Damn The Torpedoes“) und Nirvana („Nevermind“) zugange, mit diesem alten Neve-Mischpult, dessen Update bzw. Auswechslung sich die Betreiber nie leisten konnten. Glücklicherweise. Denn jetzt ist es für ein „Live-Feeling“ mit Band, das auch Lewis für ihr zweites Solo nach „Rabbit Fur Coat“ wollte, längst wieder erste Wahl. „Diese Stimmung und Energie erreichst du im digitalen Rahmen einfach nicht“, schwärmt die Rilo Kiley-Sängerin. „Ich wünschte nur, wir hätten alle Songs auch gleich abgemischt. Denn unsere täglichen Roh-Mixe waren meist doch besser als die, die wir dann ganz am Schluss gemacht haben.“

Lewis lebt nach zehn Jahren im Hip-Viertel Silverlake seit kurzem im San Fernando Valley. Doch aufgewachsen ist sie in Van Nuys, und die Session, sagt sie, „hat mich auch gezwungen, auf meine Jugend zurückzuschauen. Weshalb es mir passend erschien, das auch mit ein paar Familienmitgliedern zu teilen“. Also sind neben Black Crowe Chris Robinson und Leon-Russell-Lookalike Benji Hughes, dessen Grabesstimme „Jack Killed Mom“ und „The Next Messiah“ ziert, auch Vater und Schwester dabei auf „Acid Tongue“. Dazu noch Jerry Cohen, ihr „godfather“ mit „neurotischen Tendenzen“, ein alter Freund ihrer Mutter, der Vibrafon spielt.

Das „Dixie“ im Titelsong, den Lewis wie einige andere auch schon für die 2006er-Tour mit den Watson Twins geschrieben hatte, steht denn auch nicht für den US-Süden, sondern für eine Straße und eine Grundschule in der alten Nachbarschaft, wo Jenny Lewis in Teenager-Tagen mit ihrer Clique öfter auf „psychedelic pilgrimage“ war, wie sie es nennt. Sex& drugs &…

Wenn das – bei all dem Rock’n’Roll – dieser Stadtrat von Los Angeles gewusst hätte! Vielleicht hätte er Jenny Lewis dann im letzten Jahr lieber doch nicht zur „Pioneer Woman“ gekürt, für besondere Verdienste etc. Und wie fühlt(e) sich das an? Lewis glüht auf. „It feels fucking fantastic! Der beste Tag meines Lebens! Ich liebe L.A. und verteidige es ständig, im echten Leben und in meinen Songs. Und es hat mich echt umgehauen. Zuerst dachte ich, da hat sich jemand vertan. Denn außer mir waren nur Lehrer, öffentlich Bedienstete und spendable Wohltäter da, von denen mich keiner kannte (lacht).“

Die Urkunde hängt gerahmt bei ihr an der Wand. Und möglicherweise kommt schon bald noch eine weitere hinzu, unterschrieben von einem gewissen Barack Obama. Als wir telefonierten, eine Woche bevor sie gen Denver abheben sollte, wusste Jenny Lewis noch nicht, welche Songs sie spielen würde, auf einer dieser kleinen Parties vor der großen Rede des Kandidaten bei der Nominierungsmesse der Demokraten. Und wie kommt sie an einen Gig wie diesen? Ziemlich einfach. „Ich hing backstage bei einem Konzert von Death Cab For Cutie rum, als plötzlich dieser Typ auf mich zukam und fragte, ob ich nicht Lust hätte, da zu spielen. Klar, hab ich gesagt. Wussten Sie schon, dass ich eine pioneer woman bin?“ Jetzt muss Jenny Lewis aber doch sehr lachen. Wie eine Frau eben, die es weit gebracht hat.

Jörg Feye