„Dracula“-Regisseur Luc Besson: „Gott wird Ihnen nicht antworten“

Luc Besson über „Dracula – Die Auferstehung“: Warum der Vampir kein Blut mag – und Liebe seine stärkste Macht ist.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Mit „Dracula – Die Auferstehung“ (Originaltitel „Dracula: A Love Tale“) bringt Regisseur Luc Besson am 30. Oktober 2025 ein romantisches Horror-Drama in die deutschen Kinos – ein Vampir-Film, in dem die Beziehung zwischen dem Grafen (Caleb Landry Jones) und seiner Mina (Zoë Bleu) im Mittelpunkt steht (und in dem dennoch Blut fließt). Wir trafen den französischen Filmemacher zum Interview.

Die Szene, in der Dracula von lüsternen Nonnen emporgehoben wird, erinnert an die Menschentürme aus Konzerten der 1990er, in denen Stars wie Madonna von hunderten Händen in die Lüfte gestemmt wurden. War das Ihre Inspiration?

Gute Idee, aber an solche Momente habe ich definitiv nicht gedacht. Ich arbeite jeden Morgen ab halb fünf, lege Musik auf – und die Inspiration ist wie ein seltsamer Nebel, man weiß es nie, ob er sich lüftet und Klarheit zum Vorschein kommt. Es hängt wohl davon ab, was man isst, auch von den Beziehungen zu anderen Menschen am Vortag. Und ich weiß nicht, warum ich plötzlich diese Vision von einer Szene habe, die erotisch sein soll, aber in der man überhaupt keine Haut sieht. Alle tragen Korsetts! Die Sinnlichkeit in dieser Szene entsteht aus dem Dilemma zwischen Gut und Böse.

Wie meinen Sie das?

Sinnlichkeit als einen Tanz auszudrücken. Alle Nonnen in den Szenen sind Tänzerinnen. Und ich möchte das wirklich haben, ich weiß nicht, ich möchte diese Art von Bewegung und dann Verrücktheit. Aber gleichzeitig ist es für Dracula ein Fest, weil er kein Blut mag.

Bitte was?

Er mag kein Blut. Und Mina Harker ist der einzige Mensch, den er will. Die Nonnen sind ihm nicht wichtig. Ich habe viel Musik bei der Konzeption dieser Orgie gehört.

Welche?

Das neue Album von Billie Eilish.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wie haben Sie sichergestellt, dass Mina Harker eine Art moderne oder feministische Figur wie Johanna von Orléans sein könnte, der Sie ja auch schon einen Film widmeten?

Das ist gar nicht meine Aufgabe. Ich bin Maler, ich male Bilder. Wenn man sich die Geschichte der Malerei ansieht … wie viele Maler werden schlecht bewertet und landen im Museum! Künstler sind immer da, um überall Türen zu öffnen, und sie haben nicht die Verantwortung für den Rest – die Interpretation. Ich denke nicht über solche Dinge nach.

Wer ist Mina für Sie?

Mina ist eine junge Frau und fühlt sie sich in dieser Gesellschaft, in dieser Zeit nicht wohl. Ja, sie gibt ihr Bestes: Sie hat einen Freund, Jonathan. Sie wird ihn vielleicht heiraten, aber sie fühlt sich nicht wohl, etwas stimmt nicht. Um den Bogen zur heutigen Zeit zu spannen: Man kann davon ausgehen, dass es viele junge Menschen gibt, die sich in der Gesellschaft, in die sie hineingeboren werden, nicht wohlfühlen, sei es aufgrund von Geschlecht, Alter oder anderen Faktoren. Mina sucht die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit und entdeckt, dass Dracula damals schon der Mann ihres Lebens war. Und seit 400 Jahren hat er nie jemand anderen geliebt als Mina. Reine Liebe.

Ist Dracula überhaupt böse?

Nein. Nein, ich glaube, Dracula ist von Gott enttäuscht. Weil er sehr an Gott glaubte. Aber manchmal verstehen wir nicht alles, wir verstehen die Zeichen nicht, die Gott uns sendet. Also hat jeder irgendwie diese Frage …wissen Sie, man geht jeden Sonntag in die Kirche und kommt zurück und der eigene Sohn ist tot. Was ist die Botschaft, ja, was könnte das sein? Gott gibt Ihnen keine Antworten.

Gibt es überhaupt noch eine Religion, an die wir glauben sollten?

Das ist eine sehr gute Frage, mein Freund. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Vielleicht die Liebe. Liebe ist etwas, über das wir nicht entscheiden, sie ist in unserer DNA, und wir alle werden aus Liebe geboren. Ja, niemand wird aus Geld geboren. Also, warum setzen wir die Liebe nicht an die erste Stelle? Alle sind heute so zynisch, schimpfen dich Weichling, wenn du romantische Gefühle offenbarst. Liebe ist immer noch das Schönste, was es gibt.

Wie wichtig war es für Sie, elementare Bram-Stoker-Szenen beizubehalten, etwa den Immobilienmaklerbesuch Jonathan Harkers im Schloss des Grafen?

Als ich das Buch las, war ich sehr beeindruckt von der Liebesgeschichte. Ich hatte völlig vergessen, dass sie so romantisch ist. Denn fast alle Versionen, die wir von „Dracula“ gesehen haben, waren Horrorfilme mit Blut und allem, was dazugehört. Ich denke, das liegt daran, dass es zur Zeit des Buches noch keine Filme mit Spezialeffekten gab. Sobald das Kino in der Lage war, Spezialeffekte zu inszenieren, waren sie von dieser brutalen Art von Geschichte angezogen, weil sie damit eine starke Wirkung erzielen konnten. Mit der Zeit haben sie vergessen, dass Dracula verliebt ist und seine Frau sehen will.

Wir verraten Ihr Film-Ende nicht, aber es unterscheidet sich von dem des Romans. So oder so: Mina wird Dracula immer mehr lieben als ihren Jonathan.

Ich finde das eigentlich sehr traurig, und es zeigt, dass Liebe sehr grausam sein kann, wenn sie nicht von dem erwidert wird, den man sehr liebt. Das stimmt. Wir fühlen uns so traurig für Jonathan, weil er sie wirklich liebt und sie ihn … mag. Sogar Dracula mag ihn.

Wie sollte Dracula Ihrer Meinung nach aussehen?

Ich arbeite mit einem Mann namens Patrice Garcia zusammen. Er ist Designer und ich hatte ihn 1995 für „Das fünfte Element“ engagiert, als er etwa 19 Jahre alt war. Es ist also eine lange Zusammenarbeit. Und er ist ein kleines Genie. Wir probieren alles Mögliche aus. Als Erstes entschieden wir uns für die Farbe. Das war Lila. Und danach … wissen Sie, ist es lustig, wenn man durch die Zeit wandelt, wie Dracula. Man kann sich nicht an Menschen binden, weil Menschen sterben werden. Dracula ist mehr an Kunst gebunden, weil Kunst nicht stirbt. Er liebt Musik, er liebt Seide, er liebt Schmuck, er ist ein Dandy, also ein lila Dandy. Das waren die beiden Dinge: Lila und Kunst. Das dritte Element ist die Zeit. Wenn man so lange lebt, hat man Zeit, also verlangsamt man sich.

Man schleicht vor sich hin?

Die Gesten, die Art, wie Dracula sich berührt, alles ist langsam. Das waren also die drei Elemente für mich: Lila, der Dandy und die Langsamkeit.

Christoph Waltz heißt hier nicht Van Helsing, aber als jagdfreudiger Priester ist er eine Van-Helsing-Figur.

Zunächst einmal liebe ich ihn als Schauspieler, daher war es für mich ein Traum, mit ihm sprechen zu können und ihm zu sagen, dass er die Rolle spielen soll, aber diese Art von … die Schauspieler sind so gut, dass das Drehbuch zwar auch gut sein kann, sie wollen aber immer wissen, mit wem sie kämpfen werden. Also bin ich nach Berlin gefahren und habe ihm meinen Film „Dogman“ gezeigt. Er war sehr beeindruckt von Caleb Landry Jones, den ich nun als Dracula besetzen würde. Christoph hatte großartige Ideen für seine Figur. Ohne die richtigen Schauspieler kommt man nicht weit mit seiner Geschichte. Man kommt auf 60 bis 70 Prozent – den Rest baut man mit ihnen gemeinsam auf.

Dieser Geistliche scheint sich über Gott eher zu amüsieren.

Der Geist der Kirche ist im Grunde ein Id. Weil bisher niemand Gott gesehen hat, soweit ich weiß, hat niemand Informationen. Die Wissenschaft ist anders, sie ist kein Id. Sie ist präzise. Ich fand es sehr interessant, die Rollen umzukehren. Der Priester hat Fakten. Der Arzt ist verloren.

Dracula greift einen Ballsaal voller Rokoko-Adliger an. Er beschmutzt sie mit ihrem Blut, ihre weißen Kleider werden dreckig. Man ahnt, wie viel Schmutz in früheren Zeiten durch Kleider kaschiert werden musste.

Ja, deshalb habe ich diese Zeit gewählt. Dracula hält es in dieser Versailles-Ära einfach nicht mehr aus. Alles war sehr schmutzig und roch. Die Leute verdecken alles mit großen Perücken und Make-up. Es war das Ende der Zeitalter der Könige. Wie bei den Römern, die zugrunde gingen. Als die Römer anfingen, immer mehr zu essen und verrückte Sachen zu machen, sogar sexuell, gab es ständig Partys, und das Reich brach zusammen. Es ist der Exzess vor dem Ende.