Dua Lipa in Berlin: Female Alpha im Zitat-Gewitter


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Wie haben wir das vermisst: Eine tanzende, wogende Menge, Hände in der Luft und sogar die leuchtenden Smartphones nerven nicht. Mit zwei Jahren Verzögerung holt Dua Lipa ihre Welttournee nach und bringt so etwas wie Normalität zurück. Eine Funktionshalle wie die Mercedes Benz Arena kann kein Club sein, und doch fühlte es sich ein bisschen so an. Zumindest in der letzten halben Stunde ihres fulminanten, 90-minütigen Konzerts, das sich zu einem mitreißenden Disco-Medley hochschraubt, in dem Balearic und Balkan Beats, oldschooliger Vocal-House und Funkgitarren, EDM und R&B zu einem irrwitzigen Flow zusammenfinden.

Dua Lipa ist ein Pop-Souverän im dunkelrosa Gymnastik-Catsuit, als sie die Bühne betritt. „Let’s get physical!“ zitiert sie kurz Olivia Newton-John; später wird sie „I wanna dance with somebody“ zitieren, zwei der vielen Zitate im Dua-Lipa-Kosmos, plakativ gesetzt, wirkungsstark. Zuvor hat sie alle Tänzer und Tänzerinnen vorgestellt, die sie mit niedlichen Plastikregenschirmen einrahmen, als sie „New Rules“ spielt, der Hit, der sie vor fünf Jahren an die Spitze der Charts katapultierte. Mit der coolen Zeile „If you’re under him, you ain’t getting over him”.

Das war nicht abzusehen, als mein Kollege Ralf Niemczyk Dua Lipa ein Jahr zuvor für ROLLING STONE in Pristina traf, wo sie ein Konzert gab, vom kosovarischen Ministerpräsidenten einen Blumenstrauß bekam und wo ihre Großmutter lebt. Der Weg von dort zum Weltstar ist auch der Weg einer Künstlerin, die ihre Kunst als hart erarbeitetes Handwerk versteht. Freunde synchroner Choreografien und gut gebauten Pops werden von ihrer Liveshow nicht enttäuscht. So wie sie das obskure, durch das One-Hit-Wonder White Town bekannte Streicher-Sample einer ultraobskuren 30er-Jahre-Jazzband kaltblütig in ihr herrliches „Love Again“ einbaut, so sind Show und Musik eine Reise durch Dance-Pop-Schnipsel der Jahrzehnte. „Future Nostagia“, der Titel ihres aktuellen Albums, ist Programm.

Dua Lipa

Ob sich Dua Lipa in Table-Dance-Posen wirft oder als strenge Gräfin in bodenlangem Glitzerkleid über die Bühne stolziert, jede Pose sitzt und spiegelt ihr Selbstbewusstsein als „female alpha“, an das sich die Welt gewöhnen müsse, wie sie im Titeltrack „Future Nostalgia“ singt. Das Album war eine Wohltat in der Pandemie – ein null depressives, selbstbewusst groovendes Statement gegen die Isolation und für das, was nun in der Halle geschieht: ein heiteres Come together auf dem Dancefloor (nun, ja, auf dem Funktionshallenboden). Es gibt Rollerskating und Discokugeln und die zackigen Beats von „Break My Heart“.

Mit „Be The One“ vom Debutalbum zeigt die Künstlerin dann noch einmal die Original-Bausteine des Dua-Lipa-Sounds: Europop, Disco, ein Schüsschen Elektrofiepser, Flashdance, Abba. Jederzeit erweiterbar. Zum Beispiel durch amtlichen Vocal House der frühen 90er, wie im tollen „One Kiss“. Oder, deutlich weniger toll, durch Tangerine-Dream-artiges Gewaber, featuring aufgehender Planeten über der Bühne. Oder durch Elton John, der per Videobotschaft im Background thront und seine hübsche Zeile „I think it’s gonna be a long, long time“ aus „Rocket Man“ singt, des Pop-Großmeisters Beigabe zu Dua Lipas „Cold Heart“.

Der größte Moment ist vielleicht die Ankunft des überlebensgroßen Hummers auf der Bühne, während Dua Lipa am Rande sitzend singt. Bei aller Fokussiert- und Formatiertheit blitzt auch immer wieder gelassener Unernst durch, die Lust am Zitieren, und das Zitierte in unmöglichen Kombinationen zu Neuem zusammenzusetzen. Nash dem Hummer kommen riesige Cocktailkirschen. Alles geht. Irgendwie. Bevor Dua Lipa headbangend im Lasergewitter und im goldenen Catsuit die Bühne verlässt.

Samir Hussein Samir Hussein/WireImage