El Hombre Invisible: Zum 100. Geburtstag von William S. Burroughs


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William S. Burroughs 1981 in Chicago

„Die Methode muss reinstes Fleisch sein / Und kein symbolisches Dressing / Wirkliche Visionen und wirkliche Gefängnisse“, schrieb Allen Ginsberg 1954 in seinem Gedicht „On Burroughs’ Work“ über seinen Freund William S. Burroughs, zwei Jahre bevor Ginsberg selbst mit seinem Gedicht „Howl“ in die Annalen der US-amerikanischen Literatur- und Gegenkulturgeschichte einging.

Kurz darauf legte Jack Kerouac mit „On The Road“ sein bekanntes Werk vor, zwei Jahre später sollte dann auch Burroughs’ literarischer Durchbruch mit „Naked Lunch“ folgen: Die „Beat Generation“ wurde Teil des literarischen Kanons. Und aus ein paar befreundeten Autoren, deren Werke außerhalb des Zeitkontexts wenig miteinander zu tun hatten, wurde eine Gegenkultur – und die Protagonisten zu Popikonen, jeder auf seine Weise. Der vom Buddhismus zum Katholizismus heimgekehrte Kerouac kreuzigte sich selbst mit Whiskey, Ginsberg wurde salonfähiger und medial präsenter Poet Laureate – nur Burroughs blieb schwer zu greifen. Und doch: Gerade sein Werk scheint sie alle überdauert zu haben. Die Straßen aus „On The Road“ gibt es längst nicht mehr, „Howl“ ist ein erinnerungswürdiger, aber doch lange verhallter Aufschrei – Burroughs Werk hingegen, in all seiner Fiebrigkeit, Ungreifbarkeit, Absurdität und Dystopie, scheint nicht nur gut gealtert, sondern streckenweise aktueller denn je zu sein.

Der Moment, der ihn für den Rest seines Lebens zum Schreiben bringen sollte, war ein tragischer. „Es ist Zeit für das Wilhelm-Tell-Spiel“, soll ihm seine Frau Joan Vollmer (die er trotz seiner Homosexualität heiratete) auf einer Party gesagt haben. Dann legte sie sich einen Apfel auf den Kopf. Er wiederum zögerte nicht, drückte ab, verfehlte den Apfel. Joan Vollmer starb sofort. Ins Gefängnis musste er nie, dafür sorgten seine Anwälte schon aus Sorge um ihr eigenes Renoméé. Auf der Flucht war er dennoch. Tangier war einer der Orte, wo er hinzog, weil die Opiate günstig und Homosexualität akzeptiert war. Dort hatte er den Spitznamen „El Hombre Invisible“.

Junkie wurde er aus Neugierde. Dieses Interesse an Randgestalten, Kleinverbrechern, Dealern und Taschenspielern war bei den Beatniks nichts Ungewöhnliches – so kam auch der 1996 verstorbene Kleinganove Herbert Huncke zu populärkulturellen Ehren –, Burroughs’ Interesse an Abgründigkeiten hatte aber nicht diese Romantik, wie das bei Kerouac immer der Fall war. Er begann mit Opiaten zu dealen, ehe er aus Lust das erste Mal Heroin spritzte. Es dauerte Jahrzehnte, bis er davon wegkam.

Das Bemerkenswerte an der Erscheinung des schlacksigen Anzugträgers mit der knarzenden Stimme war immer seine Unterkühltheit, seine Distanz. Für Burroughs schien alles ein Labor zu sein, ein Versuch. Waren seine ersten Werke, vor allem „Junkie“ noch im traditionellen Sinne lesbarer, war es bald die „Cut-Up“ -Methode, mit der Burroughs arbeitete. Seiten wurden zerschnipselt, Wörter, Sätze und Absätze mit anderen kombiniert. Der Maler und Autor Brion Gyosin zeigte ihm diese Arbeitsweise im „Beat-Hotel“, jener legendären Absteige auf der Pariser Rue Gît-le-Cœur, in dem auch Ginsberg Teile seines Howl-Nachfolgers „Kaddish“ schrieb. Deutsche Autoren, die auch Cut-Up praktizierten, waren Jürgen Ploog, Jörg Fauser und der als Bukowski-Übersetzer bekanntgewordene Carl Weissner, mit dem Burroughs auch kollaborierte.

Zeitliche Abfolgen wurden egal, es entstanden alptraumhafte Szenarios, fieberhafte Dystopien, Geschichten über Paranoia, Rausch und Spione. Diese Technik, die man zu den Dadaisten zurückführen kann, inspirierte unter anderem auch David Bowie. 1974 erschien im ROLLING STONE ein legendäres und lange Zeit vergessenes Gespräch zwischen Bowie und dem Schriftsteller, geführt von Craig Copetas im November 1973. Bowie und Burroughs diskutieren in einem umfassenden und deutlich auf gegenseitigem Respekt basierenden Plauderei über Andy Warhol und Ziggy Stardust, Revolution und die Lage der Welt. „Die Welt hat noch fünf Jahre bis zum Untergang“, meinte Bowie damals, der jegliche Inspiration von der Literatur abstritt und sogar behauptete, T.S. Eliott nicht zu kennen (das Gespräch gibt es in der Juni-2012-Ausgabe des deutschen ROLLING STONE nachzulesen). Im Laufe der Diskussion erklärt Burroughs, dass 70 Prozent seiner Einfälle aus seinen Träumen kommen. Er verarbeitete diese Träume mit Romanen, Videokunst, Malerei, Essays, Kurzgeschichten und Performances.

William Seward Burroughs der Zweite wurde am 5. Februar 1914 als zweiter Sohn von Mortimer Perry Burroughs und Laura Hammond Lee in St. Louis, Missouri, in eine wohlhabende Familie geboren. Sein Großvater, William Seward Burroughs I, war Gründer der Burroughs Cooperation, eines Großbetriebs, der unter anderem auch Schreibmaschinen und Drucker herstellte und die Familie auf Generationen hin finanziell absicherte. Das bürgerliche, geradlinige Leben, das ihm in die Wiege gelegt zu sein schien, hat ihn seit dem Tag, als er bei der Navy abgelehnt wurde, nicht mehr verfolgt.

Als ihn die Popkultur wiederentdeckte, war er bereits Ende 60. Er arbeitete mit Tom Waits, Kurt Cobain und Laurie Anderson, spielte im Gus-Van-Sandt-Film „Drugstore“ mit und wurde von auch von U2 regelrecht hofiert. Seine letzte Jahre verbrachte er (der bis zum Ende seines Lebens an einem Methadon-Programm teilnahm) auf einer Ranch in Texas mit Schusswaffenübungen (eine Passion, die ihn nie losließ) und seinen Katzen. William Seward Burroughs II starb im Alter von 83 Jahren an einem Herzinfarkt.