Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bella Napoli

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bella Napoli

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Folge 149

Es muss einmal mehr um Italien gehen. Wenn Sie diese Zeilen lesen, weilt Ihr ergebener Chronist im wilden Neapel. Sie sollten das dringend auch mal tun. Die Klischees sind wahr: Mehr noch als im Rest Italiens ist die regionale Populärmusik hier sehr bedeutsam. Die Neapolitaner singen ständig. Selbst dann, wenn sie nicht singen.

Zu meiner großen Freude wurde ich beim Umherschalten im TV eines faszinierenden Senders ansichtig. In Bella Napoli existiert eine TV-Station, die ausschließlich auf das Abspielen neapolitanischer Popmusik – ein nicht unbedeutendes Marktsegment im Süden Italiens – spezialisiert ist. Das Angebot des Senders ist überschaubar: Es gibt eine Rotation von allenfalls zehn Videos. Aber was für Videos dies sind! Wer es schafft, ­alle hintereinander zu schauen, wird damit belohnt, dass die Lieder für immer im Hirn weiterdudeln und dem solcherart Bedudelten den Alltag daheim als noch schwerere Prüfung erscheinen lassen als ohnehin schon. Die Videos wiederum sollte man dringend in mitteleuropäischen und amerikanischen Popvideo-Seminaren zeigen, damit sich Musikvideo-Regisseure eine Packung Grandezza abholen können.

Ungefähr 47-mal sah ich beispielsweise Gianni Fiorellinos Clip „Voglio parlà cu tte“: Fiorellino trägt seine Undercut-Frisur zu einem kurzen Man-Bun geknüpft und sitzt mitsamt seinem Flügel am Strand, wo ihn vier Flutlichter beleuchten. Was neapolitanische Schmachtsänger eben so die liebe lange Nacht machen. Man merkt gleich: Der Mann macht keine Gefangenen. Sein Lied klagt vom Leid des Verlassenen – was im neapolitanischen Idiom noch um einiges aufwühlender klingt als in anderen Sprachen. Wenn man meint, mit der Flügel-am-Strand-Nummer wäre es getan, präsentiert Fiorellinos Regisseur den genialen Twist des Videos: Fiorellino greift sich in seiner bitteren Not eine Schaufensterpuppe, klebt ihr ein Foto des Gesichts der Entronnenen auf und umtanzt mit ihr einen Swimmingpool.

Ein Veteran des Napoli-Pop scheint Tommy Riccio zu sein: Der 52-Jährige hat gleich zwei Videos beim Sender auf Rotation. Beim ersten, „Nammurate“, handelt es sich um ­eine weitere Studie in Sachen süditalienischer Haudrauf-Emotionalität. Wir erleben ein verliebtes Paar in allerhand Situationen, die verliebte Paare eben so durchleben: beim Rotweintrinken im Ristorante, beim Erstellen von Selfies, beim Herumtollen am Strand. Bei den Restaurantszenen stets im Hintergrund: Tommy Riccio, der die Szenerie andeutungsvoll beklimpert. Video Nummer zwei gefällt mir noch besser. „Nuje meridionali“ demonstriert zweierlei. Erstens: Tommy Riccio besitzt eine tolle gelbe Daunenjacke. Und zweitens: Der Mann versteht es ausgesprochen kompetent, auf seiner Gitarre einen A‑Dur-Akkord hin und her zu schieben. Abermals prägt ein tragischer Gestus die Darbietung.

Gerade als man meinte, Napoli-Pop ­wäre eine ganz und gar ernste Sache, darf man Bekanntschaft mit zwei Videos des Sängers Mimmo Dany machen. Dany sieht aus wie Neapels jüngere Antwort auf Klaus Eberhartinger, den Sänger der Ersten Allgemeinen Verunsicherung. Er benimmt sich auch so. Mimmo Danys Lied „’O cavallo ’e ritorno“ zeigt die zeitgenössische Popmusik aus Italiens drittgrößter Stadt in ihrer trashig-klamaukigen Variante. Dany ist in einer Doppelrolle zu bestaunen: Er spielt einen von der Mafia drangsalierten Familien­vater – und den degenerierten Mafiapaten (Letzteren mit einer Perücke, die aussieht wie irgend­etwas, womit man besser den Boden wischen sollte). Man muss es selbst gesehen haben.
Ich kann nur so viel sagen: Meine Begeisterung für Mimmo Dany hat Ausmaße erreicht, die in meinem engeren Umfeld für schwere Irritation sorgen. Doch was wissen diese Menschen schon? In meinem nächsten Leben möchte ich bitte als neapolitanischer Popstar wiedergeboren werden.

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