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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Das größte Spektakel nach dem großen Knall

Folge 203

Über Lorenzo Cherubini alias Jovanotti schrieb ich ja schon in der letzten Ausgabe. Italiens größer Popstar sendet seit Tagen schon stundenlang live aus dem Wohnzimmer, um seine von Sorge und Budenkoller geplagten Landsleute durch diese seltsamen Zeiten zu begleiten. Da sitzt der notorisch gutgelaunte Fusselbart dann mit Schweißflecken unter den Armen, spielt unermüdlich Gitarre, erzählt, chattet mit Fans und Musikerkollegen. Zwischendurch führt er seine beträchtliche Sammlung flamboyanter Kopfbedeckungen vor. Es ist rührend und sieht gleichzeitig so unfassbar leicht aus. Sprezzatura in Anwendung.

Vor zwei Jahren besuchte ich ein Jovanotti-Konzert in Mailand. Keine Arena-Show konnte mich auf den personellen, technischen, vor allem aber: physischen Aufwand vorbereiten, mit dem der Römer und sein Team hier zu Werke gingen. Ständig wurde in leistungssportiver Unermüdlichkeit herumgesprungen und alle paar Minuten die Geckenklamotte gewechselt, während es auf den Leinwänden in quietschigster Eklektik wuselte und wimmelte und sich urplötzlich meterhohe DJ-Pulte in der Hallenmitte emporschraubten. Ein Spektakel sondergleichen: als hätten die Stage-Designer von Madonna, Beyoncé und Lada Gaga in der Trattoria gemeinsam die Grappa-Bestände geleert. Ihren bisherigen Höhepunkt fanden die Shows von Jova aka Lorenzo dann im letzten Sommer, als der Musiker mit seiner Band im Rahmen der „Jova Beach Party“-Tour die Strände des Stiefels betourte.

Und nun also „Jova House Party“. Mal ganz abgesehen davon, dass niemand von mir ein ähnliches Projekt einfordern würde: Ich könnte das auch gar nicht. Bei mir zuhause sieht es nach inzwischen zehn Tagen selbstauferlegter Risikogruppen-Quarantäne zu verwohnt aus, um mittels Instagram die Leute gitarreschrammelnd bei Laune zu halten. Wahrscheinlich wären Live-Streams aus meiner Wohnung derzeit sogar eher kontraproduktiv, weil sie die Menschen noch mehr in Panik gerieten ließen: „Sehet – so kann es enden!“ Außerdem fehlt mir diese Jovanotti-sche Leichtigkeit.

Ach so, Jovanottis Musik: Die sei allen Menschen mit grundsätzlicher Empfangsbereitschaft für Pop dringend an die Brust gedrückt. In gewisser Weise wirft Jova mit großer Leichtigkeit alles zusammen, was italienischen Pop in den letzten 50 Jahren ausgemacht hat: das Lyrische der Cantautori, das Quasselig-Sendungsbewusste des Italo-HipHop, die Eleganz und Süffigkeit der Musica Leggera, das Sorglose der konfektionierten Sommerhits. Im Endergebnis ist das extrem satisfaktionsfähiger Turbo-Pop, wie ihn hierzulande in dieser Allesumarmung niemand je so lässig hinbekäme. Ein paar Songempfehlungen: „Ragazza Magica“ repräsentiert gut den lispelnden Softpopper, „Oh, Vita!“ von seinem gleichnamigen, von Rick Rubin produzierten Album den verschlurften Rapper; „L’Estate Adosso“ (Den Sommer am Leib) ist ein Turbohit für jede gutsortierte Strandbar. Zu seinen besten Arena-Kloppern zählen „Mezzogiorno“, „Il Più Grande Spettacolo Dopo Il Big Bang“ (Das größte Spektakel nach dem großen Knall) und „Ti Porto Via Con Me“ (Ich nehme dich mit mir), und von den Balladen seien „A te“ und mein Lieblingslied „Baciami ancora“ (Küss mich noch einmal) hervorgehoben.



Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Keinerlei Anlass zur Güte

Folge 210 Wenn der Mensch vor lauter Gegenwart nicht mehr zum Atmen kommt, richtet er den Blick gerne in die Vergangenheit. Viele Leser dieser Kolumne dürften ihre popmusikalische Erweckung in den sogenannten Neunzigern erlebt haben und mit entsprechender Güte auf jene Ära zurückschauen. Dabei besteht zu solcher Güte keinerlei Anlass! Nehmen wir allein das Jahr 1995: gerade erst vorbei, so lange her, 25 Jahre. Zwar kamen 1995 einige Lieblingsalben Ihres Chronisten heraus (Guided By Voices’ „Alien Lanes“, Pavements „Wowee Zowee“, „Clouds Taste Metallic“ von den Flaming Lips und D’Angelos „Brown Sugar“), aber es gab eben auch den ganzen Rest, und…
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