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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Kurt

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Kurt

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Folge 137

Ja, doch: Kurt Kreikenbom ist ein Held für mich. Ich sage „Held“, weil mir das Wort „Vorbild“ noch viel weniger gefällt.

Kurt Kreikenbom hat mir und etlichen anderen Leuten im Köln der Neunziger Jahre demonstriert, dass man es ernst meinen kann mit dem Musikmachen. Damals stand Kurt der Band The Furthurs vor, der besten klassischen Gitarrenband, die diese Stadt je erlebt hat (das Album „From the Wells of Disappointment“ ist jede Fahndung wert!). Nebenbei spielte er in zig anderen Projekten, sang solo in Kneipen – gerne auch finstere Parodien auf karnevalistische Schlager – und legte in einschlägigen Bars Musik auf, deren Schönheit ich erst Jahre später halbwegs verstand. Von Kurt lernen, hieß: das Besondere, das Aufregende, das Originelle in der Tradition zu suchen. Und es hieß, groß zu denken. Es gebe nur zwei Menschen, die das Debütalbum der Furthurs produzieren dürften, äußerte er damals: den legendären Musikbiz-Strippenzieher und unberechenbaren Alleskönner Kim Fowley und Mark Kramer, seines Zeichens genialischer Produzent, Shimmy-Disc-Labelchef sowie Mitglied von Monsterbands wie Bongwater oder B.A.L.L.. Den Zuschlag erhielt am Ende tatsächlich Letzterer, da Fowley verhindert war. Kurz vor Fowleys Tod kam es dann doch noch zur Zusammenarbeit mit dem Gewaltigen, als Kurt auf dessen letzter Deutschlandtournee vor ein paar Jahren in Fowleys Tour-Band Schlagzeug spielte. Die knappe Probe der Musiker mit dem großen Unruhestifter gehört zum Unglaublichsten, was ich je im rockmusikalischen Kontext miterleben durfte. „Du bist viel zu glücklich, Mann“, sprach Fowley an einer Stelle, zu Kurt gewandt, als der einem Stück einen munteren Sixties-Beat unterlegte. „Spiel’ so, als wärst Du in Rumänien! Ok, das nächste Stück, das wir spielen, nennen wir ,Romania.“

Neu auf Vinyl: „Every Wistful Waiting Star“

Kurt und ich kennen uns nicht besonders gut, aber wir mögen uns. Man muss Kurt mögen. Einmal sprang er für mich als Schlagzeuger bei meiner damaligen Band ein, weil ich mir dämlicherweise bei einem Fahrradunfall beide Arme gebrochen hatte. Wann immer wir uns in den letzten Jahren trafen, wies er mich grinsend auf diese Vertretungstätigkeit hin. Später kam Kurt, wann immer ich in Berlin spielte, zu meinen Konzerten. Manchmal brachte er mir selbstgebrannte CDs mit persönlichen Best-of-Zusammenstellungen obskurer Folkrock-Bands mit, und wir unterhielten uns darüber, wie sich in einem Badezimmer ein guter Gesang-Hall erzeugen ließe. Beim letzten Treffen tauschten wir unsere aktuellen Album-Veröffentlichungen aus. Im Herbst vergangenen Jahres schrieb ich Kurt eine E-Mail mit der Frage, ob er nicht Lust habe, bei meinem nächsten Berlin-Auftritt als Gitarrist mitzuwirken. Es kam keine Antwort. Das nahm mich Wunder, denn Kurt reagierte sonst immer sehr schnell (etwa, wenn ich im Pop-Tagebuch mal wieder irgendetwas Halbgares geschrieben hatte). Heute weiß ich, warum ich keine Antwort erhielt. Es geht Kurt nicht gut, er ist sehr krank.

Um Kurt Kreikenbom in diesen Tagen einen großen Wunsch zu erfüllen – und um ihn und seine Musik zu feiern – haben Freunde nun sein jüngstes, bislang nur auf CD veröffentlichtes Werk auf Vinyl zugänglich gemacht. „Every Wistful Waiting Star“, das er zusammen mit dem Musiker Thomas Knobl unter dem Namen Apache Blanket einspielte, enthält zwölf Gedicht-Vertonungen, denen Texte von u.a. William Butler Yeats, Emily Dickinson und Robert Louis Stevenson zugrunde liegen (William Brownes „Song II“ wird im Booklet als „A 17th century rave classic“ bezeichnet).

Man muss das alles im Grunde nicht wissen. Dazu ist die Musik viel zu gut. Aber es erzählt eben doch so einiges über Kurts Verhältnis zu Tradition und Moderne. So oder so: „Every Wistful Waiting Star“ (abermals gemastert von Kramer) ist ein ungemein dichtes, komplexes Album, auf dem sich britischer Früh-Siebziger-Folk und die Cosmic American Music derselben Ära in Songs verbinden, die oft klingen, als wären sie im Garten gewachsen. Man denkt an Grateful Dead, an Judy Henske und Jerry Yester, an Pentangle oder Townes van Zandt, aber das hier ist dennoch einzig und allein die Show von Apache Blanket. Vielleicht denkt man aber auch gar nicht, sondern verliebt sich einfach nur in diese ruhig atmende, weltfremde Musik. Kurt Kreikenboms Gesang sorgt dabei interessanterweise gleichzeitig für Aufrauung wie Erdung, während Thomas Knobl etliche Gitarren, Xylophone, Glockenspiele, Maultrommeln, Balalaikas (!) und Orgeln bedient. Mein persönlicher Favorit ist „Song“, das auf einem Gedicht von Richard le Galliene basiert („A simply irresistible poem that time forgot, possibly because it makes time look meaningless.“)

„May this album spread out its wings untiring and never rest in its flight“, wird William Butler Yeats im Booklet paraphrasiert. Danke, du Held.

https://www.youtube.com/watch?v=aHvoMQKh8Ds
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