Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Moon in June

Folge 180

Der Juni ist mein Lieblingsmonat. Noch ist der Sommer ein Versprechen, mit Hoffnungen aufladbar, noch nicht so durchgelebt und vollgeschweißelt. Spätestens im Juli sind einem dann schon wieder die ganzen Schattenseiten des Konzepts Sommer mehr als deutlich klar geworden. Es soll daher heute hier um handverlesene Lieblingslieder über den Monat Juni gehen, der – so lese ich eben im Handbuch der naheliegenden Formulierungen – „vor der Tür“ steht.

Kommen Sie also mit, und folgen Sie mir auf die im Abenddunkel liegende Wiese, dort hinten zu den tanzenden Glühwürmchen…

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Hoagy Carmichael – Memphis in June (1945)

Der June-Song schlechthin. Der große Hoagy Carmichael schrieb das Stück gemeinsam mit dem Texter Paul Francis Webster für den Film „Johnny Angel“, in dem Carmichael ihn auch in einer Szene am Klavier zum Besten gibt. Den Song, nicht Webster. Nina Simone, Julie London, Jimmy Giuffre und viele andere haben „Memphis in June“ ebenfalls dargeboten, aber Carmichaels bodenständiges Crooning bleibt unerreicht.

Memphis in June
With sweet oleander
Blowing perfume in the air
Up jumps a moon
To make that much grander
It’s paradise, brother
Take my advice,
Nothing’s half as nice
As Memphis in June

Es folgen ein Solo von der gestopften Trompete und Carmichaels Pfeifen. Interessanterweise soll Hoagy Carmichael die optische Vorlage für Ian Flemings James Bond gewesen sein. Ganz toll sind auch seine Auftritte in Howard Hawks’ „To Have and Have Not“, den man ohnehin einmal im Jahr schauen sollte. Warum nicht im Juni

Soft Machine – Moon In June (1970)

Die Hochwassermarke meiner persönlichen Annäherungsfähigkeit an Prog-Rock. „Moon In June“ vom dritten Album der Canterbury-Götter um den Schlagzeuger Robert Wyatt gilt als der letzte gesanggetriebene Soft-Machine-Song, den die Band vor dem Aufbruch in den Jazz-Rock aufnahm. Es ist eine Lied über eine Liebesaffäre: „ I’ve got my bird, you’ve got your man / So who else do we need, really?“ Wyatts Gesang ist wie immer herzumkrempelnd.

Etwa drei Jahre später – am 1. Juni 1973 – stürzte Wyatt bei einer gemeinsamen Geburtstagsparty von Gong-Sängerin Gilli Smyth und June „Lady June“ Campbell Carter aus dem vierten Stock auf die Straße. Fortan den Rollstuhl gefesselt, von seinem Schicksal aber einigermaßen unbeeindruckt, legte Wyatt in der Folge eine künstlerisch enorm fruchtbare Solo-Karriere hin, als deren Krönung das 1991er-Album „Dondestan“ betrachtet werden darf.

B52’s – Junebug (1989)

„Well, I guess, the message to this song is: Go organic, don’t use pesticide“, verkündete PETA-Aktivist und B52’s-Vortänzer Fred Schneider auf der Bühne. Sinnigerweise beginnt die Album-Version des Stücks auf der akustischen Blumenwiese, dann setzt die 1989er-gated-drums-Variante des patentierten B52’s-Sounds ein. „ When Junebug floats down and yells „Hey!“ / Even the razorbacks get outta her way“, proklamiert der leidenschaftliche Kuhglockenspieler Schneider. „Cosmic Thing“, das dazugehörige Album, markierte nach dem Tod ihres Gitarristen Ricky Wilson im Jahr 1985 das glorreiche Comeback der Band. Funktioniert immer noch gut auf allen Juni-Partys, ob nun im selbstgezimmerten „Love Shack“ oder andernorts.

Jolie Holland – June (2011)

Die Texanerin Jolie Holland, einst Gitarristin der Be Good Tanyas, ist zwar Folk-Traditionalistin, hält sich aber gottlob auf ihren schön verspulten Alben von Americana-Klischees fern. „June“ stammt von ihrem vorletzten Werk, auf dem sie von The Great Chandeliers begleitet wird. Es ist ein Nachtsong wie aus dem Bilderbuch, dessen Genuss eine schöne Betrunkenheit sicher nicht abträglich sein dürfte. „Butterflies and buzzards in the heavy air / Lightning bugs light up the dusk and disappear“. Eine Geige spielt sanft dazu. Hollands Gemaunze ist unwiderstehlich.

Sun Kil Moon – Early June Blues (2017)

Auch der Juni schützt vor finsteren Gedanken nicht. Das macht der vorliegende Song des großen Mäanderers Mark Kozelek deutlich, der gleich eingangs ans Eingemachte geht:

How do I live to be a hundred, baby?
To make sure that you grow old with me
And if we grow old, who’ll bet he one to stay when the other is gone?
And besides us no longer wakes up

Kozelek wäre nicht Kozelek, wenn ihn sein Blues nicht im Laufe der folgenden gut sieben Minuten ins Dorthinaus triebe: Es geht um kulturpessimistische Impulse, die Unersetzbarkeit zwischenmenschlichen Kontakts, die Nachbarskatze, cyber trolling, Nachrichten über einen gefassten Chinatown shooter, Muhammed Ali und die Strapazen bevorstehender Konzertreisen – nach Beijing, Buenos Aires, „Pluto and Mars“. „Blues in June“ ist ein Lied über Verbindung und Verbundenheit und zeigt weniger den Grummler und Wüterich Kozelek, als vielmehr den Tröster: „For those of you who can’t find love and are unhappy – I send you a ton“.

Auf dieser heiteren Note will ich für heute enden. Wer weiterhören mag, dem seien „June Bug“ von den Melvins (für Meat Puppets-Fans), Van Morrisons „Evening in June“ (für Naturkundler) und „Miss June `75“ von The Brian Jonestown Massacre (für Heroinabhängige) empfohlen. Und wenn es im Juni mal zu tröpfeln beginnt, ist man bestens beraten mit Ray Davies, der 1966 für den Kinks-Song „Rainy Day in June“ die folgenden Zeilen dichtete:

The cherished things are perishing
And buried in their tomb
There is no hope, no reasoning
This rainy day in June


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bomben und Schwertfische

Folge 186 Wenn Sie diese Zeilen lesen, weilt Ihr ergebener Autor im Zuge eines ausgedehnten Sommer-Praktikums auf einer kalabresischen Oliven-Ranch. Man bekommt hier nicht viel mit. Manches aber schon. Vor ein paar Wochen etwa jährte sich zum 25. Mal der Todestag des großen italienischen Sängers Domenico Modugno. In den Timelines meiner Social-Media-Kameraden habe ich nirgends eine Wertschätzung entdecken können, hier unten in Italien war der Jahrestag ein Nachrichtenthema. Zu Recht! Modugno war – ähnlich wie Gilbert Bécaud – einer dieser Menschen, die für die Bühne geboren wurden. Man schaue sich nur einmal an, wie der Mann aus Apulien 1955 in…
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